Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 23 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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96 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr. 23 noch nicht verraten habe“, und klatschte in die Hände über die Schlauheit ihrer Antwort. „Es ist vom Panther und vom Honig“, erklärte er. „Ich tötete den Panther, in seinem Gerippe aber bauten Bienen ihre Waben. Sie mögen nur versuchen, es zu erraten!“ „Du lügst, Simson,“ sagte sie, den Kopf schüttelnd. Aber nach dem Gespräch mit Achtur hatte sie kein ganz reines Gewissen und keine Lust mehr, gerade hiervon zu sprechen. „Ich habe schon eine Ewigkeit nicht mehr gestickt,“ rief eie aus, „du hast einen Faulpelz aus mir gemacht. Komm, mit in mein Zimmer — willst du mir die bunte Seide halten? Oder magst du, daß ich dir das Sticken beibringe?“ Simson folgte ihr; er streckte beide Daumen aus, auf die sie die Seidenbünde legte. Dann nahm er eine Nadel in seine Riesenhände und durchstach geduldig das Wollgewebe: mit der Rechten stach er die Nadel ein, mit der Linken holte er sie an der Spitze auf der anderen Seite wieder heraus, wobei er leicht schnaufte. Semadar aber lachte und nannte ihn bei einem weiblichen Namen — „Simsonith“. Zwölftes Kapitel Nachbarn ohne Acker Die Ernüchterung Simsons begann mit dem Wettkampf zwischen seinen Schakalen und der philistäischen Jugend. Zwar hatte er auch schon früher gewußt, daß die Daniten «ich nicht mit den hiesigen Jünglingen messen konnten, die von Kind auf in diesen Spielen unterwiesen wurden; aber er wollte, daß seine Kameraden etwas lernten und zu sehen bekamen. Spott hatte er nicht erwartet, da Ihm der philistäische Brauch bekannt war, daß nach dem Wettkampf der Sieger den Besiegten umarmen mußte. Es zeigte sich aber, daß es hier anders war. Am ersten Tag maß man sich im Laufen. Simsons Schakale boten einen jämmerlichen Anblick, Einige wenige von ihnen, insbesondere Jahir, standen noch auf kurzer Strecke einigermaßen ihren Mann. Dann aber begann der große Wettlauf um die Stadtmauer — vom Südtor zum Nordtor und weiter zum Südtor. Simson hatte seine Leute darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihre Kräfte schonen müßten, aber für sie war das etwas Neues, sie waren aufgeregt und wußten nicht richtig maßzuhalten. Schon beim Nordtor strauchelten sie und rangen nach Atem, und die eingeborene Bevölkerung, die dort von der Mauer aus zusah, begrüßte sie — offenbar um die Stimmung des Herren der Stadt wissend — mit Pfiffen, Miauen und Flüchen. In geschlossener Reihe, Brust an Brust, gelangten die Philister am Südtor an — sie wollten diesmal nicht untereinander wetteifern, Simson verstand die Absicht, und sein Gesicht verfinsterte sich. Die Schakale kamen bedeutend später angetrottet, jeder einzeln, schweißtriefend, schmutzig, ein Ekel für sich selbst und die Zuschauer. Die Philister wurden stürmisch begrüßt; den herannahenden Daniten sah man schweigend entgegen oder man wechselte halblaute Bemerkungen — sie waren so wenig laut, daß Simson sie nicht verstehen konnte, obwohl er ihren Inhalt ahnte. Nichtsdestoweniger kam es ihm noch nicht in den Sinn, sich beleidigt zu fühlen. Sich an die Kampfregeln haltend, beglückwünschte er laut die Sieger; dann befahl er seinen ganz zerzausten Kameraden, sich an Ort und Stelle, angesichts der ganzen Menge, in Reih’ und Glied aufzustellen, und belehrte sie in aller Ruhe: sie sollten bei den philistäischen Gymnasten lernen, sich nie zu überhasten, richtig maßhalten ... Mit gesenkten Köpfen hörten sie zu. Um sie etwas aufzumuntern, lehnte er es an diesem Abend ab, seinen gewohnten Platz am Haupttisch einzunehmen; er setzte sich mitten unter die Schakale, und das hob in der Tat ihre Stimmung. Auch Achtur war unter ihnen und war sehr freundlich: er behauptete, sie seien tüchtige Burschen, ihr Mißerfolg gar nicht so schlimm, sie würden es noch weit bringen. Simson war ihm aufrichtig dankbar, bis er merkte, daß Jahir, ganz bleich, den schmeichelrednerischen Fremden mit krauser Stirn und offenkundigem Haß ansah; und da kam Simson zum ersten Male der Gedanke, ob nicht sich vielleicht Achtur über seine kleine Kämpferschar lustig mache. Der zweite Tag des Wettkampfes war nicht viel besser, wenn nicht gar noch schlimmer. Am Anfang (es wurde mit dem Steinstoßen begonnen) siegten zwar die straffen Muskeln der Daniten. Einer von ihnen, namens Gusch, den Simson zuweilen mit „Bruder“ anredete, hob über das festgesetzte Maß hinaus gleichzeitig zwei der schwersten Gewichte auf, je eines mit jeder Hand, schwang sie im Bogen durch die Luft und schleuderte sie weiter, als der stärkste Philister kurz vorher nur eines dieser Gewichte geworfen hatte. Statt aber Beifall zu klatschen, schwieg die ganze Menge. (Fortsetzung folgt)