Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 38 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 38 21. September 15. Jahrgang Die neue Jugend Von Kurt Loewenstein (Berlin) In den letzten Wochen und Monaten sind eine Reihe von Ereignissen und Kundgebungen in der jüdischen Jugend Deutschlands zu verzeichnen gewesen, die über das gegenwärtige Entwicklungsstadium dieser Jugend wichtige Aufschlüsse vermitteln. Die jüdische Jugend ist allenthalben zum Bewußtsein ihrer ureigensten Aufgaben vorgedrungen. Hat eine alte und veraltete Psychologie die Jugend mit ihren geistigen Inhalten nur als einen Ubergangszustand betrachtet, das heißt ihr nur einen relativen Wert zugestanden, so empfand diese neue Jugend sich selbst als bewegendes Element im gesellschaftlichen Leben und betrachtete Jugendlichkeit in Haltung und Inhalt ihres jüdischen Strebens als Lebensaufgabe. Zugleich damit aber trat in das Bewußtsein unserer jüdischen Jugend jener Komplex von Nöten in aller Deutlichkeit ein, der in erster Linie durch diese veraltete Wertung des Jugendlichen hervorgerufen ist. Es handelt sich dabei einmal um die Vermaterialisierung des gesamten Lebens und die damit verbundene Entgeistigung, die zugleich eine Austreibung alles Jüdischen ist. Ferner war in weiten Kreisen der Jugend eine Fesselung an den Gedankenkreis der „Erwachsenen“ derart eingetreten, daß deren Ideale auch für den jugendlichen Menschen Verbindlichkeit erlangten. Man spürte in der Jugend zeitweise überhaupt nicht mehr jenes geistige Abgleiten, das in einer derartigen Verkettung, beziehungsweise Aufgabe des eigenen Selbst lag. Erkannte eine jugendliche Generation diesen Zusammenhang, so mußte ihr derselbe als schwere Gefanr für die lebendige Fortenwicklung der jüdischen Gesellschaft, als ihre tiefe persönliche Not, erscheinen. Die jüdische Jugend mußte, sofern ein lebendiger Kern in ihr vorhanden war, den Weg der Loslösung aus ihren geistigen Ketten, der Ausbildung eines eigentümlichen jüdischen Ideals der Jugend beschreiten. Der erste große Versuch einer derartigen geistigen Auflehnung im deutschen Judentum wurde durch den Beginn der zionistischen Bewegung gebildet. Sie trat — getragen von jungen Menschen — als eine Bewegung auf, welche mit elementarer Stoßkraft eine positive Fortentwicklung und Reinhaltung auch des deutschen Judentums anstrebte und durch das persönliche Leben des einzelnen zu realisieren versuchte. Der Krieg und seine Folgen, die Zeiten einer tiefen Erregtheit auch in der jüdischen Gasse und die nachfolgende Selbstbefriedigung des jüdischen Bürgertums unterbrachen diese Entwicklung. Allmählich erst wuchs eine neue Jugend heran und gelangte dahin, die jüdische Lage in Deutschland und ihre eigene Stellung klar zu erkennen. Diese neue Generation, in der das Erleben der Weltkatastrophe noch irgendwie nachschwingt, die zugleich unter der Einwirkung eines lebendig mit Palästina verbundenen Zionismus steht, ist nun in allen Lagern des deutschen Judentums aktiv aufgestanden und hat den Beginn damit gemacht, sich von dem Vorbild der Alten zu emanzipieren, so daß man von einem einheitlichen Willen der neuen jüdischen Jugend sprechen kann. Nach zwei Richtungen hin ist der Weg dieser jüdischen Jugend in Deutschland bemerkenswert. Auf der einen Seite kämpft man gegen all das, was heute noch als Notabelntum im deutschen Judentum von Einfluß ist. In diesem Sinne sind die Beschlüsse zu werten, die der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands auf seiner Dresdener Tagung zu Pfingsten dieses Jahres gefaßt hat. Wenn dort bestimmte Gemeindereformen gefordert wurden und insbesondere gegen die Karenzzeit Front gemacht ist, so ist das ein wichtiger Schritt der Jugend auf dem Wege der Neugestaltung des Gemeindelebens. Ferner kann man in diesem Zusammenhänge auf die internationalen Beziehungen hinweisen, welche der VJJD. mit der „Union universelle de la Jeunesse Juive“ angeknüpft hat. Auch hier ist ein Weg der Verlebendigung des jüdischen Wollens von einem Teile der Jugend betreten worden. Eine nicht minder bedeutsame Tatsache ist die Stellungnahme, die.in der Jugendsektion auf der liberalen Weltkonferenz in Berlin erfolgte. Man hat hier ganz deutlich erklärt, daß die Jugend nicht mehr gewillt sei, die Gehässigkeiten des innerjüdischen Kampfes mitzumachen, wie sie in gewissen liberalen Kreisen in der Auseinandersetzung mit den Zionisten geübt wurden. In dieser Stellungnahme der Jugend ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einer fruchtbaren und jüdisch förderlichen Haltung zu sehen. Die persönliche Schärfe und Gehässigkeit ist ja im Grunde nur ein Mittel, um die unhaltbar gewordene Position jüdischer Notabein zu decken. Auf der anderen Seite sehen wir, wie die Jugend aller Richtungen versucht, ihr Leben jüdisch tiefer zu fundieren. Was in früheren Zeiten als Schreckgespenst nationaler Kulturarbeit verpönt war, gilt heute als selbstverständliche Voraussetzung jüdischer Arbeit. Dies gilt insbesondere von der Verstärkung der hebräischen Arbeit in allen Kreisen. Wenn auch die tatsächlichen Ergebnisse . nicht immer befriedigend sind, so ist doch ein starker Wille vorhanden. Man hat auch auf seiten der liberalen Jugend ernsthaft versucht, das religiöse Leben lebendiger zu gestalten und insbesondere das Formenproblem schöpferisch anzugreifen. Wenn die Jugendbünde auch in dieser Richtung noch nicht weit vorangeschritten sind, so bahnt sich doch hier die Möglichkeit eines lebendigen Liberalismus an. Die jüdische Jugendgemeinde, die an einzelnen Orten geschaffen ist, hat in dieser Richtung gewiß noch große Möglichkeiten. Auf Grund all dieser neuen Verhaltungsweisen der jüdischen Jugend hat sich die Möglichkeit gemeinsamer Aussprache und gemeinsamer Arbeit