Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 39 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (27. Fortsetzung) Ihre Bewegungen waren jetzt ruhig, exakt und geräuschlos. Sie stellte sorgfältig am Kopfende des Bettes ihre kleinen Büchsen auf, legte Kissen auf den Teppich, setzte sich so darauf, daß sie bequem hantieren konnte, tauchte den Schwamm in eine warme ölige Flüssigkeit, strich damit über das Haar des Schlafenden, tat es wieder und wieder, indem sie jedesmal den wohlriechenden Schaum immer kühner und fester herausdrückte. Dann griff sie mit den Fingerspitzen in dieses und jenes Döschen, verrieb die duftende Mischung und fuhr behutsam mit den Fingern beider Hände in die schlüpfrig gewordene Mähne hinein. Ihre Finger bewegten sich langsam wie Raupen bis zur Haut im Nacken, auf dem Scheitel und am Hinterkopf; dort angelangt, schmiegten sie sich an, rieben zart und gleichmäßig hin und her. Einem Uneingeweihten hätte das als Liebkosung erscheinen können; auch Dalila selbst schien es hin und wieder, daß sie ein eingeschlaferies Kind vor sich habe, dem sie das Köpfchen streichelte—sie hätte gern ein Wiegenlied über ihm gesungen; vielleicht sang sie es auch mit halber Stimme. Aber Simson hörte nichts ... Als sie fertig war, ordnete sie alle Strähnen ebenso sorgfältig zu einem Bund zusammen, glättete sie, legte sie dann in einen Korb, holte das Lämpchen und betrachtete lange den glänzenden Schädel. Dann lief sie auf den Zehenspitzen aus dem Zelt. Der halbe Himmel war schon grau; aus der Richtung des Meeres, das von dort nicht zu sehen war, stieg das Perlmutter des Tagesanbruches auf. Alsbald vernahm sie den fernen Widerhall von Schritten; dann zeigte sich auf einer Anhöhe, zwischen niedrigem Gebüsch, ein Mann. Er konnte sie nicht sehen, doch hob er er selbst sich deutlich gegen den Morgenhimmel ab, und sein Helm blinkte matt. An seinen Handbewegungen konnte man erkennen, daß er Soldaten nach links und rechts aussandte, um die Gegend von allen Seiten zu umzingeln. Der Himmel wurde am Rande schnell rosa. Auf der Anhöhe zeigte sich eine Ab- (Copyrigth £>y Meyer & Jessen, München) teilung Soldaten, zwanzig Mann etwa oder noch mehr; sie trugen Speere. Dann hob sich näher zum Fluße eine andere Gruppe vom purpurroten Himmel ab: diese trugen keine Speere, aber sie hatten auf ein halblautes Kommando ihres Anführers dünne lange Stäbe erhoben und hielten sie wagerecht über den Köpfen; auf ein zweites Kommando kreuzten sie diese mit anderen Stäben, die noch dünner waren und senkrecht gehalten wurden; auf ein drittes Kommando krümmten sich die wagerechten Stäbe, verwandelten sich in gespannte Bögen mit schußbereiten Pfeilen und senkten sich. Darauf wandte sich der Hauptmann zum Zelt um, erblickte Dalila, winkte ihr grüßend mit der Hand und fragte sie durch ein Zeichen, auf das Zelt deutend: Dort? Schläft er? Dalila nickte; sie wollte ihnen schon entgegengehen, aber die Füße versagten ihr den Dienst. Wieder befiel sie ein Schauer, und die Zähne schlugen ihr aufeinander. Die Soldaten rückten langsam vor, die einen mit vorgehaltenen Speeren, die anderen mit vorgestreckten Bögen. Der Hauptmann schritt vornweg, den Schwertgriff in Kopfhöhe erhoben. Mit gestrecktem Halse sah er irgendwohin über Dalilas Kopf hinweg: da erblickte er, auf was er gewartet hatte, und schwang das Schwert. Dalila wandte sich um: von der anderen Seite rückten ebenfalls Soldaten an. Es wurde ihr unheimlich, als wäre sie selbst in eine Falle geraten; und besonders unheimlich erschienen ihr zwei Soldaten ohne Lanze und Bogen, die irgendwelche Balken an Riemen hinter sich herschleppten. Einen Augenblick später erkannte sie diese Balken: sie hatte sie schon auf den Jahrmärkten sowohl in Ägypten als auch in Palästina gesehen. Es waren hölzerne Hand- und Fußschließen für Simsons Hände und Simsons Füße ... Dalila wankte, griff sich an den Kopf, schrie irgend etwas Unverständliches. Der Hauptmann drohte ihr beunruhigt mit dem Finger und sagte, nicht sehr laut, aber verständlich — oder vielleicht schien es ihr nur so (zwi-