Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Von den Maipogromen und der Mitschuld' hoher britischer Beamter anfangend, über die Nichtzuerteilung von Staats- 1 ä n d e r e i e n bis zur Ausschließung der Juden aus dem Grenzschutzkorps, von der Prügelstrafe im Gefängnis und der Ausweisung von Juden aus ihrem Nationalheim bis zur Verhinderung jeder Einwanderung durch das Einwanderungsdepartement führt eine endlose Kette von Vorgängen bis zum Überfall auf beten de alte Juden an der Klagemauer am Versöhnungstage, zur Rettung des heiligen Status quo, der die Aufstellung einer Scheidewand nicht vorsah. Die palästinischen Juden, die ja großenteils aus Osteuropa stammen und die Segnungen des zaristischen Regimes am eigenen Leibe miterfahren haben, erklären, auch in der Geschichte der Pogrome in Rußland keine Parallele zu diesen Vorgängen zu kennen. Und es handelte sich nicht etwa um den Übergriff eines Polizeileutnants: der Befehl kam von Keith Roach, dem Gouverneur von Jerusalem, und der höchste Beamte des Landes, der Zivilsekretär und stellvertretende Oberkommissar Luke, hat den Gouverneur in einem Kommunique gedeckt, das die vernichtendste Anklage gegen die Vorgänge am Jom Kippur darstellt, die überhaupt geschrieben werden konnte. Aber auch einer anderen Kategorie von Zionisten werden sich hoffentlich die Augen nunmehr öffnen: dem Brith Haschalom und seinen Freunden, deren ganze Argumentation davon ausging, daß das arabische Brudervolk uns die Hand zur Versöhnung hinstreckt, und nur unser Chauvinismus uns daran hindere, sie freudig zu ergreifen. Wo war die arabische Bruderhand am Versöhnungstage? Jene Notabeinclique, denen der Brith Haschalom das palästinische Parlament und die Zukunft des Zionismus in die Hand geben möchte? Sie waren es, die die Beschwerde an den Gouverneur richteten und Drohungen ausstießen, wenn die Verletzung des Status quo gestattet würde, sie waren es, die die arabischen Massen auf den Tempelplatz beriefen, ihnen v o r 1 o g e n , die Juden verlangten die Rückgabe des Tempelplatzes, und unter den Augen der Regierung pogromartige Reden hielten. Von einer abschwächenden Äußerung des Haifaer Bürgermeisters abgesehen, ist in diesen Wochen von arabischer Seite kein Wort gesprochen und keine Zeile gedruckt worden, die auch nur das leiseste Verständnis der Araber für die jüdische Auffassung bekundeten. Die gesamte arabische Presse, ohne Unterschied, ob Husseinis oder Naschaschibis, druckt Tag für Tag wüste Hetzartikel gegen die Juden, die Überfallenen am Versöhnungstäge, die man den arabischen Massen als drohende Angreifer schildert. Mögen die Herren vom Brith Haschalom damit einmal die Stellungnahme der jüdischen Presse vergleichen! Mögen sie sehen, wie hier, obwohl die Empörung auch das schärfste Wort rechtfertigen würde, nicht einen Augenblick Haß gegen die Araber gepredigt wurde, mögen sie sehen, wie hier in jedem Artikel immer wieder betont wird, daß man nicht das gesamte arabische Volk beschuldigen dürfe, daß die Wege zur Versöhnung nach wie vor gesucht werden müßten. Wir hoffen, daß niemand es mehr wagen wird, von jüdischem Chauvinismus und arabischer Versöhnungsbereitschaft zu sprechen! Mag sich der arabische Brith Haschalom gründen und mag er versuchen, dem Araber etwas Verständnis für den Standpunkt der Gegenpartei beizubringen! Jeder Versöhnungsversuch wird von den Juden Palästinas mit Freude begrüßt werden, nach Canossa freilich wird der Jischuw nicht gehen. Denn das ist das Erhebende dieser Tage: Mit der Goluspsychologie und der Golusangst, mit dem feigen Versteckjudentum und der unwürdigen Notabelnpolitik ist es vorbei. Die Juden Palästinas haben reagiert, wie ein normales Volk reagiert, wenn man an sein Heiligstes gerührt hat: Ohne Chauvinismus und Überschwang, in vorbildlicher Disziplin, aber mit Stolz und nationaler Würde, die ihren Eindruck nicht verfehlt haben. Allen Parteiungen zum Trotz, gab es in diesen Tagen nur einen Jischuw, von der Agudas Jisroel bis zur äußersten Linken, alle fest entschlossen, Übergriffe nicht mehr zu dulden. Das Problem, das uns diese Tage hinterlassen haben, hat ein doppeltes Gesicht: Wenn wir die Wiederkehr solcher Vorgänge verhindern wollen, so müssen zwei Maßnahmen durchgeführt werden: die Entfernung antizionistischer Beamter aus Palästina und die Enteignung der Klagemauer aus den Händen der marokkanischen Araber und ihre Übergabe an den Keren Kajemeth, zum mindesten aber an die Regierung. Wie 1920, so heute: die Durchführung der Politik des nationalen Heims ist von der britischen Regierung zu einem erheblichen Teil in die Hände von Männern gelegt worden, die Feinde dieser Politik und zum Teil einfach Judenfeinde sind. Der Skandal, daß der stellvertretende Zivilsekretär der Palästinaregierung, Mills, in seinen Händen alle antizionistischen Bestrebungen der Araber konzentriert, der Skandal, daß Riehmond, der Mitschuldige der Maipogrome von 1921, wieder nach Palästina geschickt worden ist