Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 18 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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76 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' : * << Nr. 18 ' er sah, wurde plötzlich wieder trübe, als hätte er es mit seinen sieben Zöpfen gepeitscht. Karnis Bild schwankte, zerrann und begann langsam wieder zu entstehen, jedoch in einer anderen Weise. Da waren andere Augen — graugrüne, nicht mit einem sondern mit tausend Lichtflecken, die wie Malachitsplitter in der Sonne glänzten. Das Haar war rotbraun und buschig — das Gesicht blickte daraus hervor wie aus einem kleinen Fenster; ein lachendes Gesicht, ganz leicht gerötet, mit Grübchen und halbgeöffneten Lippen. Das Kleid war dunkel, reichte bis zum Kinn und bis zur Erde, hatte lange Ärmel, war jedoch so genäht und so angezogen, daß das Mädchen in Weiß von vorhin mehr bedeckt schien. Dieses Mädchen blickte ihn ebenfalls an, aber ihr Blick war nicht forschend, nur heiter herausfordernd. Simson meinte die Stimme zu hören, die ihn durch den Reichtum der Intonationen stets etwas verwirrt hatte, selbst wenn sie nur die drei Worte aussprach: Ich fürchte mich! Sie hatten sich genau vor einem Jahre kennen gelernt. Simson näherte sich damals dem Südtor von Timnata; am Teich hatte ein rothaariges Mädchen gestanden, den Rücken ihm zugewandt, vornüber geneigt, und irgend etwas auf der Erde betrachtend. Vom Sehen war sie ihm wohl schon bekannt gewesen, ebenso wie er ihr, aber Simson war bis dahin nur mit der männlichen philistäischen Jugend in Berührung gekommen. Als sie seine Schritte vernommen, hatte sie sich umgesehen und ihn zu sich gelockt. Er war zu ihr herangetreten. Gerade vor ihr, unter der ausgedörrten, steinharten rötlichen Erde hatte sich etwas gerührt: eine etwa zwei Handspannen große Scholle schwankte und bekam Riß um Riß. Das Mädchen hatte Simsons Hand ergriffen und mit singender Stimme gesagt: „Ich fürchte mich! Was ist das?“ Sie sprach in der allgemeinen Sprache Kanaans, wie ganz Timnata und Zora. Aber ihre Aussprache war eine eigenartige; sie machte auf Simson immer den Eindruck, als hätte sich ein höheres Wesen, eine Fürstin oder Königin, zur plumpen Sprache der Wilden herabgelassen. „Das ist eine Iguana“, hatte Simson zu ihr gesagt. „Während der Regenzeit schläft sie unter der Erde, jetzt aber ist für sie die Jagdzeit gekommen. Fürchte dich nicht, sie beißt nicht.“ Kurz darauf hatte eine riesengroße Eidechse ihr graugrünes Schnäuzchen aus einem Spalt hervorgestreckt. Während der ganzen Zeit hatte das Mädchen Simson an der Hand gehalten; ihm \^ar das unheimlich, unbehaglich und doch zugleich angenehm gewesen. Als sich die Pfötchen des Tieres zeigten, hatte er sich schnell vorgebeugt und 1 die freie Hand nach unten ausgestreckt. „Töte; sie nicht“, hatte das Mädchen gesagt, und mit i ihren Fingern sein Handgelenk fest umfaßt, i um ihn zurückzuhalten. „Es wird ihr nichts j| geschehen“, hatte Simson geantwortet. Dann hatte er der Eidechse einen leichten Schlag auf den Kopf versetzt und das betäubte Tier-! chen aus seiner Lehmhöhle herausgeholt. Die Iguana war von etwa Ellenbogenlänge und ganz einfarbig. „Wenn du willst,“ hatte er gesagt, „trage ich sie zu dir in den Garten; und grabe für sie nach Würmern, bis sie wie- I , der zur Besinnung kommt; dann wird sie im ’' | Garten bleiben.“ ■ Im Garten war ihre schwarzhaarige Schwester zu ihnen gelaufen gekommen; dann waren beide Mütter erschienen, um sich das Wundertier anzusehen, die eine vornehm, herrschaftlich, die andere in schmutzigem Kleid und mit kreischender Stimme. Sie waren bald wieder gegangen, aber Semadar und Elinoar hatten Tajisch zu bleiben veranlaßt, und er hatte ihnen lange von den Tieren erzählt. Ein Krokodil, nein, das habe er nicht gesehen; das Krokodil lebe näher zu der 1 Mündung des Jarkon — so weit sei er noch nicht gekommen. Die Eidechse, die nachts i „gik-gik“ schreit, sei klein und gar nicht get fährlich. Auch die Schlange sei nicht zu fürch-; | ten, man müsse sich nur darauf verstehen, ihr gleich mit dem Stock einen Schlag gegen den Kopf zu versetzen, sobald sie sich zum Angriff anschicke. Auch die Wölfe seien Kleinzeug, einen Wolf könne man einfach mit zwei Fingern erwürgen. Viel schlimmer Li sei der Eber; das schwierigste Tier aber sei t I der Bär, gegen ihn verlohne es sich nicht, \ ohne Speer vorzugehen. Einen Löwen habe er einmal mit einem großen Knüttel in den i Bergen hinter Ajalon getötet, aber danach sei ein ganzes Jebussiterdorf zusammengelaufen, um ihm die Füße zu küssen, und sie hätten \ so unerträglich gestunken, daß er sich nicht gern an dieses Abenteuer erinnere. Am Schluß der Erzählung waren sie Freunde geworden, und die Mädchen hatten Simson I, gebeten, ihnen eine Probe seiner Kraft zu geben. Er hatte alles getan, was dazu gehörte: eine Kette durchgebissen, einen zwei Zoll;! starken Stab über seinem Knie zerbrochen, j sich zwei Sklaven auf die Schultern gesetzt, I' einen dritten auf den Rücken und noch je J einen unter den Arm genommen, und noch f vieles andere. \ | (Fortsetzung folgt)