Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 46 16. November 15. Jahrgang Welzmanns Rede auf der Konferenz der amerikanischen Nichtzionisten N e u y o r k , 23. Oktober. (JTA.) Nachdem die Konferenz der amerikanischen Nichtzionisten, die am 20. und 21. Oktober unter dem Vorsitz Louis Marshalls in Neuyork stattgefunden hat, die bekannten Resolutionen gefaßt hatte, bestieg der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Chaim Weizmann, von herzlichem Beifall begrüßt, die Tribüne und hielt die folgende Ansprache an die versammelten amerikanisch-jüdischen Repräsentanten: Das Votum, das Sie soeben abgegeben haben, bedeutet die Krönung fünfjähriger Anstrengungen. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß dieses Votum eine bedeutungsvolle historische Wendung im Leben der amerikanischen Judenheit und in dem Schicksal der zionistischen Bewegung bedeutet. Wir waren in all diesen Jahren uns tief bewußt, welche Bedeutung ein Votum, das den Weg für die Bildung einer gemeinsamen Organisation von Zionisten und — lassen Sie mich, weil mir ein besserer Ausdruck fehlt, sagen — Nichtzionisten freimacht, für die Entwicklung der Judenheit und für den Aufbau Palästinas haben könnte. Und wenn ich heute den Vorzug genieße, zu Ihnen zu reden, so stehe ich hier nicht im Gefühl eines Triumphators; ich fühle nur, daß wir nun miteinander verbunden sind: wir haben auf uns eine schwere, aber heilige Bürde genommen, die wir — des bin ich sicher — mit den in der Judenheit und besonders in der Judenheit Amerikas vorhandenen Kräften zu einem erfolgreichen Ende tragen werden. Ich will nicht versuchen, die verschiedenen Abarten von Nichtzionisten, die hier repräsentiert sind, zu analysieren. Ich möchte nicht andere Menschen lehren, wie sie sich zu Palästina beziehen sollen, aber eine bedeutungsvolle Wahrheit ist während der Aussprache gestern und heute fest ausgesprochen worden: Tatsachen, lebende Tatsachen sind stärker als tote Formeln. Und eine Tatsache ist es, daß Palästina heute in allen seinen Drangsalen ein lebender Organismus ist, eine Forderung an Sie, an mich, eine Forderung an die jüdische Welt, vielleicht auch an die nichtjüdische Welt. In dieser feierlichen Sitzung wollen wir jener gedenken, die Palästina zu einem lebenden Organismus gemacht haben; jener, die mit dem Spaten und mit der Kraft ihrer Körper und ihres Geistes Felsen und Sümpfe in Gärten verwandelt haben; jener,' die alles eingesetzt haben, was die Natur ihnen verliehen hat: Idealismus, Intelligenz; jener Pioniere, die vor 50, vor 20, vor 10 Jahren in das Land kamen, in dem Glauben, daß einst der Tag kommen wird, an dem die gesamte Judenheit sich vereinigen wird, ihr Werk fortzusetzen. Ich brauche kaum zu sagen, daß der heutige Tag ein Anlaß zur Beglückwünschung für Sie, Herr Louis Marshall, im besonderen ist. Ich, als ein jüngerer Freund von Ihnen, glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich feststelle, daß es der krönende Ruhm einer großen Laufbahn ist, wenn Sie Ihren Namen in das Buch eintragen, das heute auf den Hügeln und in den Tälern dieses kleinen Landes geschrieben wird. Ich werde nicht in eine Diskussion der Möglichkeiten Palästinas eintreten. Wer kann heute Voraussagen, was für Möglichkeiten gegeben sind, wenn eine starke, blühende jüdische Gemeinde auf dem kleinen Territorium vereinigt sein wird, das wir heute als Mandatsland bezeichnen? Palästina ist zentral gelegen und von weiten Ländern umgeben, die im Erwachen begriffen sind. Wir werden in Palästina ein Kraftzentrum schaffen, das alle Länder, die die heutigen politischen Grenzen Palästinas umgeben, mit Energien überfluten wird. Wer kann heute Voraussagen, welche Formen das jüdische Leben im zukünftigen Palästina annehmen wird? Heute wollen wir nur das eine: Eine solide Grundlage schaffen, auf der das neue Leben aufgebaut werden kann. Wenn, meine Damen und Herren, Nationalismus die politische Verwandtschaft Palästinas mit den Juden außerhalb bedeutet, wenn Palästina bedeuten sollte, daß die Juden außerhalb Palästinas ihres Status, für den sie gekämpft haben, beraubt werden sollen, dann bin ich kein Nationalist. Wir wollen uns weder direkt noch indirekt in politischem Sinne in das Leben der Juden außerhalb Palästinas einmischen. Wenn aber Nationalismus die Schaffung materieller Stützen in Palästina bedeutet, auf denen eine jüdische Zivilisation aufgebaut werden kann, dann sind wir Nationalisten, und ich glaube, daß in dieser Hinsicht Schwierigkeiten nicht entstehen werden. Der Unterschied besteht nur in der Betonung: Für uns Zionisten bedeutet Zionismus das erste Problem der Judenheit. Wir haben unser Leben diesem Ideal geweiht. Wir werden in diesem Dienste fortfahren in der Hoffnung, daß andere uns folgen werden. Wir werden aber unser Ideal niemandem aufzwingen, ebensowenig erwarten wir, daß man versuchen wird, unseren Eifer und unsere Begeisterung um ein Jota herabzudrücken. Wir sind für den Ruhm einer großen Sache und für den Ruhm eines großen Landes in einen Pakt getreten, dies ist der gemeinsame Nenner, der uns alle bindet; das Land ist uns allen nahe und teuer, weil es der Ursprung unseres Seins ist. Diese Agency, die nun ins Dasein treten soll, ist das Symbol der Einigkeit, sie stellt die einheitliche Front des Judentums wieder her, eine Front, die nur zu oft von unseren inneren und äußeren Feinden zerrissen worden ist. Der gute Wille, den diese Versammlung gezeigt hat, ist ein Unterpfand für eine zukünftige reibungslose Arbeit dieses neuen Instruments. Wie schon unser ausgezeichneter Vorsitzender dargelegt hat, haben wir von der Zionistischen Organisation den Bericht der Joint Palestine Survey Commission mit Sorgfalt geprüft. Wir schät-