Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 40 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Achish 1× ep/1003213
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164 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr 0 Der alte Saran, den diese Worte noch lebendiger an das Gespräch im Verließ erinnerten, suchte den Sprechenden durch eine ungeduldige und eigensinnige Handbewegung am Weitersprechen zu hindern. „Du brauchst mich nicht zu belehren“, sagte er gereizt. „Ich wrerde die Hinrichtung nicht zulassen, und Schluß damit. Solch einen Mann darf man nicht enthaupten, ebenso wie man eine mit Versen beschriebene Rolle nicht verbrennen oder einen silbernen Becher kretischer Arbeit nicht zerschlagen darf. Ein Volk, dessen Urväter schon in Palästen geboren wurden, darf das nicht tun.“ Die Würdenträger sahen sich an und senkten die Köpfe. Sie wußten, daß es zwecklos sein würde, mit ihm weiter zu streiten. „Ich will Frieden unter euch stiften“, mischte sich da der Gast aus Ekron ein. „Deine Ratgeber haben recht, mein Vater und Bruder. Einen solchen Vogel im Käfig zu halten wäre das gleiche, als wollte man am Dreschtag mitten auf der Tenne ein Feuer anbrennen. Aber ich halte ja schon seit langer Zeit Vögel in Käfigen. Ich besitze einen Sklaven aus dem kalten Land jenseits des Meeres, der sehr gewandt ist im Umgang mit Nachtigallen. Er sticht ihnen vorischtig die Augen aus. Sie singen dann schöner und können nicht fortfliegen. Machet mit Tajisch das gleiche: dann ist er ungefährlich. Er wird ein paar Tage toben — und sich dann damit aussöhnen. Und wieder wird er zum Lieblingsnarren Philistäas werden. Ich kenne diese Wilden: hänget einen von ihnen an den Beinen auf — und er wird sich in einer Stunde daran gewöhnen.“ „Und das Eiserne Tor? fragte einer der Versammelten, ein rachsüchtiger Mensch. „Was ist ein Tor?“ antwortete der Saran von Ekron. „Ein Tor in einer Mauer ist dasselbe wie das Auge in der Stirn. Auge um Auge — das ist sogar, glaube ich, ein Sprichwort dieser Leute. Vortrefflich!“ * •i Und so machten sie es auch, ln dunkler Nacht weckte man Simson durch Zuruf von oben und ließ ihm einen dicken geflochtenen Strick hinab: Steige heraus! Er kletterte heraus, indem er mit beiden Händen sich an den ledernen Knoten festhielt. Oben aber, zu beiden Seiten der Luke, standen zwei Soldaten mit glühenden Eisenstäben und w. teten, bis sich in der Öffnung der Kopf zeig würde... Achtundzwanzigstes Kapitel Unter Freunden Der blinde Tajisch lebte jetzt in dem Ei geborenenviertel von Gaza. Man hatte il wohl wissen lassen, daß er sich in einem Ai bau des Saranpalastes niederlassen dürfe ui daß man ihm einen Knaben als Führer un eine junge Sklavin beigeben würde. Aber t hatte nichts geantwortet und war in die Vo] stadt gegangen, indem er sich auf die Schu ter eines Wasserträgers stützte. Dort liefe die Eingeborenen zusammen und begänne sich zu streiten, wer ihn in sein Haus auf nehmen solle. Ein jeder pries seine Hütte Simson mischte sich nicht ein. Schließlich ent schied eine Alte den Streit, indem sie sagte „Er muß bei dem Zimmermann Anko: wohnen. Ankor wird ihn niemanden anderer gönnen — ihr wißt es ja selbst.“ Und alle wurden still und waren sich sofon einig, daß diese Ehre dem Zimmermann Ankor zustehe. Und der Zimmermann und seine Frauen pflegten Simson mit Mitleid und Ehrfurcht. Simson trauerte nicht. Es war zwar sehr unbehaglich ohne Augenlicht, aber er legte schon lange keinen Wert mehr auf alles das, was ein Mensch zu sehen bekommen kann, und sehnte sich weder nach dem Anblick von Dingen noch von Menschen. Nur die Erniedrigung, eine ganze Reihe von Erniedrigungen, bedrückte ihn: daß man ihn Achisch um Geld abgekauft hatte, daß man vor seinen Augen Nechuschtan tötete, ohne daß er ihm beistehen konnte; daß man ihn des Haares beraubte, unter anderem auch, daß man ihn geblendet hatte. Erst allmählich kam ihm der Gedanke, daß diese letzte Kränkung die wichtigste und sein Leben damit beendet war, selbst wenn er noch hätte weiterleben wollen. Aber das begriff er nur mit dem Verstand, als handelte es sich um eine rein geschäftliche Berechnung — an seiner Stimmung wurde dadurch nichts geändert. Er hatte offenbar schon vorher mit dem Leben abgeschlossen, schon damals, als er, nachdem er Achisch den Schädel zertrümmert, aufs Geratewohl fortgeritten war, fort von Dan, fort von Philistäa. (Fortsetzung folgt)