Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 25 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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104 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 25 der Ernte bekommt also der Ältere, der Jüngere aber ein Viertel. Gehet jetzt!“ Der Ältere lachte erfreut. Der Jüngere erblaßte, verneigte sich aber und wollte gehen. Da murrten die Greise auf. Einer von ihnen berührte Simsons Arm und sagte ihm leise: „Wir kennen sie gut, der Ältere lügt, er ist als Taugenichts bekannt.“ „Das sehe ich,“ antwortete Simson laut und wandte sich an den Jüngeren: „Dein Bruder ist ein Betrüger; du aber bist ein Dummkopf, und das ist noch schlimmer. Hättest auch du gesagt, die ganze Ernte gehöre dir — so hättest du deine Hälfte erhalten. Schlägt man dich mit einem Knüttel, so greif auch nach einem Knüppel und nicht nach einem Schilfrohr. Geh, sei künftighin gescheiter und lehre das gleiche die übrigen Einwohner deiner Stadt, es kann ihnen nichts schaden.“ Die alten Leute waren wieder nicht zufrieden; bloß Schelach ben-Jubal sagte gleichsam nur so vor sich hin: „Er richtet wie ein Grobian, doch ist er ein weiser Mann.“ ❖ * * Nach Modin — damals hieß die Stadt noch anders — kam zu Simson ein Eingeborener mit seiner jungen Tochter. Ihr Mann, ein Danite, hatte ihr am Tage vorher, befohlen, ihre Kleider und ihr einjähriges Kind zu nehmen und in das Haus des Vaters zurückzukehren. Der Vater behauptete, daß kein Grund zur Scheidung vorliege. Die Frau war einwandfrei, und auch der Gatte selbst hatte sie weder der Untreue noch der Unverträglichkeit oder Nachlässigkeit beschuldigt. Der Fall erwies sich als verzwickt. Der Danite wurde geholt, und er erklärte, wenn auch stockend, so doch aus tiefer Überzeugung heraus, daß es eine Sünde sei, eine Eingeborene zu heiraten. „Warum hast du sie dann geheiratet?“ . „Ich habe damals noch nicht gewußt, daß es eine Sünde ist.“ „Und woher weißt du es jetzt?“ Da stellte sich heraus, daß eine Prophetenschar, die sich vor kurzem in den Höhlen bei Modin niedergelassen, ihm eingeredet hatte, man dürfe nicht das israelitische Blut mit dem Blute niederer Völker vermischen. Einer dieser Propheten war zum Gericht erschienen und wollte eine Rede halten, aber Simson sagte ihm kurz: „Fang beim Ende an“, wodurch er ganz verwirrt wurde, nichts erwiderte und nur halblaut fluchte. Die Gerichtsverhandlung bekam teilweise den Anstrich eines theologischen Streites. Der Danit, der voll war von den Reden der Propheten, führte eine lange Reihe von Geboten und Gleichnissen an, aus denen hervorging, daß Jehova selbst, sein Stellvertreter Moses und der ruhmreiche Heerführer Josua, Nuns Sohn, den Stämmen verboten habe, sich kanaanitische Frauen zu nehmen. Von Moses hatte Simson noch nie gehört, von Josua hatte ihm irgend jemand einmal etwas erzählt. Gähnend fragte er: „Es haben schon allerhand Leute mancherlei verboten, als noch dein Großvater nicht auf der Welt war, doch muß man wissen, warum?“ „Die fremden Mädchen haben bei euch die fremden Götter eingeführt!“ schrie der Prophet aus der Menge. „He, du Nichtstuer,“ sagte Simson, sich zu ihm wendend, „um mich schwirren Mücken herum. Warum vertreibst du sie nicht?“ „Vertreib sie selbst,“ erwiderte frech der Derwisch, „genügen dir nicht deine eigenen Bärentatzen dazu?“ „Richtig!“ gestand Simson, „ich habe meine eigenen Hände; ich brauche deine Hilfe nicht. Auch Jehova braucht sie nicht. Was mischst du dich ein, solange er selbst die Astarten und Penaten duldet?“ Die Menge, in der sich viele Eingeborene befanden, lachte über die geschickte Antwort. „Unser Blut — ist auserwähltes Blut,“ sagte der Danite, „es ist wie Wasser aus einer Quelle, man darf es nicht in die Straßenpfützen gießen.“ „Wir sind nicht Wasser,“ antwortete Simson, „wir sind das Salz. Das Wasser — das sind jene; schlug mit der Hand aufs Wasser — und es weicht auseinander. Wirfst du aber eine Handvoll Salz in ein Faß Wasser, so wird nicht das Salz verschwinden, sondern das ganze Wasser im Faß salzig werden.“ Der Danite senkte den Kopf und wußte nichts zu erwidern. Simson sah ihn aufmerksam an: er war noch sehr jung, rotwangig, rundlich und dicklippig: hatte offenbar selbst eine Eingeborene zur Großmutter. „Weib,“ sagte Simson, „gehe nach Hause. Bereite ein Linsengericht mit Knoblauch und Thymian, brate ein Böckchen am Spieß, und zwar mäßig, daß das Fett noch davon herabtropft; die Küchelchen bestreue mit Safran und Zimt und tauche sie dreimal in Honig, und decke sauber den Tisch. Er wird zurückkehren.“ Das Kind unter den Arm nehmend, rannte sie davon. (Fortsetzung folgt)