Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- Seite 539 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Beilage Die Hutographen- und Porträtsammlung der Jerusalemer National- und Universitätsbibliothek Von Dr. Abraham Schwadron (Jerusalem) Man verzeihe mir die Unbescheidenheit, die darin liegt, daß ich trotz der subjektiven Verbindung, in der die Sache mit mir steht, mit dem meiner Überzeugung nach richtigen objektiven Satze beginne: das moderne jüdische Jerusalem ist um eine ernste und sehr wichtige Sehenswürdigkeit bereichert worden, nämlich um die größte jüdische Autographen- und Porträtsammlung der Welt. Eigentlich sogar, im Sinne einer umfassenden und spezifisch-jüdischen Systematisierung ist diese Sammlung die einz i g e der Welt. Neulich hat diese Bibliothek eine öffentliche Ausstellung einer Auswahl meiner Sammlung (etwa 1300 Stücke von den vorhandenen über 4400) veranstaltet und die hierbei erfolgte Kombination von Autographie und Ikonographie (Bildniskunde) ist nicht nur im Jüdischen, sondern überhaupt als ein Novum zu bezeichnen. Die ausgestellten Stücke waren nach den Wirkungsgebieten der betreffenden Persönlichkeiten verteilt und innerhalb dieser Gebiete teils chronologisch, teils nach bestimmten Kultur- und Verwandtschaftskreisen geordnet. Wie ich auf den Gedanken der Sammlung gekommen bin, wie sie aus nichts entstanden und im Verlauf von zweiunddreißig Jahren sehr mühevoller und in vielen Beziehungen sehr opferreicher Arbeit gewachsen ist, welchen Umfang und Rahmen sie jetzt besitzt, und schließlich, was ihr allgemein-geistiges und national-kulturelles Wesen ausmacht, und welche Ausblicke sie für die Zukunft gewährt, das möge jetzt, da sie durch meine Schenkung in den Besitz des jüdischen Volkes übergegangen ist, hier in möglichster Kürze erzählt sein. * Als ich sechzehn Jahre alt war, las ich die „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden“ von Güdemann. Eine Stelle eines alten hebräischen Dokuments konnte der Verfasser nur mit Mühe deuten und fügte der Deutung ein Fragezeichen bei. Ich fand eine andere, passendere Deutung, teilte sie dem Autor mit und erhielt von ihm die Antwort, daß meine Auffassung richtig sei und des Fragezeichens nicht bedürfe. Das war der Anfang meiner Sammlung von Autographen, die heute über 2900 Stücke zählt. Am Anfang war bloß das Gefühl des Stolzes dabei: der Sechzehnjährige aus dem östlichen Krähwinkel korrigiert den alten, großen Gelehrten in Wien und hat sogar einen Brief von ihm, der das bestätigt! Ich hatte damals natürlich noch kein Maß für Größe; ein Oberrabbiner der Residenzstadt Wien mußte mir als der Großen Größter erscheinen. Aus sachlichen Motiven schrieb ich um dieselbe Zeit auch an einige andere hervorragende Männer, deren Namen mir aus ihren Werken bekannt waren, und erhielt auch von diesen Antworten. Diese Briefe waren mein sorgsam gehüteter Schatz. Bald interessierte es mich begreiflicherweise auch, wie sie schrieben: wie große Menschen schreiben! Ich war immer von herzlicher Verehrung für große Menschen erfüllt, von denen ich ja in meiner Gegend keinen zu Gesicht bekam, die ich also bloß nach Leistung und — Schriftzügen bewundern konnte. Und kam mir einmal ein Porträt der von mir mit ferner Liebe Bewunderten vor Augen, so bohrten sich meine forschenden Gedanken in das Gesicht: wo da die Größe ruhen mag? Und ich kaufte mir hier und da ein solches Porträt: einen sehr billigen Stahlstich, eine Photographie, einen Lichtdruck und dergleichen. Zufällig, recht selten, bei irgendeinem Antiquar. Denn, was wußte ich damals im weltfernen Ort von Porträtverlagen und Porträthändlern? Das war der Anfang meiner Porträtsammlung, die heute über 1500 Stück umfaßt. Zwei bis drei Jahre später begegnete ich in der Lektüre dem Begriff des Autographen: daß die Pariser Staatsbibliothek und das Britische Museum Autographensammlungen besitzen, das Germanische Museum in Nürnberg Briefe berühmter Deutscher sammle usw. Und als ich schließlich mit neunzehn Jahren im Lemberger nationalpolnischen Ossolinskimuseum Briefe und Porträts berühmter Poien ausgestellt sah, da kam mir der Gedanke: Du mußt ähnliches für das jüdische Volk anlegen! Ich war etwas früher Zionist geworden. „Nation“ und „für die jüdische Nation“ wurden mir heilige Losungen. Aber vom jetzigen Bezalel- Museum, von einer jüdischen Universität, war damals, im Jahre 1898, noch kein Anfang. Und da wir eben, dachte ich, ein solches Institut, das Autographen und Porträts berühmter Juden sammeln würde, nicht haben, ergo, muß ich es schaffen! Ich fürchtete zu sehr die Lächerlichkeit, als daß ich damals zu irgendeinem Menschen von diesem somnambulen Ideale gesprochen hätte. Abgesehen davon, daß in meinen Kreisen eine Auiographen- und Porträtsammlung als eine alberne Skurrilität und nicht als Ideal angesehen worden wäre. Aber selber ging ich mit heißer fanatischer Energie an die Arbeit. Tastend, ohne Erfahrung und Führung. Zunächst wandte ich mich an verschiedene jüdische Größen mit der Bitte um eine Unterschrift „für mein Album“. Wieviel Mühe kostete es, bis ich die Adressen fand! Und fand ich sie., so war der Ertrag ganz kärglich. Und gerade bei den wirklichen Großen erst recht. Bald las ich in der Zeitung von Autographen- Auktionen und Autographen-Händlern, begann mit Eifer Kataloge zu beziehen und für mein sehr karges Taschengeld einzukaufen. Ich mußte mich darauf beschränken, die Autographen der Kleinsten und Kleinen einzuhandeln; von 50 Pfennigen bis 2 Mark das Stück. (Vier bis fünf Mark per Brief waren schon ungewöhnlich hohe Ausgaben und ich konnte darum von den Großen nur gelegentlich, wenn sich ein besonders billiges, weil natürlich unansehnliches, oft fragmentarisches Stückchen traf, etwas erwerben. Die Briefe von Lord Beaconsfield und Rahel von Varnhagen zu je einem englischen Pfund waren zu jener Zeit meine teuersten, meine Ausnahmestücke. An ganz teueren, wie Heinrich Heine, Moses Mendelssohn