Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 17 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 17 die Feldgrenzsteine verrückt habe, und oft endet das mit Schlägerei und Mord. Der Hirte weiß nicht, wohin er seine Herde treiben soll; der Viehzuwachs ist zu einem Gottesfluch geworden statt zu einem Segen. Die Jugend von Ajalon geht fort und verkauft sich in die Sklaverei an den Stamm Benjamin und sogar an die Jebussiter; sie werden Sklaven oder, was noch schlimmer ist, elternlose Tagelöhner ohne Obdach. Bald wird wird sich im Lande Dan Bruder gegen Bruder erheben; das eine Weib wird sich vor dem anderen brüsten: ,Ich habe zwei Kinder im Schlafe erdrückt, du aber nur eins!4 Bald werden die Edelleute aus Benjamin nicht mehr junge Mädchen bei uns zu rauben brauchen, denn die Mütter selbst werden ihre Töchter auf den Markt nach Gibeah schaffen.44 Die Frauen in der Menge stöhnten und schlugen sich mit den Fäusten gegen die Brüste; der Levit aber wunderte sich: sie sind ungebildete Menschen, reden aber glatt. Der zweite Redner war aus Modin; er beklagte sich bitter über den Hochmut des aufgeblasenen Nachbarn Ephraim: „Stolz sind die Ephraimiten, stolz auf die Schnörkel an den Säulen ihrer Häuser, auf die Stickerei an ihren Hemden aus feiner Wolle und auf die klirrenden Ohrringe ihrer Frauen. Auch Land haben sie, soviel sie wollen; es gibt für sie keine Grenzen, weder nach Norden noch nach Osten; Dorf ist von Dorf eine Tagesreise weit entfernt; ihre Brunnen sind nicht tief; die Bäche fließen das ganze Jahr. Als aber Schaphal, der Sohn des Ammirab, mit der Bitte zu ihnen kam, sie sollten ihm ein Stück Land in der Nähe von Timnat-Serach verkaufen, wiesen sie ihn mit der spöttischen Antwort ab: Wir brauchen keine Wilden im Lande Josephs.44 Diesmal murrten dumpf und zornig die Männer, und der Führer der Propheten rief aus: „Ephraim verfault in Unzucht!44' Es antwortete ihm jemand aus der Menge: „Lieber in Freiheit verfaulen, als im Kerker ersticken wie wir!44 Es traten noch einige Älteste als Redner auf, doch sagten sie alle das gleiche. . Die Wut gegen die reichen, landgesegneten Nachbarn Benjamin und Ephraim klang aus diesen Reden vielleicht sogar noch lauter als die Erbitterung über den eigenen Landmangel, Die Versammlung geriet in Unordnung, sie zerfiel in kleine Gruppen, und in jeder Gruppe sprachen gleichzeitig mehrere Menschen. Düsterer Groll lag auf den Gesichtern der Männer, kochende Wut auf denen der Frauen; ein unheilverheißendes Stimmengewirr der sehr erregten Menge schwebte über dem Platz, und die eingeborene Bevölkerung an den Rändern begann Blicke zu wechseln und sich tuschelnd zu beraten, ob es nicht vernünftiger wäre, sich zu verziehen. Plötzlich begann die Menge zu verstummen: in die Mitte des Kreises war ein altersschwacher Greis getreten, — seine zwei erwachsenen Söhne hatten ihm beim Aufstehen geholfen und stützten ihn von beiden Seiten. Er war zahnlos und sprach unverständlich, nichtsdestoweniger lauschte man ihm mit großer Aufmerksamkeit; nach jedem Satz machte er halt, um Atem zu schöpfen und den nächststehenden Zuhörern Zeit zu geben, seine Worte halb flüsternd für die weiter fort Stehenden zu wiederholen. Seine Rede aber war sehr kurz. „In Ephraim ist ein Spottwort über uns in Umlauf: Dan richtet und redet. Zum wievieltenmal reden wir in der Versammlung immer wieder vom gleichen? Als ich noch jung war, beklagten sich die Leute nicht, sondern erhoben sich und handelten. Ich bin jetzt alt und blind, kann euch keinen Rat erteilen; warum aber sagt nicht einer von euch jungen Führern gerade heraus, was zu tun sei?44 Die Menge schwieg lange; dann trat wieder jener Redner aus Modin auf. Er war ein schmächtiger Mann, der jedoch eine scharfe und durchdringende Stimme hatte und offenbar jähzornig war. Er erhob gleichzeitig beide Fäuste über dem Kopf und schüttelte sie immerfort nach allen Richtungen. Er schrie: „Die Stämme Israels haben uns betrogen. Beraubt hat man uns! Wodurch sollte Ephraim besser sein als Dan? Wofür hat Benjamin Bergwiesen und die Wälder bei Jericho erhalten? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Unsere Krieger sind zu Memmen geworden; sie haben sich Frauen aus d!em Blute der besiegten Eingeborenen genommen und sich selbst in eine unterworfene Herde verwandelt. Der alte Schelach, Sohn des Jubal, der Vater der Führer aus Saalbim, ist der einzige Mann unter uns; er hat die Wahrheit getroffen; nicht richten und reden, sondern handeln muß man. Was zu tun sei? Es ist klar: ein Heer aus Modin in Gebiet Ephraim, ein anderes aus Ajalon zu Benjamin. Nehmen wir uns gewaltsam das, was man uns nicht gutwillig geben will. Es ist unser! Man hat uns ausgeplündert.. ,44 (Fortsetzung folgt.)