Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zwei bedeutende Staatsmänner, Nichtjuden, wahre Freunde des jüdischen Volkes, Kämpfer für den Fortschritt der Menschheit, und gerade deshalb auch für die Schaffung einer nationalen Heimstätte für die Juden in ihrem alten Heimatlande, appellierten an Herz und Verstand der Juden, an diesem Werk teilzunehmen; Colonel Wedgwood, der englische Sozialist und Kolonialfachmann, und Graf Bernstorff, der deutsche Vorkämpfer des Völkerbundes, wirkten zusammen, um Juden aufzufordern, an dem moralischen und politischen Befreiungswerke teilzunehmen, das die Palästinasiedlung darstellt, um Juden zu zeigen, daß es die ihnen heute vom Schicksal gestellte Aufgabe ist, die Grundlagen für die jüdische Erneuerung in Palästina zu legen und daß es die Verpflichtung jedes einzelnen Juden sei, die Erfüllung dieser Aufgabe zu ermöglichen. Justizrat Dr. Elias Straus, der den Abend eröffnete, begrüßte zunächst mit herzlichen Worten im Namen des Keren Hajessod die Gäste (unter denen sich auch Prinzessin Maria de la Paz und ihre Tochter Prinzessin Pilar befanden), besonders Colonel Wedgwood, Graf Bernstorff, den englischen Generalkonsul W. Gaisford, Herrn Kurt Blumenfeld vom Präsidium des Keren Hajessod und die Vertreter der Münchener Kultusgemeinde und des Münchener Rabbinats. Er würdigte in herzlichen Worten die großen Verdienste, die sich sowohl Colonel Wedgwood wie auch Graf Bernstorff schon bisher um die jüdische Sache erworben hatten und dankte ihnen, daß sie auch dem hiesigen Kreise der Palästinafreunde Gelegenheit gäben, ihre Ideen kennenzulernen. Zum Schlüsse seiner Begrüßungsrede verlas Herr Justizrat Dr. Straus das von uns bereits in der letzten Nummer wiedergegebene Schreiben des Reichskanzlers an die Keren-Hajessod-Veranstaltung in Berlin, das mit besonders freundlichen Worten die Anerkennung des Palästina-Werkes ausspricht. Darauf ergriff Colonel Wedgwood mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall begrüßt, das Wort. Er führte etwa aus: Ich danke Ihnen zunächst für Ihre überaus freundliche Aufnahme; es ist nicht die erste Freundlichkeit, die mir in Deutschland, sogar nach dem Krieg, zuteil geworden ist. Wir haben gegeneinander gekämpft, mit so viel Ehren, als man im Krieg erwarten kann, und wir alle hoffen, daß wir nie wieder kämpfen werden. Ich bin froh, daß ich noch am Leben bin und freue mich, daß auch Sie noch am Leben sind. Menschen, die dem Tod ins Antlitz gesehen haben, lassen allen Streit ruhen und werden nachher um so bessere Freunde. Am heutigen Abend beschäftigen wir uns mit einem Gegenstand, über welchen Deutsche und Engländer sich leicht einigen werden, denn es geht um nichts Geringeres als um die Schaffung eines neuen freien Volkes. Hier aber haben wir etwas gemeinsam. Es gibt nationale Freiheit und persönliche Freiheit. Beide Arten von Freiheit schulden der deutschen Unterstützung mindestens so viel wie der britischen. Und wenn sowohl Deutsche als auch Engländer zu Zeiten vom rechten Weg abweichen, dann tun wir dies im Bewußtsein, Unrecht zu tun. In solchen Fällen sind es die Juden unter uns, die uns daran erinnern, daß wir fehlen. Denn die Juden sind es, die als erste die Freiheit geliebt haben, als sie aus Ägypten zogen, der priesterlichen Herrschaft entrannen und selbständig zu denken begannen. Diese Liebe zur Freiheit ist den Juden geblieben und sie sind darin oft die Lehrmeister anderer Völker gewesen. Aber sie selbst mußten viel unter nationaler und persönlicher Unfreiheit leiden. Heute aber findet man, über ganz Palästina zerstreut, kleine Siedlungen von Männern und Frauen, die wieder frei und glücklich sind. Frei bearbeiten sie freien Boden, ohne Furcht vor einem Unterdrücker. Weil sie in den bösen alten Tagen nicht an solche Freiheit gewöhnt waren, sind sie jetzt um so glücklicher. Sie ertragen Schwierigkeiten, über die unsereiner wahrscheinlich murren würde, um der Freiheit willen. Als ich diese ersten Früchte des Zionismus sah, mußte ich an Faust denken. Nicht an Gretchen, nicht die Wissenschaft und auch nicht Helena sind für ihn ein Wert, für den man die Seele opfert. Sondern dies tut er erst, wenn er sprechen kann: Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn — Zum Augenblicke dürft ich sagen: Verweile doch, du bist so schön. Sie erinnern sich gewiß, wann er die verhängnisvollen Worte spricht. Nun ist das Spiel zu Ende, die Glocke schlägt Mitternacht, der Teufel nimmt seine Seele; — aber freie Männer bleiben frei für immer. Für Sie ist das also gute deutsche Tradition, die Schaffung freier Menschen. Aber nicht genug daran. Nicht nur freie Menschen wollen wir ja schaffen, sondern freie Juden. Die Juden brauchen es am meisten, nicht nur als Individuen, sondern als Volk. Glauben Sie mir: Nicht nur für jene, die selbst hinausziehen, um in Palästina mit den Widerständen der Natur zu kämpfen, bringt diese Sache die Freiheit. Sondern für das ganze Volk. Der Respekt der Welt wendet sich jenen zu, die den rechten Weg gehen, Kultur ver-