Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 39 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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160 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 39 das gestohlene Stadttor ein bedeutend größerer Verlust war als der Tod seines liederlichen Neffen, darum mußte das Vergnügen der Abrechnung mit Simson Gaza überlassen werden. In Gaza warf man den Gefangenen, ohne ihm die Fesseln abzunehmen, in ein tiefes steinernes Verließ, das oben eine Luke hatte. Gleich in der ersten Nacht zerschlug er die hölzernen Schließen an der Wand. Die Nachricht hiervon verbreitete sich sofort in ganz Gaza und wurde mit Befriedigung von Mund zu Mund weitergegeben; denn Gaza hatte nichts anderes erwartet, als daß Tajisch es nochmehrfachwürde in Erstaunen versetzen, auch selbst dann noch, nachdem man ihm die Haut vom Leibe gezogen haben würde. Aber an der glatten Wand aus der Grube herauszusteigen — das vermochte selbst er nicht. Speise und Trank wurden ihm durch die Luke hinuntergelassen, und zwar im Überfluß — so hatte der Befehl gelautet — und er aß viel. Seine Stimme jedoch bekam niemand zu hören. Übrigens machte auch niemand den Versuch, mit ihm durch die stets bewachte Luke ein Gespräch zu beginnen. Am Abend jenes Tages, da in dem Palast die Beratung stattgefunden hatte, streckte ein Hauptmann den Kopf zur Luke hinein und sagte: „Der Saran möchte mit dir sprechen, doch möchte er weder Holzschließen noch Ketten an dir sehen. Versprichst du, ruhig zu ihm hinzugehen, dich ruhig zu verhalten und wieder ruhig hierher zurückzukehren?“ Simson schwieg lange und antwortete dann: „Wer etwas von mir will, soll selber herkommen.“ Nach einer Stunde steckte der Hauptmann wieder den Kopf hinein und sagte: „Wenn der Saran zu dir kommt — versprichst du dann, ihm nichts anzutun? Der Saran hat befohlen, dir folgendes zu sagen: Wenn Tajisch sein Wort gibt, so glaube ich ihm.“ Simson schwieg. „Er hat auch noch befohlen,“ fügte der Hauptmann hinzu, „dir mitzuteilen: Ich werde allein kommen, wenn es ganz dunkel geworden ist, und zwar ohne Fackel.“ Simson hatte gerade hieran gedacht: ob der Saran wohl bei Tage kommen und sich seinen kahlen Kopf betrachten würde? — und hatte darum geschwiegen. Der alte Herrscher von Gaza war jedoch ein bedachtsamer und rücksichtsvoller Mann. „Ich verspreche es“, sagte Simson. * * w. Eine halbe Nacht saßen sie beide in der schwarzen Finsternis: Simson auf dem Boden, der Saran auf einem Steinvorsprung. Die Wache hatte den Befehl erhalten, nicht zu lauschen, und niemand hörte ihr Gespräch. „Du bist unser“, sagte der Saran. „Ich weiß alles, was bei der Versammlung eurer Ältesten in Zora geschehen ist. Zürne nicht, daß ich davon spreche, ich bin ein alter Mann, und unsere Sitten sind nicht die euren. Es ist an dieser ganzen Sache — selbst wenn sie sich so verhalten hat — nichts Schändliches weder für das Weib noch für ihren Sohn. Doch nicht im Blut liegt das Wesen des Menschen, sondern in der Seele. Du bist unser. In den Sagen Kretas und Trojas ist von Helden die Rede, die dir so ähnlich waren wie Brüder. Doch nie hat es solche Männer weder im Geschlecht deiner Mutter gegeben, noch unter den anderen Stämmen ihres Volkes. Du bist ein Fremder unter ihnen, vielleicht zur Hälfte fremden Blutes, ganz fremd aber in deinem Herzen und in deiner Art.“ Simson schwieg lange und fragte dann: „Warum sprichst du hiervon?“ „Komm zu uns, Tajisch“, antwortete der Saran. „Du wirst bei uns ein Heerführer über den Heerführern sein. Du wirst für uns — für das Volk deiner Seele — das große kanaanitische Reich schaffen. Dor wird unser werden, und Sidon wird uns im Norden Tribut zahlen. Amalek im Süden wird unser Lehnsgebiet werden bis an die Grenze Ägyptens.“ Simson lächelte stumm, und der Saran erriet es trotz der Finsternis. „Ich weiß deine Antwort. Du möchtest fragen: Und im Osten? Ja, auch im Osten müssen wir Einigkeit schaffen und Ordnung, Macht und Gerechtigkeit. Kanaan ist eins, von Gaza bis Ramoth, das in Gilead hinter dem Jordan liegt. Doch beeile dich nicht mit der Antwort; laß mich zu Ende sprechen. Ich kenne dich. Ob nun unser oder ein Fremder — du hast Dan gedient; ob nun unser oder ein Fremder — du wirst dich nie einverstanden erklären, zum Vernichter Dans zu werden, noch der übrigen Stämme. Und auch nicht das ist es, was ich dir vorschlage.“ Selbst trotz der Dunkelheit sah der Saran die auf ihn gerichteten funkelnden Augen und erriet den Ausdruck des Zornes und Spottes, der in ihnen! lag. „Ich verstehe“, sagte Simson. „Ich soll für euch den Süden und Norden unterwerfen. Dort werdet ihr neue Heerestausende anwerben, um sengend und plündernd gegen Dan, Ephraim und Juda zu ziehen — doch bereits ohne mich.“ (Fortsetzung folgt)