Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Pas Jüdische Echo Nummer 47 23. November ' 15. Jahrgang Die Not der jüdischen Jugend Von J. Raphael (Beckum) Wir erhalten aus den Kreisen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine den nachfolgenden Artikel, den wir veröffentlichen, obwohl wir nicht mit allen seinen Formulierungen einverstanden sind, obwohl uns ein wesentliches Moment: die Ziel- und Richtungslosigkeit des jüdischen Lebens überhaupt nicht erkannt oder vielleicht aus Gründen der „Neutralität“ nicht behandelt zu sein scheint. Die Forderungen jedoch, die der Artikel aufstellt, können bedingungslos als berechtigt anerkannt werden; im besonderen scheint uns dringend die Schaffung von Jugendheimen, und wir möchten hoffen, daß dieser Appell bald die erforderliche Unterstützung findet. D. Red. Not! Denen, die das Dasein lediglich als sensationelle Zeitungsmache anzusehen gewohnt sind, wird dieses Wort ein Weckruf mehr sein. Wer schrickt denn heutzutage noch innerlich zusammen, wenn er etwas von Not hört! Die Inflation der Friedenspakte fängt an, die Menschheit gewissenlos zu machen. Und: Not der jüdischen Jugend? Das riecht nach Bluff, nicht wahr, verehrter Zeitgenosse, der du von all dem „nichts merkst“? Du siehst ja bloß mit mehr oder weniger Wonne, daß „unsere“ Söhne ganz annehmbare Jüngelchen werden, die gut verdienen, blendende Kavaliere und interessante Salonlöwen darstellen, und daß „unsere“ Mädchen den üblichen Weg alles Töchterhaften gehen, über Beruf und Ball hinweg zur Verlobung. Ja, und zwischendurch — aber das ist wohl nur eine Begleiterscheinung der Flegeljahre (Stuß, lächelt der Herr Papa ..) — zwischendurch laufen sie ein paar Monate in irgendeinen Jugendverein. Und dann wird alles wieder hübsch normal und gut: Wo ist da eine Not? Unberufen —! Bis mal an einer Stelle eine Tragödie, ein unangenehmer, drastischer Zwischenfall der Jugend, diese selbstgefällige Zufriedenheitsluft der Bürgerlichkeit zerreißt... Dann zweifelt man ein paar Tage an der stabilen Richtigkeit der scheinbar festgelegten Entwicklungslinien, doch: so was kann es „bei unsereinem nicht geben“. Man hat den Blick, den Maßstab verloren, man geht mit brutaler Leichtfertigkeit an der Jugend vorbei, man weiß nur potemkinsche Dörfer zu sehen, man fühlt nichts von den sehnenden Konflikten, von den verzwickten Kämpfen, von den Irrungen und Wirrnissen seiner Kinder, man vergißt vor lauter Geschäftigkeit und Geschäftemacherei die Zukunft eines ganzen Zeitalters, man überhört die Rufe des jungen Judentums, das sich kaum einen Pfad durch das Gestrüpp der sogenannten Öffentlichkeit bahnen kann. Jung sein ist schwer. In tausend Widerstände wird das Jungsein geklammert. Aber um wieviel schwerer hat es der junge Mensch, der obendrein noch Jude ist, und von dem man außer seiner Jugend noch den Willen zum Jude-Sein fordert. Leben und Judentum drängen da ein, ein erschütterndes Zweierlei, das zur Zwiespältigkeit führen muß, wenn hier nicht die Berufenen als Weiser sich rechtzeitig und an der rechten Stelle einfinden. Und gesagt wird oft: Leben soll Judentum, Judentum soll Leben sein. Die Erziehungswissenschaftler überlegen noch immer an der großen Frage, daß gerade in der Zeit der körperlichen und seelischen Reife, im Stadium einer wunderbaren Revolution, der Jugendliche in den sogenannten Kampf ums Dasein hinausgebracht wird, und damit in all die Erhabenheiten und Seichtheiten hineingerät, die seinen weiteren Weg entscheidend biegen und beeindrukken. Denn keine Zeit ist wirkender, als diese Jahre um 16 herum. Von ihr geht der große Segen und der große Fluch aus; ihr Bild brennt sich ein in das Getriebe eines unerklärlich webenden Seelenspiels. Man kann behaupten: der Mensch ist, was seine Reifejahre aus ihm gemacht haben. Da verliert auch Abstammung, Herkunft, Milieu jede intensivere Geltung. Alles Problematische, das in diesen Jahren den jungen Menschen überfällt, hat krassere Züge, wird leidenschaftlicher, dramatischer, oft auch ernsthafter und immer uneigennütziger durchschaut und behandelt, und ein Atom kann da zu einer Welt erhoben werden. Die Schwierigkeiten des Anfangs erfüllen das ganze Sinnen. Elend, Mißstände, Ungerechtigkeiten, Fehler werden subjektiver gesehen und empfunden, alle tausend kleine Gehässigkeiten des wirtschaftlichen Kampfes wachsen da zu einer Not für den Jugendlichen zusammen, die seinem ganzen ferneren Denken und Wollen eine bestimmte Richtung aufdrängen kann. Der junge Jude, der vorwärtsstreben will, sieht sich einem widerlichen Boykott gegenüber. Zurücksetzung, dauerndes Beiseiteschieben lähmt seinen Schaffensdrang. Den antisemitischen Methoden der Zurücksetzung, wie sie besonders in der Industrie und in den Großbanken mit jüdischen Aufsichtsratsmitgliedern einen christlichen Staat ironisieren, wird der junge Jude, der durch irgendeinen Jugendverein innerlich gewappnet ist, mit echt jüdischem Selbstbewußtsein zu begegnen wissen. Über solche Dinge geht man schon seit längerer Zeit zur Tagesordnung über. Aber der Jugendliche wird am Judentum verzweifeln, wenn er sich den jüdischen Antisemiten gegenübersieht, den Kaufleuten und Unternehmern, die selber Juden sind und mit Vorliebe jüdische Angestellte ablehnen. Hier fehlt uns leider noch die schwarze Liste, die „Bäderliste“ jüdisch-unjüdischen Gewaltiger. Und aus Reinlichkeitsgründen, im ureigensten Interesse unseres Judentums wird diese schwarze Liste kommen müssen. Es darf niemand das Recht haben, den Namen Jude ungestraft zu usurpieren. Wen wundert es, daß oft genug unsere jungjüdischen Menschen durch derartige „Glaubensbrüder“ auf die Bahn der Verelendung getrieben werden und der jüdischen Gemeinschaft verloren gehen! Man weiß nicht, ob