Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 19 (1928) Richter und Narr · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
19 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158508--12819-9081834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

80 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 19’ genden Dienerin vergessend, zum ersten und letzten Male auf dem Boden Dans seine Seele — er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief aus: „Wenn du liebst, wozu dann diese Fragen, wozu Berechnungen und Erwägungen, was in zwei Jahren sein wird?“ Auch Kami blieb stehen. Sie warf wieder den Schleier zurück und sah Simson mit unendlicher Zärtlichkeit und Trauer an. „Ich bin kein Adlerweibchen, Simson, und auch kein Kätzchen. Sag’ deiner Mutter, daß ich ihre Tochter nicht sein werde. Leid fürchte ich nicht — ich habe schon viel geweint und werde noch viel weinen —, jedoch um meiner selbst willen. Ich will nicht deinetwegen weinen; ichwül mich nicht deshalb verwünschen, weil ich Simson seiner Sonne beraubt habe.“ „Kami,“ sagte er mit veränderter Stimme, weich und schüchtern, „wenn das so ist, kannst du dann nicht einfach meine Frau sein, ohne zu fragen, wohin ich gehe — ob ins Land Benjamin oder nach Timnata?“ Kami erbebte, richtete sich gerade auf, stampfte mit dem Fuß. „Niemals!“ Sie lief fast, die Dienerin hinter ihr her. Simson wandte sich um und ging einen anderen Weg. Am Abend des gleichen Tages erklärte er Hazlelponi und Manoa: „Ich werde mir eine Frau aus Timnata nehmen. Ihr Vater heißt Bergam; er ist eines der Stadthäupter. Wann könnt ihr mit den Geschenken zu ihm gehn?“ Manoa sagte nichts und rieb sich nur die Narbe auf der Stirn. Seine Frau, die aus Simsons Stimmfall begriff, daß Widerrede nutzlos wäre, fragte nur, Tränen unterdrückend: „Wird es ihr auch Zusagen, mit uns in Zora zu leben?“ „Sie wird nicht in Zora leben.“ „Willst du etwa ... dich in Timnata niederlassen?“ „Ich bleibe hier wohnen“, sagte Simson. Siebentes Kapitel Bruder Benjamin Der Streifzug ins Land Benjamin nach der entführten Herde nahm über drei Tage in Anspruch. In Saalbim wurden Simson und seine Freunde mit großen Ehren empfangen, und viele der Ältesten nannten ihn bereits „Richter“. Auch der Oberste von ihnen war zwar freundlich, jedoch zurückhaltend. Er hieß Schelach ben-Jubal; es war jener selbe zahnlose Greis, der auf der Versammlung in Zora als erster statt der Worte Taten verlangt hatte. Die Benjaminitenbande, die das Vieh fortgetrieben hatte, war hier gut bekannt. Sie hatte ihr Nest in dem Dorfe Heresch, auf halbem Wege von der Grenze nach Beth- Horon. Sie wurde ausführlich beschrieben: Halsabschneider, Riesenkerle, gewöhnlich fünfzehn Mann hoch, wenn nötig aber auch in größerer Anzahl — kurz gesagt, ein ganzes Räuberdorf. Simson war etwas erstaunt über die eingehende Bekanntschaft der Saalbimiter mit den Räubern, und so fragte er schroff: „Zahlt ihr Tribut an sie?“ Schelach warf einen Blick aus seinen blinzelnden Augen auf Simson, senkte sie sofort wieder und schüttelte fortwährend den Kopf — es ließ sich nicht erkennen, ob er ihn bejahend oder verneinend schüttelte. Die Ältesten wurden verlegen; einer von ihnen antwortete: „Nun, Tribut gerade nicht, aber so — zuweilen Geschenke.“ — „Es ist ruhiger so“, erklärte ein anderer. „Gebt mir Wegweiser mit,“ sagte Simson, sich erhebend, „auch brauche ich einen Hirten, der eure Schafe erkennen kann.“ Die Ältesten sahen sich an. Zwei stämmige Burschen, Enkel des Schelach, traten aus der Menge vor. Der Ältere sagte: „Wir wissen den Weg und werden die Flerde erkennen.“ „Ihr werdet nicht gehen“, warf Schelach schnell ein. „Auch habt ihr hier gar nicht bei der Versammlung zu stören.“ Die Ältesten waren unterdessen beiseite gegangen und berieten sich. Verlegen hüstelnd erklärten sie jetzt Simson, daß es für sie als Grenzbewohner nicht gut angängig sei, Leute ihres Dorfes und insbesondere Mitglieder angesehenerer Familien in diese Sache zu verwickeln. Sie würden Simson einen der Hirten als Wegweiser mitgeben. Er sei ein Waise, und darum würden ihn die Hereschiter vielleicht nicht weiter beachten. Er sei zwar noch sehr jung, aber ein geweckter Knabe, der sich vor nichts fürchte. Man holte den Hirten. Es war ein etwa fünfzehnjähriger zerlumpter Bursche, mit den Spuren einer blauen Beule unter einem seiner Augen, die von einer seltsamen dunkelgrauen Farbe waren. Simson betrachtete ihn aufmerksam: er erkannte die Menschen am besten an ihrer Gangart. Der Knabe hatte einen trägen, aber elastischen Schritt; als er Simson, dessen Wuchs und Schultern erblickte, nahm er sich sofort zusammen und wurde lebhafter. (Fortsetzung folgt) u j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.