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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 35 (1928) Richter und Narr · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
35 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ , , —.—i ■ ■ """ 1 RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (Copyrigth by Meyer & Jessen, München)1 b •- 1 r J I 1- V- 23. Fortsetzung Schon nicht mehr schreiend, fuhr Dischon, ohne sich zu beeilen, mit giftiger Deutlichkeit in seiner Rede fort: „Er ist ebensowenig ein Danite als der Saran aus Ekron. Ihr wißt selbst, daß seine Art nicht die eure ist, und daß er eine fremde Seele hat; denn auch sein Blut ist nicht euer Blut. Welcher weise Mann glaubt noch an die Fabel vom Engel, der in einer Frühlingsnacht diesem Weibe erschien und ihr die Geburt eines Sohnes verkündigte? Zu ehrbaren Frauen pflegen des Nachts, in der öden Gegend des Brunnens, keine Engel zu kommen. Das ist nicht Simson: sein Name ist Tajisch. Die Philister haben recht, und sie hatten ihn nicht umsonst gern: er ist vom Fleische Caphtors, und jener Engel am Brunnen, der Liebhaber seiner Mutter, war ein philistäischer Vagabund!“ In der Totenstille hörte man nur das Geräusch einer Bewegung — es war Nechuschtan, der sich, mit einem breiten Dolche in der Hand, ohne Ausruf auf den Gesandten stürzte. Simson ergriff ihn am Arm und schleuderte ihn weit in die Menge hinein. Ganz blaß stand Simson da, die Augen immer noch auf Hazlelponi gerichtet. Die Frauen sahen sich an und traten vor ihr auseinander; die Greisin — sie sah schon lange wie eine Greisin aus — schritt mit zitterndem Kopfe langsam in die Mitte des Kreises. In drückendem Schweigen richteten sich die Blicke alle auf sie. Ehe sie noch bei dem Sohne anlangte, strauchelte sie. Machbonai wollte hinzuspringen, aber Simson hinderte ihn daran. Hazlelponi richtete sich auf und kroch auf der Erde weiter. Jetzt sah sie Manoa an und versuchte irgend etwas zu flüstern, aber die Zunge gehorchte ihr nicht. Da erhob sie die Hand und streckte den gekrümmten Finger zu ihrem Mann hinüber. Ohne sich dessen bewußt zu werden, übersetzte Simson ihre Gebärde. Mit erloschener, teilnahmsloser Stimme sagte er zu Manoa: „Vater, sie fragt dich, ob das Wahrheit ist.“ Manoa stand mit geschlossenen Augen da,, mit der einen Hand hielt er sich am Halse, mit der andern rieb er die Narbe auf der Stirn. Als er die Worte des Sohnes vernahm, wankte er leicht nach vorn; im gleichen Augenblick entstellte sich sein Gesicht, er schlug die Lider weit auf, und ein Röcheln entrang sich seiner Kehle; seine Arme hingen schlaff herab, die Knie knickten ihm ein, er brach zusammen. „Er hat es gewußt“, sagte Dischon spöttisch. Simson drehte den Kopf langsam ein paarmal hin und her; er mußte irgend etwas von sich abschütteln, etwas Drückendes, aber es hielt seine Schläfen umklammert und wollte nicht weichen. Wieder hatte er das gleiche Gefühl wie schon einmal vor sehr langer Zeit, wie bisher nur ein einziges Mal in seinem Leben — damals in Timnata. Berge stürzten über ihm zusammen, schlugen ihm einen Gedanken nach dem andern aus dem Kopf, zerrissen die Saiten des Bewußtseins. Aber jetzt erinnerte er sich doch daran, daß die Menge rings um ihn stand und er seine Qual nicht zur Schau tragen durfte. Er spannte seinen Blick bis aufs äußerste an und ließ ihn über all diese Hunderte von fassungslosen, bedrückten Gesichtern schweifen, und trotz des Nebels und des Durcheinanders gab ihm sein alter Tierinstinkt sofort den gemeinsamen Gedanken aller wieder. Es las deutlich: sie hatten es sofort ohne Schwanken geglaubt. Jetzt schwiegen sie und erinnerten sich. Sie erinnerten sich an alles; an alles, was von der frühen Kindheit an sie von ihm trennte, an alles, was an ihm unverständlich war, an das ganze Rätsel Simson und Tajisch ... Er trat zu Manoa hin, beugte sich über ihn, legte ihn auf den Rücken. Der Kopf des Greises hing hinten über, etwas Schwarzes rann aus dem geöffneten Mund. Simson wandte sich ab, er blieb noch einen Augenblick stehen, ging dann weiter, hob Hazlelponi vorsichtig auf die Arme und trug sie fort, mitten durch die vor ihm weit auseinandertretende Menge — und nicht einmal die Straßenkinder liefen ihm nach. 4

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