Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 35 31. August 15. Jahrgang Zur liberalen Weltkonferenz Drei Tage lang haben in Berlin die Vertreter des liberalen Judentums aus vielen Ländern in denen Juden leben, zusammengesessen, haben Referate angehört, an Diskussionen teilgenommen und sind sich eigentlich zunächst, ebenso wie die vielen Gäste, darunter unvoreingenommene Beobachter und der liberalen Bewegung fernstehende, aber jüdische Menschen, darüber nicht klar gewesen, was eigentlich im Grunde genommen der jüdische Liberalismus will, zu welchem Zwecke er sich zu einem Weltverband zusammengeschlossen hat und wozu er diese Konferenz veranstaltete. Wichtiger aber als Theorien und Programme sind Erlebnisse. Und es läßt sich sagen, daß die meisten Vertreter des Liberalismus, die zur Weltkonferenz nach Berlin gekommen waren, zunächst nur mit irgendwelchen Theorien ausgestattet gewesen sind, aber keineswegs sich im klaren darüber waren, was sie auf der Konferenz suchen. Man muß auf die Entstehung des Liberalismus in den einzelnen Ländern zurückgreifen, um einen Begriff zu bekommen, wie different die verschiedenen Menschen in ihren Absichten anfänglich gewesen sind, als sie sich dem jüdischen Liberalismus anschlossen. In den meisten Ländern des Westens war der jüdische Liberalismus eine Folge der Atomisierung der jüdischen Gemeinschaft. Die Judenheit der Welt war durch die Emanzipation und durch die nationale Bewegung in den einzelnen Ländern auseinandergefallen und in den einzelnen Ländern war ein großer Teil der Juden plötzlich durch den Eintritt in das Leben der Umgebung aus der Gemeinschaft herausgedrängt und isoliert. Die alten frommen Juden erschienen unzeitgemäß und eine ungeheure Kluft war zwischen dem aufgetan, was Judentum bedeutete und der Lebensweise, die die einzelnen Juden führten. Auf Grund dieses Erlebnisses, das ein Gefühl der Verlassenheit und Verwaistheit erzeugte, bemühte man sich, für diesen Zustand eine Theorie zu schaffen und so entstand der religiöse Liberalismus als Ausdruck der Atomisierung der jüdischen Gemeinschaft. In anderen Ländern, wie z. B. in Polen, im ehemaligen Österreich, in Ungarn usw. war der religiöse Liberalismus nichts als ein Feigenblatt, um die Blöße völliger Assimilation unter den Juden zu verdecken. In einzelnen Ländern des Westens waren die Bekenner des jüdischen Liberalismus eigentlich nur verhinderte Juden, und in den Fällen, wo der Liberalismus nur die Tatsache des Dranges nach vollständiger Auflösung beschönigen sollte, war er verhindertes Nichtjudentum. Aus solch differenten Elementen setzte sich bis zur Entstehung des Weltverbandes die Anhängerschaft des liberalen Judentums zusammen. Ein Teil, der assimiliert aber nicht assimilatorisch war, versuchte durch den jüdischen Liberalismus einen Rest von Judentum zu retten, ein anderer Teil, ein assimilatorischer aber noch nicht assimilierter, meinte im Li- Wie schön sind Deine Zelte ... beralismus ein Mittel zum restlosen Verschwinden, ein Obergangsstadium zu völliger Auflösung, gefunden zu haben. Neben diesen zwei großen Schichten im liberalen Judentum gab es ernste, ehrlich-religiös gestimmte Menschen, die im Grunde ihrer Seele eine religiöse Neuerung erstrebten und die tiefe Kluft zwischen Inhalt und Erscheinungsform des Judentums empfanden. Diese Schicht war getragen von der tiefen Überzeugung der jüdischen Auserwähltheit und der besonderen Aufgabe, die dem Judentum in der Welt zuteil geworden ist. All diese Elemente schlossen sich im Weltverband des liberalen Judentums zusammen und hielten, jetzt zum zweiten Male, ihre Weltkonferenz ab. Am ersten Tage ihrer Zusammenkunft sprachen sie alle verschiedene Sprachen und verstanden einander nicht, aber je länger sie zusammensaßen, um so stärker vollzog sich das Wunder einer Einigung. Weniger durch die Referate und die Diskussionen als durch die Tatsache des Beisammenseins wurde in diesen Vertretern etwas geboren, das unbewußt in allen schlummerte und dessen Herausschälung von Anfang an nicht im Plane der Konferenz gewesen war. Man stelle sich vor, der religiöse Liberalismus, wie wir ihn in Deutschland kennengelernt haben, stand in schroffstem Gegensatz zur Orthodoxie; er negierte mit aller Leidenschaft die Ansichten des Zionismus; er scheute sich nicht vor einer Verschmelzung mit dem am weitesten in der religiösen Form vorangegangenen Juden, mit den sogenannten Sonntagsjuden. Man hätte nun erwarten können, daß auf der liberalen Weltkonferenz die Grenzen des liberalen Judentums abgesteckt werden. Nichts von alledem! In allen Reden und Diskussionen kam die starke Einheit und Verbundenheit des jüdischen „Klal“ zum Ausdruck. Man bemühte sich, vor den rituellen Formen des jüdischen Konservatismus Reverenzen zu machen; man proklamierte laut, daß es notwendig sei, zwischen allen Gruppen der J.udenheit Brücken zu bauen, und die Konferenz klang geradezu in eine Verherrlichung nicht etwa des liberalen Judentums, sondern glatt und einfach des Begriffes „Jüdischkeit“ aus. Von allen Seiten konnte man hören, daß der Primat alles Tuns und Handelns das Interesse des Judentums sein soll, und zwar eines Judentums, das weit über die Grenzen einer religiösen Richtung hinausgeht. Keine Spur von Isoliertheit des einzelnen, ein Verwerfen des Begriffes von Landesjudenheiten und ein starkes Betonen des Gedankens vom jüdischen Klal! In diesem Sinne war die liberale Weltkonferenz in Berlin eigentlich eine Überwindung des jüdischen Liberalismus von ehemals. Nicht mehr eine Theorie atomisierter Juden, sondern ein Bekenntnis zur jüdischen Gemeinschaft, und auch im rein Religiösen nicht mehr nur Betonen des individuellen Verhältnisses jedes Juden zu Gott, son-