Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 34 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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140 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 34 bar; aber du hast uns Ruhe und Schutz gegeben, du gabst uns neues Land im Norden, du ... Möge Juda uns mit Krieg überziehen, obwohl es an Kriegern mehr Tausende hat als wir Hunderte; mögen die Sarane selbst gegen uns ziehen — Dan ist kein Rabe, Dan ist mit dir, Simson.“ Aber diesen Schluß seiner Rede hörten selbst die in seiner Nähe Stehenden nicht wegen des begeisterten Geschreis der ganzen Menge. Jene, die ihn verstanden, und jene, die ihn nicht verstanden hatten, Greise, Jugendliche, Kinder, Männer und Frauen, ja sogar die Eingeborenen an den Rändern des Platzes winkten mit den Händen, schrien ein jeder irgend etwas in seiner Art, und doch alle ein und dasselbe. Hermesch stieg seinem Nachbarn auf die Schultern, Nechuschtan ebenfalls, und sie fragten die Menge mit überschlagender Stimme nach irgend etwas — wahrscheinlich warben sie Kämpfer an. — Die Gesandten hatten sich bereits alle von ihren Plätzen erhoben und sahen Simson an, offenbar wollten sie irgend etwas sagen. Schon lange hatte er den Daniten nicht mehr seine Fähigkeit gezeigt, durch einen einzigen Schrei ein tausendfaches Stimmengewirr zu übertönen — es hatte sich keine Gelegenheit geboten, jetzt aber war es notwendig — und wieder verstummte alles auf emen Schlag. Da wandte sich ben-Kaleb aus Thekoa an Simson und sagte schwer atmend: „Wir sind bereit umzukehren, aber du hast das letzte Wort. Sprich, Simson.“ . „Sprich, du Hund!“ rief da die gleiche Stimme aus der Prophetenschar, und in die Mitte des Kreises kam ein bejahrter Derwisch gelaufen, mit einer Glatze bis in den Nacken, Beulen am Schädel und einem schwarzen Bart, in dem irgendwelche Flokken hingen; er war nur mit einer zerlumpten Bastmatte bekleidet. Jetzt war es klar, daß das Wort „Hund“ Simson gegolten hatte. „Dreckiger Eber!“ brüllte er, um den Narisäer hüpfend und die Faust schüttelnd, „Narr! Trunkenbold! Wollüstling! Mörder des Gottesvolkes! Du warst es, der sein Volk und alle Stämme in den Sumpf führte, aus dem es keine Rettung gibt! Nicht der Heide zieht jetzt gegen uns —> schlimmer, schlimmer, Juda erhebt die Hand gegen Dan, Dan gegen Juda. Die Brüder werden einander fressen wie die Tiere im Walde, und der Unbeschnittene wird frohlocken, du aber, falscher Richter — du hast dich wie ein stinkender Iltis in ein Loch versteckt!“ Dischon lachte vor Freude. „Der Prophetensohn hat recht!“ rief er. „Einen netten Richter habt ihr! Möge das Land zugrunde gehen, ■ möge sich Stamm gegen Stamm erheben — : wenn nur er selbst seine Seele rettet!“ Aber der Prophet hatte seine eigene Logik. Er vergaß Plötzlich Simson und fiel über die Gesandten her: „Schande über euch und eure unzüchtigen Mütter, ihr Verräterbrut! Schlimmer als die 1 Philister ist Juda. Als Timnata niedergebrannt war, trugen der alte Caphtorite, der Schwiegervater dieses Simson, und dessen Tochter, ein Kind noch, beide schweigend Folter i und Tod, verrieten jedoch Simson nicht. Was I aber war er ihnen? Ein Fremder! Ihr hinge- * gen seid bereit, euren Bruder, Fleisch vom Fleische unseres Vaters Jakob, in Feindes- hand auszuliefern .. .‘4 Da brach Dischon ben-Achizur plötzlich in ein so kreischendes Gelächter aus, daß sogar der Prophet verdutzt verstummte und den Mund zu schließen vergaß. Der Prophet sah ihn an und rang nach Atem, indes Dischon ebenfalls auf seine Art nach Atem rang, indem er sich in einem zahnlosen Lachen wand, sich bald den Bauch, bald die Seiten hielt. Und plötzlich hörte er auf zu lachen und * schrie inmitten der Todesstille, mit dem Finger auf Simson deutend: „Dieser da? Unser Bruder? Vom Fleische Jakob? 0 Dan, Herde blinder Tollköpfe! Wieviel Jahre lang kann man euch mit einem dummen Märchen zum Narren halten? Oder habt ihr tatsächlich bis heute nicht begriffen, von wo, aus wessen Samen dieser Richter zu euch gekommen ist, dieser Fremdling mit der f Mähne eines Nasiräers?“ Die Menge sah ihn verständnislos an, er- 1 starb aber noch mehr in der Vorahnung von 1 etwas Neuem und noch nie Dagewesenem. Nur drei Menschen rührten sich: der alte Ma- ( noa griff sich an den Hals, Machbonai ben- Schuni streckte die Hand vor, als wolle er sich einmischen, wage es aber nicht — indes Simson . sich jählings nach hinten umwandte, er hatte die Empfindung, daß ihn von dort aus irgend jemand aufmerksam ansah. Dort, hinter sich, erblickte er in der Frauenmenge seine Mutter. Aber sie sah nicht ihn, sondern Dischon an, ganz in sich zusammengeduckt; und mit vorquellenden Augen. Und es war Simson plötzlich, als rücke eine große schwarze : Wolke oder ein riesenhafter Leib auf ihn zu und würde ihn gleich umfassen und erdrükken. (Fortsetzung folgt)