Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9158259--08954-9081668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 48 30. November 15. Jahrgang Der Hgency-Bericht Von Dr. Hugo Herrmann (Brünn) In diesen Tagen erscheint die deutsche Ausgabe des Berichts der Jewish-Agency- Kommission. Diese Schrift, die im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen innerhalb der zionistischen Weltorganisation stand und die Grundlage für die Verhandlungen über den Eintritt der Nichtzionisten in die Jewish Agency abgibt, wird als wichtigstes politisches Dokument der jüdischen Geschichte der Gegenwart von allen gelesen werden müssen. Im folgenden soll die Rolle untersucht werden, welche in der nächsten Phase zionistischer Entwicklung ein Dokument spielt, das man kurz als Agency-Bericht bezeichnen kann. Es handelt sich um den Bericht der sogenannten „Joint Palestine Survey Commission“ (Gemeinsame Palästina-Kommission), der im Juni 1928 publiziert wurde. Es ist vielleicht nicht überflüssig, mit wenigen Worten die Entstehungsgeschichte dieses Berichtes zu skizzieren. Die von Dr. Weizmann, dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, seit 1920 inaugurierte und mit großer Beharrlichkeit verfolgte Politik einer Erweiterung der im Völkerbund-Mandat für Palästina vorgesehenen „Jüdischen Vertretung“ (Jewish Agency) durch Aufnahme von Nichtzionisten fand vor allem ihren Ausdruck in langen und recht wechselvollen Verhandlungen zwischen der durch Dr. Weizmann vertretenen Zionistischen Organisation einerseits und einer Gruppe jüdischer Persönlichkeiten in den Vereinigten Staaten von Nordamerika anderseits, welch letztere wohl mit Recht als repräsentativ für den größten Teil des nichtzionistischen Judentums in Amerika gehalten wird. Die markanteste Figur dieser Gruppe ist Louis Marshall, der Präsident des amerikanischjüdischen Komitees und geistiger Führer jenes Kreises, der im amerikanischen Joint Distribution Committee maßgebend ist. Diese Verhandlungen führten zu zwei unparteiischen Palästina-Konferenzen in Neuyork und schließlich zu einer vorläufigen Vereinbarung zwischen Weizmann und Marshall am 17. Januar 1927. Diese Vereinbarung brachte zum Ausdruck, daß beide Teile über die Wiinschbarkeit und Möglichkeit einer Erweiterung der Jewish Agency vollkommen einig seien und daß der Eintritt der amerikanischen Nichtzionisten in die erweiterte Agency erfolgen solle, sobald eine gemischte Kommission eine genaue Prüfung der für die Schaffung der jüdischen Heimstätte in Palästina maßgebenden Voraussetzungen durchgeführt und einen Plan für eine umfassende und auf eine lange Reihe von Jahren angelegte jüdische Kolomsationstätigkeit in Palästina vorgelegt haben würde. Die genannte gemischte Kommission ist eben jene „Joint Palestine Survey Commission“, die also ein Hilfsorgan der formell noch nicht bestehenden erweiterten Jewish Agency, keineswegs aber diese selbst darstellt. Die Kommission wurde bald nach dem Abschluß der Vereinbarung von Dr. Weizmann und Mr. Marshall gemeinsam ernannt und bestand aus vier hervorragenden und einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten, von denen zwei in Amerika und zwei in Europa wohnen, nämlich Sir Alfred Mond (inzwischen unter dem Namen Lord Melchett ins Britische Oberhaus berufen), Dr. Lee K. Frankel, Felix Warburg und Oskar Wassermann. Lord Melchett ist der Leiter des größten britischen Konzerns chemischer Industrie, zugleich seit kurzem Präsident der Zionistischen Landesorganisation Englands; Dr. Frankel ist einer der größten Versicherungsfachleute Amerikas und ein maßgebendes Mitglied des Joint Distribution Committee: Felix Warburg ist der Präsident des Joint Distribution Committee und einer der Inhaber des weltbekannten Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. in Neuyork; Oskar Wassermann ist Direktor der Deutschen Bank Berlin und Vorsitzender des neutralen deutschen Keren Hajessod. Die Kommission holte zunächst Berichte einer ganzen Anzahl hervorragender Fachleute für die einzelnen Zweige kolonisatorischer Arbeit ein und verfaßte auf Grund dieser Expertenberichte sowie auf Grund eigener Beobachtungen (alle vier Herren hielten sich im letzten Jahre längere oder kürzere Zeit in Palästina auf) in einer Mitte Juni 1928 in England abgehaltenen Konferenz, an welcher übrigens auch Dr. Weizmann und Mr. Marshall teilnahmen, ihren Bericht, der zugleich in Form eines nahezu zweihundert Druckseiten umfassenden Dokumentes veröffentlicht wurde. Die im Juli 1928 in Berlin abgehaltene Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees befaßte sich vor allem anderen mit diesem Bericht und nahm in einer ausführlichen Resolution zu ihm Stellung. In der ganzen zionistischen Welt wurde diese Aktionssitzung als ein Ereignis allergrößter Bedeutung betrachtet, und zwar wegen der Stellungnahme zu diesem Bericht, der ja die letzte Vorstufe für den Eintritt der amerikanischen Nichtzionisten in eine erweiterte Jewish Agency darstellt. Im „Jüdischen Echo“ ist ausführlich über den Bericht und über alle diese Verhandlungen, auch über die A.-C.-Sitzung, berichtet worden. Aber bei der immensen Bedeutung dieses Berichts bei den historischen Verhandlungen der Zionisten und Nichtzionisten halte ich es für notwendig, den Bericht zunächst so zu besprechen, als ob bisher hier überhaupt keine Diskussion stattgefunden hätte. Die Kommission hielt * sich genau an die vom 1. Juni 1927 datierte und von Dr. Weizmann und Louis Marshall gemeinsam Unterzeichnete Instruktion, deren Gliederung die des Berichtes folgt. Der Report beginnt mit einer etwa sechs Seiten umfassenden historischen Einleitung, welche in gedrängter Form die Entstehung der zionistischen Bewegung und ihre Entwicklung darstellt, insbesondere natürlich die politischen Hauptereignisse