Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- Seite 640 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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640 Das Jüdische Echo Nr. 40 rungsbehörde hätte eine Erklärung gefordert, daß er sich in Palästina politisch nicht betätigen werde, daß aber die Judea-Insurance-Company, die das Visumsersuchen gestellt hatte, es abgelehnt hat, eine solche Erklärung abzugeben. Die Stadtverwaltung von Tel-Awiw hatte einen Protestbeschluß gegen die Verzögerung der Visumsgewährung an Jabotinsky gefaßt. II || || Feuilleton ■■■■ [iiiü Hi Der Stein Skizze von Nahum S o k o 1 o w Ein buntes, lustiges Treiben entwickelt sich im Hofe des Reb Kiwa Cohnschen Hauses in P. zwischen Jom-Kippur und Sukkoth. Der Hof füllt sich mit Gerüsten und Gestellen. Braunes Laub liegt in muffigen Massen zusammengeballt, darunter sind rötliche Stümpfe und dürre Zweige von Weidenbäumen mit spärlichen Blättern. Die Sukkoth werden mit geschäftiger Hand gezimmert. Jungisrael schleppt die Bretter heran, schwingt sich auf die Dächer, flattert, schwirrt und wirbt auf die gelbbelaubten Zweige und Eichenäste, deren Nadeln in grünlichem Goldton schimmern. Es kribbelt und krabbelt ringsum, und die Älteren erteilen die Befehle mit Autorität. Onkel Kiwa nickt zustimmend, im königlichen Stolz einherschreitend — ein Weltbaumeister. Und Tante Zirel überschaut den Bauplatz und strahlt vor Hausfrauenfreude. Eine ganze Reihe von Sukkoth. Die Reb Kiwasche in Gala. Reb Kiwa war ein „Gwir“ und seine Sukkah war fertig — nur auszuschmücken war sie noch. Ich liebte nicht das Stereotype; es war nichts dabei zu machen. Sie stand da und mußte da sein. Die andern waren richtige Sukkoth. Sie schossen aus dem Boden zum Sukkothfeste hervor — wie Blumen, Spätblumen. Im Winkel, gegen die Hintergasse, stand eine kleine Sukkah. Sie war löcherig und voll kahler Stellen. Sie gehörte Reb Awrehmel. Sie war gebückt wie er, blaß und dünn wie er, sie hatte schier auch rötlich umränderte Augen wie er — denn ihre zwei Fenster mit roten Papierscheiben kamen mir wie Reb Awrehmels Augen vor. Sie hatte etwas Einsames, ließ sich nicht in die Reihe der Sukkoth hineinquetschen — ganz wie Reb Awrehmel. Denn Reb Awrehmel war ein einsamer Mensch. Und die kleine Sukkah war von einer hohen Mauer aus der Hintergasse überragt. Dort wohnten christliche Handwerker. Man war mehr den Blicken der Nachbarn preisgegeben. Irgendein Schusterjunge lugte oft durch ein Loch in der Wand oder schaute vom Fenster der Mauer hinunter. Man konnte hören, wie er dort lachte: „Die Juden schlagen schon ihre Holzbuden zusammen.“ Es gab dabei viele kleine, neckische Abenteuer. Ich sah zu, wie Reb Awrehmel mit seiner rührenden Hilflosigkeit den ersten Pfahl unmittelbar nach dem „Anbeißen“, am Motze-Jom-Kippur in den Boden schlug. Seine Lippen flüsterten geheimnisvoll einen hebräischen Spruch. Er sah vergeistigt, leiderlöst, sieghaft aus — das Siegesbewußtsein des überstandenen Fasttages. Er trug noch das faltenreiche, lange Gewand von schwarzem Atlasstoff und auf dem Kopfe die Samtmütze. Am nächsten Tag war er schon in der Alltagstracht. Er war niedergedrückt von der Sorge um das tägliche Brot. Man sagte, er sei sehr gelehrt, er wolle nicht Rabbiner werden, weil er von der Thora kein Geschäft machen will, und Melamed könne er nicht werden, weil er. „eine schwache Brust“ hat. Er hatte viele Kinder. Am Erew Sukkoth „vor Schul“ war Reb Awrehmels Sukkah kaum fertig. Ich sah ihn, als er Weidenäste in die Sukkah hineintrug. Seine Augen leuchteten gar wunderbar, und auf den Lippen war ein verzücktes Lächeln. Und ich belauschte Reb Awrehmel, als er in seinen Tempel trat, sofort „nach Schul“. Seine Kinder trippelten hin und her, und sie redeten leise miteinander. Er war ihnen Vater und Mutter, denn seine Frau war gestorben. Das älteste Töchterchen, ein bleichsüchtiges Geschöpf, besorgte die Hausfrauenpflichten. Sie war graziös, hatte ein leidend-süßes Gesichtchen und hieß Täubel. Er kam, sagte leise: „Gut Jom-Tow!“ und segnete die Kinderchen. Ich hatte den Eindruck, daß die Kinder leise weinten. Aber er weinte nicht. Er setzte sich obenauf und begann zu beten. Er öffnete den Nehora-Siddur, sann vor sich hin und begann die „Uschpisin“ klagend-sehnsuchtsvoll herzusagen. In der Mitte der Sukkah hing der Leuchter aus glitzerndem Messing mit flimmernden Armen. Er hatte ihn selber gesäubert und selber „Licht gebenscht“. Der Leuchter hatte eine runde Kugel, in der sich das Licht der Kerzen in rosenroten und tiefblauen Farben brach. Es war ein Erbstück vom Urgroßvater, der ein Wunderrabbi war. Durch den „S’chach“, der, wie ein großmächtiges Netz, stellenweise absichtlich gelockert, über die Sukkah ausgearbeitet war, schimmerte im matten Mondschein die bläulich-graue Mauer, in der die christlichen Schuster wohnten, gespenstisch. Aber von innen waren der „S’chach“ und die von ihm herabhängenden Sträußchen himmlisch-prächtig. So oft der Wind vorübersäuselte, erschienen die wenigen Pappelbaumblätter ganz wundersam. Sie schlangen sich um den gelben Messing-Abglanz des Hängeleuchters wie grüne Schleifen in einem Gewand von Gold. Und wenn das Licht von den benachbarten Sukkoth durch das Rosapapier der Fenster flutete, ruhte ein flimmernder, weißgoldiger Schimmer auf den kahlen Bretterwänden und übergoß die zarten Gesichtchen der Kinder mit einer sanften Purpurfarbe, zart gesprengelt, mit einer Nuance von Mai-Grün, die von den Fichtennadeln herunterschimmerte. An einer Wand, wo Reb Awrehmel saß, waren die „Arbash-Minim“ angebunden und die Sukkah war voll Myrtenblütenluft. Die Farben und die Düfte hüpften über die Chaloth-Decke in wilden Verschlingungen. Uber Reb Awrehmels Kopf hingen vom S’chach einige Pflanzenstümpfe herab. Sie waren grün mit rötlichen Tupfen, und sahen wie goldschimmernde Ähren aus. Und Töne stiegen aus der schwachen Brust empor. Sie klagen, sie singen, sie jauchzen: Asamen lasdas uschpisi iloin — ich lade zu meiner Mahlzeit die hohen Gäste: Abraham, Isac, Jakob, Mosche, Aharon, Joseph und David! Er erbebt vom Kopf bis zu den Füßen in grausigem Entzücken. Er betet schluchzend und süß: