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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 24 (1928) Richter und Narr · p. Seite 100

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
24 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 24 sehen ihnen gerissen waren. Er hatte Achtur noch nie in dieser Rolle des Erbosten, des Hassenden gesehen und konnte sich nicht vorstellen, wie sich das anhören würde. Achtur war immer gelassen, zurückhaltend und voll wohlmeinender Zuvorkommenheit gewesen; sogar seine Ironie wurde nie verletzend. Jetzt aber sprach er anders, betonte einzelne Worte, zuweilen in fast grober Weise; man merkte, daß er den Zusammenstoß absichtlich verstärken wollte. Auch merkte man, daß er absichtlich schwierige und weitschweifige Redewendungen wählte, um die ungebildeten Gäste zu erniedrigen: selbst Simson verstand nicht alles. „Als einer, der fast der jüngste und an Ansehen wie Verstand letzte in dieser glänzenden Versammlung von Gästen ist, danke auch ich unseren edlen und freigebigen Wirten für diese sieben Tage auserwählter Gastfreundschaft. Hier, ganz am Rande unseres Landes, in einem kleinen Städtchen, das nach allen vier Seiten des Himmelsgewölbes von halbwilden Völkern umgeben ist, haben sie es verstanden, uns in eine Umgebung zu versetzen, die uns — zur rechten Zeit! — an die verfeinerte Majestät der königlichen Vergangenheit unseres Volkes erinnert; die uns daran erinnert, daß ein Fürst selbst in der Wüste, ja, noch schlimmer, in einer stickigen Höhle, wo Vagabunden hausen — ein Fürst bleibt; und daß es seine Pflicht ist, fürstlich zu leben, und mit den Bewohnern der Höhle fürstlich zu sprechen.“ Er machte halt, um den Zuhörern Zeit zu lassen, ihren Beifall auszudrücken. „Ich wäre froh, wenn ich mich hierauf beschränken könnte,“ sagte er, als sie verstummten, „wenn unser Freund Simson es nicht für notwendig gehalten hätte, so großherzig bei uns für die Belehrung sich zu bedanken, die er und seine Kameraden hier empfingen — die Kameraden, deren Mut drei Tage hintereinander und deren gewählten Umgang noch länger zu bewundern wir das Glück hatten. Als einer der Lehrer bin ich selbstverständlich verpflichtet, Bescheidenheit zu wahren; darum will ich dem Zweifel Ausdruck verleihen, ob unser Unterricht in der Tat sich so erfolgreich erweisen wird, wie Simson es uns verspricht — ob denn tatsächlich diese hervorragenden Schüler, oder ihre Kinder, oder ihre Enkel es jemals werden den Lehrern gleichtun können. Ich bezweifle es sehr; doch ist das nicht die Hauptsache. Hauptsächlich wollte ich unseren Freund Simson, den Sohn Manoas aus der großen und ruhmreichen Stadt Zora, daran erinnern, daß, wenn man schon eine solche Kleinigkeit wie die von uns erteilten Lehren erwähnen will, es ihrer nicht nur zwei sondern drei waren; gerade die dritte aber, die wichtigste, hat er mit Schweigen übergangen.“ Jetzt sahen Simson und alle anderen ihn starr an. Sogar Bergam begriff, daß dies ein Streit war, ein Streit in seinem Hause, auf seinem Fest, und daß er ihn durch nichts mehr verhindern konnte; zum ersten Male im Leben verlor er den Kopf und zupfte sich nervös an seinem breiten Bart. „Die dritte Lehre war deshalb wichtiger als die anderen, weil sie von euch nicht nur den jungen Genossen unseres Freundes, sondern auch ihm selbst, dem mächtigen Simson, erteilt wurde. Ihr habt ihm etwas in Erinnerung gebracht, was er offenbar vergessen hatte oder nicht wußte — und was für ihn und sein ganzes Volk sich für immer zu merken sehr nützlich wäre. Daß er diese nützliche Wahrheit vergessen hat, beweist eine Einzelheit — die auch wir, nebenbei bemerkt, alle fast vergessen hätten. Entsinnst du dich noch, Simson, daß du uns am ersten Tage des Festes ein Rätsel aufgabst: »Speise kam von dem Fresser und Süßigkeit aus dem Grausamen?4 Heute läuft die Frist ab, und ich weiß die Lösung. Unser witziger Freund, ihr philistäischen Edlen, hat uns ein Gleichnis über uns selbst aufgegeben. Er hat uns sich genau angesehen und gefunden, daß wir zwar Kinder Caphtors sind, aber unwürdige Kinder. Wir waren einmal Fresser, Eroberer, Herrscher, grausam gegen die Feinde; jetzt aber — so dachte er — sind wir verzärtelt, verflacht und taugen nur als Leckerei, nur dazu, daß namenlose Nachbarn, Nachkommen ägyptischer Sklaven und Wüstenvagabunden, hin und wieder zu uns kämen, um zu zechen, den Tänzen zuzusehen — oder sich unsere schönen Schwestern und Töchter zur Frau zu nehmen!“ Ein unterdrückter heiserer Wutschrei entwand sich plötzlich Hunderten von Kehlen; alle Gesichter wandten sich Simson zu, und jedes von ihnen trug drohende Falten. Simson wollte sagen, daß dies nicht wahr sei, aber Achtur sprach bereits weiter: „Du hast deine Lehre erteilt bekommen, Simson; du hast gesehen, ob unsere Jugend im Vergleich zu den Helden deiner Stadt verkümmert ist. Präge dir diese Lehre ein; auch ihr, meine Freunde, prägt sie euch ein. Für uns wie für sie ist es nützlich, eingedenk zu sein, wer die Herren von Kanaan sind. (Fortsetzung folgt)

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