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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 26 (1928) Richter und Narr · p. Seite 108

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
26 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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108 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 26 Philistäa beruhen. Ich zählte dir damals genau und vollständig alle acht Formeln auf, die zur Lösung der Ehe ausgesprochen werden können. Die siebente lautet: Geh fort!“ Simsons Gesicht veränderte sich allmählich. Die Ader verblaßte, die Brauen hoben sich, die Augen wurden rund und wölbten sich etwas vor; die gespannten Muskeln von den Schläfen bis zu dem jugendlichen Bart lokkerten sich. Und plötzlich lachte er ganz aufrichtig und sorglos. „Na also,“ sagte er unter Lachen, „ihr meint also, ich hätte die Ehe geschieden?“ „Ich würde es nicht als »Ehescheidung4 im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnen“, antwortete Bergam. „Die Ehescheidung erfolgt auf Grund beiderseitigen Einverständnisses; es kommt hierbei eine der vier ersten Formeln zur Anwendung. Die letzten vier Formeln werden bei einseitigem Ablehnungsakt angewandt, wenn der Mann aus freien Stücken die Frau aus dem Hause treibt. Ich lasse vorläufig den beleidigenden und im vorliegenden Falle gänzlich unverschuldeten Charakter jener Art der Lösung eurer Ehe ganz außer acht, den du gewählt hast; eure Ehe aber ist gelöst.“ Simson hörte auf zu lachen, sah jedoch Bergam zärtlich an wie ein Erwachsener ein Kind. „Schon gut, Schwiegervater,“ sagte er, „das alles sind doch Kleinigkeiten. Führe mich zu ihr, wir werden uns versöhnen. Und dich werde ich, wenn du willst, um Verzeihung bitten. Du bist ein guter Mann, ich will dein Freund bleiben.“ „Glaube mir,“ antwortete Bergam, „auch ich lege großen Wert auf deine Freundschaft; doch befürchte ich, daß du das Wesentliche an den Dingen nicht verstanden hast. Timnata lebt nach den Gesetzen Caphtors. Eine gelöste Ehe bleibt gelöst.“ „Führe mich zu ihr“, sagte Simson aufspringend im knappen Ton des Befehls. Auch Bergam erhob sich und antwortete kühl, höflich und entschieden: „Du kannst nicht zu ihr gehn. Nach unserem Gesetz, und wahrscheinlich auch nach dem euren, geht die verstoßene Frau nicht des Rechtes verlustig, eine neue Ehe einzugehen. Semadar lebt im Hause ihres Gatten.“ „Ihres Gatten?!“ brüllte Simson. „Sie hat deinen Freund Achtur geheiratet.“ Simson hob beide Fäuste und schritt keuchend auf Bergam zu. Auch das war im Kodex seines ehemaligen Schwiegervaters vorgesehen. Bergam rückte nicht von der Stelle, stürzte nicht zur Wand, wo allerhand Waffen hingen — er wußte, daß dies nutzlos gewesen wäre. Auch rief er nicht um Hilfe. Er verschränkte die Arme auf der Brust, und sein Gesicht nahm plötzlich den Ausdruck hochmütigen Widerwillens an. Er sagte: „Du hast mich ,Alter4 genannt, und du befindest dich in meinem Hause.“ Simson blieb schwer atmend stehen. „Eigentümliche Sitten habt ihr im Stamme Dan,“ fuhr Bergam fort, ihn mit zugekniffenen Lidern ansehend, „und ich bedaure nicht, daß wir einander wieder fremd sind.“ Simson hörte es bereits nicht mehr. Der Wind heulte rings um ihn, Regen peitschte ihm ins Gesicht, Berge stürzten über sein ' Haupt zusammen; wilde, wahnsinnige Dinge, wie sie sonst nie im Leben geschehen, brachen über ihn herein; hundert Mann schie-; nen ihn an der Kehle zu packen und zu wür- | gen, hundert ihm das Haar zu raufen, weitere f hundert ihn auf den Kopf zu schlagen. Fast regungslos stand er da, schüttelte den Kopf, ballte und öffnete die Fäuste. Aber den Sturm | in ihm und seine Raserei merkte man ihm j so deutlich an, daß Bergam, der abwartete, I womit das alles enden würde, sich über die j Unbeherrschtheit der Menschen einfachen Schlages wunderte, die ihr Erleben, das man i verbergen sollte, so offen zeigten. | Amtamargai und zwei durch sie geweckte | Sklaven blickten zur Tür herein; Bergam gab 1 ihnen durch ein Zeichen zu verstehen, sie soll- | ten sich nicht beunruhigen und ihn mit dem I Gast allein lassen. Simson hatte nichts da- I von gesehen. Sein Anfall ging allmählich vorj über; er setzte sich auf das hohe Bett und j versank in Nachdenken, ohne den Hausherrn zu beachten. Er hatte nur den einen Gedanken: das sei unwahrscheinlich, solche Dinge I gebe es nicht. Es hatte in seinem Leben bis jetzt kein Leid gegeben, in seiner Umgebung ebenfalls nicht: niemand der ihm Nahestehenden war jemals krank gewesen, war gestorben oder hatte Entbehrungen gekannt. Simson hatte Leiden auch nicht aus der Nähe : gesehen; zwar hatten erst vor kurzem Leute j beim Gericht vor ihm geweint, aber das war j nicht in seinem Kreise gewesen, das lag gewissermaßen jenseits der Mauer. Er hatte einmal einen Mann mit Zahnschmerzen gesehen und nicht begreifen können, was ihm fehle. Jetzt steckte der Schmerz in seinem eigenen Gehirn; so sehr auch seine Gedanken abschweiften und bei Kleinigkeiten halt machten — bei der Farbe der Kissen, bei den Wandmalereien —, so kehrte er doch immer wieder gleich zu seinem Verlust zurück. (Fortsetzung folgt)

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