Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 40 5. Oktober 15. Jahrgang Polizeiskandal an Jerusalem, 25. September. (JTA.) Am Vormittag des Jom-Kippur kam es zu einem schweren Angriff der Jerusalemer Polizei gegen die vor der Klagemauer betenden Juden und Jüdinnen, der unter der palästinischen Judenschaft ungeheure Empörung verursacht hat. Während des Vormittagsgottesdienstes, der vor der Klagemauer unter freiem Himmel stattgefunden hat, erschien ein Polizeitrupp unter Führung des britischen Polizeiinspektors Duff und befahl mit lauter Stimme den in der Andacht verharrenden Juden, die Scheidewand, die zwischen den Männern und den Frauen aufgerichtet worden war, zu entfernen. Als. die Betenden diesem Befehl nicht nachkamen, befahl Duff den Polizisten, die Wand niederzulegen. Die Polizisten gingen mit großer Brutalität vor, sie zerstörten die Wand und verletzten mehrere der zur Andacht versammelten Männer und Frauen, unter ihnen eine amerikanische Jüdin. Unter der Jerusalemer Judenheit hat dieses Vorgehen der Polizei tiefste Empörung hervorgerufen. Der Kanzler der Universität Dr. J. L. Magnes und der Arbeiterführer Ben Zwi besuchten den Distriktskommissar von Jerusalem, um sich bei ihm im Namen der Judenschaft gegen das Vorgehen seiner Polizisten zu beschweren. Der Distriktskommissar erklärte aber, die Polizei hätte auf seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt. Er könne nicht zulassen, daß der Platz vor der Klagemauer in eine Synagoge umgewandelt werde; dies würde den bestehenden Besitzverhältnissen und Verträgen widersprechen; schon die Errichtung einer Scheidewand verstoße gegen diese Verhältnisse. Auf diese Erklärung hin besuchte der Vorsitzende der Zionistischen Exekutive in Palästina, Colonel Kish, den stellvertretenden Oberkommissar, Herrn Luke, und legte einen förmlichen Protest gegen die brutale und rechtswidrige Polizeiaktion ein. Herr Luke erklärte, er werde sich mit dem Distriktskommissar in Verbindung setzen und von ihm einen genauen Bericht verlangen. Wie der JTA-Vertreter erfährt, wurde der Befehl zur Entfernung der Scheidewand auf Grund eines Protestes des Obersten Moslemitischen Rates gegeben, der auf dem Standpunkt steht, daß auf dem Platz vor der Klagemauer keinerlei bewegliche und unbewegliche Gegenstände angebracht werden dürfen. Wie erinnerlich, kam es schon oft vor der Klagemauer zu Differenzen zwischen jüdischen Betenden und Polizei, weil sich die betenden Juden Stühle zum Sitzen mitgebracht hatten. Ungeachtet des strengen Ruhetages hat sich die Nachricht von den Vorgängen an der Klagemauer noch am gleichen Tage über ganz Palästina verbreitet. In allen Kreisen des Jischuw sind Erregung und Empörung groß. Ein Protest des Oberrabbinats — Die Klagemauer soll von den Juden ausgelöst werden Jerusalem, 26. September. (JTA.) Das palästinische Oberrabinat hat dem stellvertretenden der Klagemauer Oberkommissar, Herrn H. C. Luke, einen formellen Protest gegen die Aktion der Jerusalemer Polizei am Jom Kippur vor der Klagemauer überreicht. Der jüdische Nationalrat Palästinas (Waad Leumi) tritt in diesen Tagen zu einer Sondersitzung zusammen, in welcher darüber beraten werden wird, welche Schritte im Zusammenhang mit den ungeheuerlichen Vorgängen an der Klagemauer am höchsten Feiertag der Juden ergriffen werden sollen. Der Polizeichef von Jerusalem teilte der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, daß die Polizeibeamten keineswegs eigenmächtig vorgingen, sondern nur den ihnen von dem Jerusalemer Distriktskommissar erteilten Befehl ausführten. Da die Menge sich gegen die Entfernung der Scheidewand wehrte, war die Polizei gezwungen, Gewalt anzuwenden. Er bedauere, daß hierbei mehrere Personen verletzt wurden, allein die Polizei mußte durchgreifen. Die Scheidewand, die die betenden Juden und Jüdinnen voneinander getrennt hat, und die die Polizei zerstört hat, war übrigens nur eine leichte tragbare Schirmwand. In Haifa und Tel-Awiw wurden bereits Vorbereitungen zu großen Kundgebungen der Judenschaft getroffen, auf Ersuchen des Waad Leumi wurden aber diese Kundgebungen abgesagt. Der Stadtrat von Tel-Awiw, der Vorbereitungen zum Empfang der britischen Seeoffiziere aus den in den Gewässern Palästinas ankernden britischen Kriegsschiffen getroffen hatte, hat zum Protest gegen die Vorgänge an der Klagemauer die Empfangsfeierlichkeiten abgesagt. Am Dienstag nachmittag erschienen bei dem stellvertretenden Oberkommissar Luke die Oberrabbiner Kook und Jacob Meir, der Vorsitzende der palästinischen zionistischen Exekutive, Oberst Kish, Dr. J. Thon, Kalvarisky und Meyuchas, und unterhielten sich mit ihm zwei Stunden lang über die Frage der jüdischen Andachtübung vor der Klagemauer. Der Unterhaltung wohnten der Direktor des palästinischen Polizeiwesens, der Oberstaatsanwalt Bentwich, der Distriktskommissar von Jerusalem, Major Keith-Roach, u. a. m. bei. Die jüdischen Vertreter gaben im Namen der Judenheit Palästinas und der Judenheit der gesamten Welt ihrer schärfsten Entrüstung über das Vorgehen der Polizei an der Klagemauer Ausdruck. Sie forderten eine Bestrafung der Schuldigen am Zwischenfall und eine radikale Lösung des Problems der Klagemauer in dem Sinne, daß die Juden über ihre heiligste Stätte sollen verfügen können. Herr Luke versprach, eine Antwort auf diese Forderung in kurzem zu erteilen. Der Distriktskommissar ergriff das Wort zur Rechtfertigung seiner Order an die Polizei. Er setzte auseinander, daß die in der Nachbarschaft der Klagemauer wohnenden Moslemiten über die Aufstellung der Scheidewand in Erregung geraten waren, und daß zu befürchten war, daß die erregten Moslemiten ein Steinbombardement gegen die jüdischen Andächtigen eröffnen würden. Schon