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Das jüdische Echo · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 37 4. September 15. Jahrgang Vom Sinn der jüdischen Einheit Von Dr. Wiener (Berlin) Es ist Brauch geworden, daß man auf allen jüdischen Tagungen dem Klal-Gedanken im Judentum seine Referenz erweist. Allerdings stellt man sich darunter Vielfältiges vor. Gerade zu Rosch-Haschonoh wird darum unseren Lesern die folgende Betrachtung besonders willkommen sein, die der bekannte Berliner Rabbiner Dr. Max Wiener vor einiger Zeit in einer Aussprache bei einer Kundgebung des Pro-Palästina-Komitees angestellt hat. Red. Es ist eben doch etwas .ganz anderes, ob das Judentum als Einheit, als Gesamtheit, ein Werk auf sich nimmt oder ob die verschiedenen deutschen, russischen, polnischen oder amerikanischen Fragmente der Judenheit allein darangehen, ihre spezifischen Sorgen zu lösen. Das aber scheint doch ganz gewiß zu sein: wenn wir Juden jetzt, wo sich uns die Gelegenheit bietet, ein großes Gemeinsames zu erreichen, es nicht als einigendes Band empfinden, daß wir zu einer großen, der größten Aufgabe unserer Geschichte seit 2000 Jahren berufen sind, welchen Sinn hat dann die Einheit des Judentums überhaupt? Stimmen wir etwa im Denken, Fühlen und religiösen Glauben wirklich überein, oder ist nicht vor allem das der wahre Untergrund unserer Einheit, daß wir es als ein jüdisches Schicksal empfinden, wenn irgendwo auf Erden Juden gequält sind, Juden als Juden sich nicht ausleben, sich nicht gerade richten, nicht aufrecht stehen können! Wir Juden müssen — und meine Worte wenden sich an alle Juden und Nichtjuden, die für eine positive, fruchtbare Lösung alles dessen eintreten, was im Leben des Judentums fraglich ist — wir Juden müssen den Aufbau Palästinas als den Aufbau der jüdischen Seele fühlen. Wir empfinden es — gerade wir, die wir den geistigen Gehalt des Judentums, sein religiöses Leben, so oft innerhalb der verschiedenen Fragmente des jüdischen Volkes haben verkümmern und dahinsiechen sehen —i wir fühlen es, daß es gar nicht möglich ist, ein Volk religiös, geistig aufzurichten, ihm wieder aufzuhelfen, wenn ihm die Volkhaftigkeit, ein natürlich geschichtetes, auf der breiten Basis des Ackerbaus ruhendes Dasein fehlt. Und das ist es, was wir Juden mit tiefstem Schmerze empfinden; es handelt sich zunächst um viel weniger als um die- Frage der besonderen nationalen Eigenart! Vor jeder nationalen Eigenart muß zuerst überhaupt einmal natürlich, nationales, volkhaftes Leben da sein. Das aber ist es, was uns verlorengegangen ist. Ganz gewiß sind wir Juden oder können wir Juden von jener erwähnten Zwiespältigkeit der Kultur sein; man könnte auch sagen, Juden mit jener Zwiespältigkeit der Kulturseelen, die wir in unserem Innern tragen. Aber hier liegt doch zunächst noch etwas anderes vor: wir Juden müssen doch zunächst einmal für uns eine gewisse Lebenswirklichkeit überhaupt erst schaffen. Und wo gibt es eine Lebenswirklichkeit von Menschen, die nicht ihr frisches Blut immer und immer wieder von unten her, aus der fruchtbaren Tiefe des Erdbodens, von den geheimnisvollen, mystischen Kräften, die dort leben, und die ans Licht gelangen müssen, wenn Menschen leben und sich aufrichten sollen, empfänge! Wir wissen es ja: Wir sind die Großstädter, die Menschen der Weltstädte. Und was erleben wir von unserem großstädtischen und weltstädtischen Judentum? Es stirbt aus! Ist das die Lösung? Wenn die Lösung der Frage nicht Selbstmord sein soll — und zum Selbstmord hat man ja immer noch Zeit; Selbstmord ist doch nie eine Lösung, sondern eine Feigheit — wenn also die Lösung der Judenfrage Leben sein soll und nicht Tod, dann müssen wir aus der tiefsten Kraft unserer Seele alles unterstützen, was dazu beiträgt, das Judentum wieder mit dem fruchtbaren Erdreiche zu verbinden. Wir Juden sind es, die heute gleichsam als Exponent all der Schwierigkeiten dastehen, an denen alle hoch- und überzivilisierten Völker leiden. All die furchtbaren und schweren Fragen unserer Tage: Fragen der Ehe, des gesunden Kindernachwuchses, Fragen der entseelenden Berufsarbeit, Fragen der Mechanisierung, die Tatsache, daß wir, so vollständig vollgefüllt mit dem, was die Stunde verlangt, überhaupt keine Zeit mehr haben, uns der die Kräfte erfrischenden Muße für Ewigkeitsgedanken freizugeben —. all diese Fragen sind tausendfältig potenziert im jüdischen Dasein. Wie aber wollen wir leben, wenn wir nicht jede Möglichkeit ergreifen, um uns zu einem natürlichen, unmittelbaren, frischen Leben wieder tief in den Erdboden einzupflanzen! 15 Millionen Juden leben auf dieser Erde, 15 Millionen Menschen, die der Welt ganz gewiß nicht weniger zu sagen und zu geben haben als eine gleiche Zahl von Menschen, wo_ immer man vielleicht eine solche Zahl abgrenzen sollte! Gewiß: wir werden nicht von heute auf morgen aussterben. Dennoch aber ist es so, daß wir unser Leben schon bei lebendigem Leibe verlieren, und wer unter uns sagen wollte, daß er dieses dahinsiechende Judentum nicht spürt, dem müßte man antworten, daß er schon so gefühllos ist, daß er überhaupt nicht mehr lebt und infolgedessen nicht mehr mitsprechen kann. Wenn ich in Palästina gesehen habe, was für Menschen aus den Zehntausenden von Juden, die dort angesiedelt wurden und ein neues, frisches Leben führen, geworden sind: gerade gebogene, die von sich all den Staub und Wust dessen, was ein Furchtbares an ihnen verbogen und verzerrt hat, abgeworfen haben, so muß man wohl das eine sagen: Wir wissen nicht, wieviel Menschen der Boden Palästinas tragen kann; es ist dies

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