Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Echo Nummer 42 19. Oktober 15. Jahrgang Colonel Wedgwood Einer der bedeutendsten und einflußreichsten nichtjüdischen Freunde des jüdischen Volkes und insbesondere des Wiederaufbaues Palästinas, der gewesene englische Minister und bekannte Politiker Col. Josiah O. Wedgwood, wird Mitte Oktober zu einem mehrtägigen Aufenthalte in Deutschland eintreffen. Am 23. Oktober wird er in einer Veranstaltung des Münchener Keren Hajessod im Cherubinsaal, an der auch Botschafter Graf Bernstorff teilnehmen wird, zu den Münchener Juden sprechen. (Auskünfte erteilt das Büro des Keren Hajessod, Herzog-Rudolf-Straße 1, Tel. 297449.) Neben Macdonald, Lloyd George und insbesondere Balfour ist Col. Wedgwood ein überzeugter Anhänger der Idee der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Nach einem tatenreichen Leben ist Wedgwood zu dieser Überzeugung gelangt. Er ist heute ein Mann von 55 Jahren und stammt aus einer Familie, die ihren Ruhm vor allem der Ausübung einer berühmten Porzellankunst verdankt. Wedgwood selbst hat über seinen Werdegang ein interessantes Buch geschrieben. Von Beruf ist er Schiffsbauer, während des Krieges diente er als Kapitän in Südafrika und blieb nach Schluß des Krieges im Lande als Kreischef eines großen Verwaltungsbezirkes. Nach England zurückgekehrt, wurde er in das Unterhaus gewählt, dem er seit 1906 angehört. Er war ursprünglich Liberaler, ging aber 1918 zur Arbeiterpartei über, zu deren führenden Männern er zählt. Während des großen Krieges hatte er verantwortliche Missionen in Mesopotamien, Sibirien und Amerika. Im Jahre 1923 berief ihn Macdonald in sein Ministerium. Wedgwood genießt in England weit über seine Partei hinaus großes Ansehen und ist als glänzender Redner und als selbständiger Denker bekannt. Für die Sache des jüdischen Palästinas hat sich Wedgwood von jeher mit besonderer Energie eingesetzt, so daß er in der englisch-politischen und intellektuellen Gesellschaft als einer der hervorragendsten Verfechter des Gedankens der jüdischen Heimstätte gilt. In zahlreichen Reden und Anfragen im Unterhaus ist Wedgwood für die Sache des Palästinaaufbaues eingetreten und hat entscheidend dazu beigetragen, die öffentliche Meinung Englands für das jüdische Palästina zu gewinnen. Im Herbst 1926 hat Wedgwood Palästina besucht, das Land eingehend besichtigt und mit der Regierung und den jüdischen Aufbauinstanzen ausführliche Unterredungen gepflogen. Nach seiner Rückkehr gab er bei einem zu seinen Ehren in London veranstalteten Empfange seiner Begeisterung über die bisherigen jüdischen Leistungen in Palästina Ausdruck. Seine politischen Ansichten über die Bedeutung des Palästinawerkes formulierte Wedgwood in einer berühmt gewordenen Broschüre “The Seventh Dominion”, in der er von einem Bündnis zwischen Engländern und Juden die größten Vorteile für Palästina, das jüdische Volk, den Weltfrieden und die allgemeine Kultur sich verspricht. Das Buch von Wedgwood hat innerhalb der englischen Gesellschaft das Interesse für das jüdische Palästinawerk bestärkt. Kurz nach Erscheinen des Buches schlossen sich die Freunde des jüdischen Palästinaaufbaues in England, insbesondere Parlamentarier aus allen Parteien, zu einer großen Pro - Palästina - Organisation zusammen, wobei Wedgwood wiederum führend tätig war. Wedgwood ist ein Vertreter der fortschrittlichen Ideen. Ein warmer Anhänger der sozialen Gerechtigkeit und der im Völkerbunde repräsentierten Gedanken, tritt er für eine gerechtere gesellschaftliche und staatliche Ordnung ein. Er propagiert einen wahren Bund der Völker unter sorgfältiger Rücksichtnahme auf die kulturellen Differenzen der einzelnen Nationen. Im jüdischen Volke erblickt er den legitimen Erben der hohen ethischen Gedanken, die in der jüdischen Lehre besonders in den Büchern der Propheten niedergelegt sind. Aus diesem Grunde erachtet er die Förderung der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina für eine Pflicht der gesamten Kulturmenschheit, und oft hat er seinem Stolze als Engländer Ausdruck gegeben, daß das Schicksal gerade dem englischen Volke die Rolle zugewiesen hat, den Juden bei der Errichtung ihrer Heimstätte an besonders sichtbarer Stelle zu helfen. Die Freunde des jüdischen Palästinas in Deutschland werden in Wedgwood einen Mann kennen- Neuer Skandal an der Klagemauer Jerusalem, 15. Oktober. (JTA.) Die Araber haben begonnen, die Klagemauer zu verbauen, indem sie zunächst über derselben eine neue Schicht Steine legen. Die Erregung unter den Jerusalemer Juden über diesen Gewaltstreich der Araber ist ungeheuer. Der Präsident der Jerusalemer jüdischen Gemeinde, Herr Meyuchas, erschien beim Distriktskommissar von Jerusalem, Major Keith-Roach, und überreichte ihm einen geharnischten Protest der Gemeinde gegen die Verbauung der heiligsten religiösen Stätte der Juden. Der Distriktskommissar erwiderte, die Araber seien berechtigt, an der Klagemauer, die territorial ihnen zugehört, Bauarbeiten vorzunehmen. Der Leiter der Zionistischen Exekutive Palästinas, Oberst F. H. Kisch, erschien beim stellvertretenden Oberkommissar, H. C. Luke, und überreichte ihm einen Protest der Exekutive gegen die Gewaltmaßnahme der Araber. Auch in nichtjüdischen Kreisen, die an der Erhaltung historisch denkwürdiger und religiös ehrwürdiger Stätten interessiert sind, macht sich eine Protestbewegung gegen die Verschandelung der Klagemauer bemerkbar; man erwartet, daß die gleichen Kreise überall In der Welt sich dieser Protestbewegung anschließen werden. ❖ Diese Vorgänge werden immer unverständlicher und es scheint höchste Zeit, daß sich die Londoner Regierung in ganz unmißverständlicher Weise über ihre Absichten in bezug auf die Klagemauer äußert.