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Das jüdische Echo · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · p. Seite 672

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
Seite 672 (sequence 12)
Language
German
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672 Das Jüdische Echo Nr. 42 .. Illlll INI: | | | Feuilleton | ll| III Um i 'ii m i in i Der Holzsammler Von David Frischmann Aus dem Hebräischen übersetzt von J. Salmoni Meine Mutter hörte es von ihrer Mutter und ihre Mutter wieder von ihrer Mutter, die Großmutter von der Urgroßmutter und so weiter, von Geschlecht zu Geschlecht; meine Mutter erzählte es mir. Es geschah in der Wüste Paran, im ersten Jahre nach dem Auszuge der Söhne Israels aus Ägypten, im achten Monat dieses Jahres, als das Lager sich über die kahle Steppe ausbreitete, nachdem die Söhne Israels von Tawera gekommen waren; und da lagerten sie in Hütten und Zelten bei Kadesch gegenüber der Wüste. Unter den Ausgezogenen befand sich ein Mann von dem niederen Volke, das an der Mauer von Ramses gearbeitet hatte und sein Name war Gog ben Becher; er war arm und besaß nichts außer einer kranken Frau und vier kleinen Kindern. Er lebte in einer kleinen Hütte, die er sich mit eigenen Händen baute, da er selbst Zimmermann war. Am Vormittag eines Tages ging der Mann aus dem Lager aufs Feld hinaus und kehrte den ganzen Tag nicht ins Lager zurück. Am Vorabend, als der Nebel langsam aufstieg, den Staub der Erde beleckte und Spanne bei Spanne die Felsen hinaufkroch und von der Ferne nur noch das Summen von Wespen zu hören war, da stand seine jüngste Tochter Jaakowah, ein Mädchen von vier Jahren, im Eingang der Hütte und spähte auf die Wegkreuzung nach ihrem Vater aus. Als sie sah, daß er nicht zurückkam, da fing sie an laut zu weinen. Es war damals die Zeit der neuen Priesterherrschaft, die erst vor einigen Wochen am Fuße des Berges Sinai entstand und noch nicht befestigt war, und die ganze Gemeinde der Priester und Führer, der Aufseher und Obersten suchte alle Tage nach neuen Mitteln, sie zu befestigen und ihr Halt zu verleihen. Es zeigten sich Wunder und Zeichen am Himmel und Erde, um das Herz des Volkes zu gewinnen, aber das Volk stand gleichgültig da und zuckte die Schultern. Gesetze wurden erlassen und neue Vorschriften herausgegeben auf steinernen Tafeln, die vom Himmel gebracht wurden, um das Volk von den anderen Völkern abzusondern und zwischen ihm und den andern starke Grenzen zu ziehen, doch das Volk hörte bloß einen Augenblick darauf, um es im nächsten zu vergessen und zum Alten zurückzukehren. Versprechungen wurden gegeben und schöne und gute Dinge verlautet, um in die Herzen des Volkes Hoffnungen auf die kommende Zeit einzupflanzen, doch das Volk stand von der Ferne, hörte wohl einen Augenblick zu, glaubte aber nicht. Da wurde es auf eine neue Art geprüft: mit starker Hand, mit eisernen Ruten und harten Strafen — und ein Murmeln ging durch das Lager wie das Rauschen eines wilden Baches und durchzog es von einem Ende zum andern. Von einem Ende des Lagers zum andern gingen Priester, Leviten und Aufseher, in deren Hände die Macht gegeben war, und an den Türpfosten eines jeden Hauses und an einem jeden Tore, auf kahlen Bergen und Höhen verkündeten sie neue Vorschriften. Das Volk aber war noch ungebunden in seiner Seele, wie der Wind in der Wüste, stark und des Joches ungewohnt, und da drangen die Dinge nur bis zu seinen Ohren, doch in sein Inneres gelangten sie nicht. Plötzlich kam ein neues Gesetz: Sechs Tage sollst du Arbeit verrichten und der siebte Tag sei euch ein Ruhetag, ein Tag der Ruhe für den Herrn; jeder, der an ihm Arbeit tut — sterbe. Sterben? Das Volk hörte es und lachte. * * * Eines Tages — und es war ein Sabbattag — fand man auf dem Felde einen Mann, der da stand mit gebeugtem Rücken und aussah wie ein Mensch, der nach Verlorenem suchte. In diesem Augenblick hob der Mann den Kopf ein wenig. Sein Antlitz war blaß, die Wangen eingefallen, die Lippen blau. Als man auf ihn zutrat, erkannten ihn einige und sahen, daß es Gog, der Sohn Bechers, der Holzhacker, war. Im nächsten Augenblicke senkte der Mann wieder den Kopf und stand wieder gebeugt wie am Anfang. Da sahen sie, daß er Holz von der Erde auflas und nahmen ihn fest. Gog verstand nicht, was man mit ihm wollte. Er hob fast nicht den Kopf, sondern murmelte leise und ungeduldig: „Laßt mich, Brüder, stört mich nicht. Ich habe keine Zeit. Ich brauche Holz.“ Seine Stimme war stotternd und schwach und rührte beinahe die Herzen der Leute, daß sie Mitleid mit ihm bekamen. „Es ist doch heute Sabbat!“ — riefen sie. Gog hörte zu, doch er verstand nicht. Dies Wort hörte er in den letzten Wochen etliche Male, doch was es bedeutete, hatte er vergessen und wußte es nicht mehr. Da legte er seine niedrige Stirn in Falten, stand eine Weile da und dachte nach. Als man ihn vom Felde nach der Vorhalle, die vor der Stiftshütte stand, führte, hörte er immer noch nicht auf zu staunen. Warum führte man ihn denn nach der Stiftshütte, während er doch nach Hause mußte, zu seiner Frau und zu seinen Kindern, die auf ihn warteten? In der Ecke des Innenhofes sah er zwei Kühe an den Ecken des Altars angebunden stehen und auf den Priester warten, der sie auf dem Altar opfern und ihr Blut siebenmal auf seine Ecken spritzen sollte. Die Kühe standen sorglos da. Die Strahlen der Sonne verfingen sich in ihren Hörnern und überzogen sie mit blinkendem Golde; die Kühe brüllten vor Behagen. Da traf auch ein Strahl des hüpfenden Lichtes auf Gogs Schädel und spielte mit seinem Haar. * * * Als man Gog ben Becher nach der Stiftshfitte brachte, saßen dort gerade am Eingang der Vorhalle junge Aufseher, Beamte und Schreiber, die sich durch sein Erscheinen gestört fühlten. Sie fingen also lässig zu fragen an: „Wie heißt du?“ Der Mann antwortete. „Womit beschäftigst du dich?“ Auch darauf gab er Antwort. „Aus welchem Stamme bist du?“ Aus welchem Stamme er war, vergaß er in diesem Augenblick: dann dachte er angestrengt nach und antwortete schließlich leise: „Aus dem Stamme Sebulon.“ Er wunderte sich aber sehr, warum man dies alles von ihm wissen wollte? Im nächsten Augen-

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