Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Das Jüdische Echo Nr. 34 dischen Volkes alles herauszuholen vermag, was dem sittlichen Glück der Menschheit frommt. Der Not-Pol ist Tod und Untergang dieses jahrtausendealten kulturellen Lebewesens, das man das jüdische Volk nennt. Die Gefahr in der Idealkonkurrenz zwischen Zionismus und Sozialismus liegt darin, daß ein jeder ohne besondere Vorbereitung die Spannung zwischen Wert und Not auf dem Gebiete des Sozialismus in sich erleben kann; daß es aber weit schwerer ist, die Spannung zwischen Wert und Not innerhalb der Judenfrage zu erleben. Warum? Weil unsere bereits assimilierten Menschen den Wert des Judentums gar nicht kennen und daher auch seine Not nicht fühlen können. Das ist eben die po-tenzi er te Not innerhalb des Judenproblems, daß sie kaum mehr als Not unmittelbar gefühlt wird. Darin liegt eben die besondere Gefahr der heutigen Situation und die Dringlichkeit der Judenfrage. Der Zionist hat wohl Wert und Not dieses Problems erkannt; aber da unser Leben in Wahrheit doch schon entjudet ist, somit das unmittelbare Gefühl zum Judentum recht wenig hilft, vermag hier nur die sittliche Erkenntnis zu helfen. Entsteht nun eine Idealkonkurrenz mit dem Sozialismus, wo Wert und Not so sehr auf der Hand liegen und unmittelbar gefühlsmäßig plausibel sind, so kann es geschehen, daß der zionistische Wert und die zionistische Not verblaßt. Und so entsteht — auch auf dem Boden der positiven Idealkonkurrenz — das, was man eigentlich auf( dem Wege der negativen hätte billiger haben können; die Assimilation. Man vergißt daß die Judenfrage auf einer tiefen menschlichen Not beruht, eine historisch-sittliche Angelegenheit von höchster, fast metaphysischer Wichtigkeit ist, und hält sie aus Gedankenlosigkeit, aus Uninformiertheit, aus mangelndem Wissen und fehlender Erziehung — das ist der Grund bei unserer Jugend — bloß für eine nationale Angelegenheit, die dann in Konkurrenz mit der sozialen Frage ins Hintertreffen gerät. Man sieht den „Wert“ in einem mechanisch aufgefaßten Judenstaat und die „Not“ in der Vorstellung des materiell oder auch nur moralisch benachteiligten Juden, hat also die echte Spannung zwischen dem wahren Wert und der wahren Not innerhalb der Judenfrage verloren und muß dann in der Konkurrenz mit der sozialen Frage unterliegen. Es ist das Schicksal des Zionismus — insbesondere bei uns Westjuden—, daß er immer wieder an Stelle eines natürlichen Gefühls sittliche Pflichten setzen muß; das ist der weheste Punkt unserer geistigen Judennot. Der Sieg des Zionismus wird davon abhängen, ob die Intensität dieser erlebten Verpflichtung so stark ist, daß sie das natürliche Gefühl ersetzen kann — wenigstens über die kritische Zeit hinweg, bis wieder mit Hilfe Palästinas und der jüdischen Wiedergeburt das natürliche Gefühl sich verankert hat. Davon wird es abhängen, ob wir, im höheren Sinn, am Leben bleiben werden; und wie sich der Zionismus in der weiteren Idealkonkurrenz mit dem Sozialismus bewähren wird. F. W. I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRHNZ GRUBER, MÜNCHEN' Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, KostOmstlckereien Burgstraße16/3 Knopflöcher Telephon 22975 Von der Weltkonferenz des liberalen Judentums Berlin, 20. August. (JTA.) Am Samstag, dem 18. August, abends, wurde im ehemaligen Sitzungssaal des Herrenhauses zu Berlin die zweite Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum eröffnet. Die Eröffnungssitzung stand im Zeichen einer großen Manifestation für den religiös-liberalen Gedanken und gestaltete sich außerdem zu einer Huldigung für den Präsidenten des liberalen Weltverbandes, Claude G. Montefiore, der VOr einigen Monaten 70 Jahre alt geworden ist. Der große Sitzungssaal des Herrenhauses und sämtliche Galerien waren von Delegierten, Gästen und Journalisten überfüllt. Als Vertreter der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung war Graf Tattenbach, als Vertreter der Stadt Berlin der Polizei-Vizepräsident Dr. Bernhard Weiß erschienen. Alle jüdischen Organisationen haben ihre Vertreter zur Eröffnung entsandt. Nachdem Rabbiner Dr. Blumenthal ein eigens für die Tagung verfaßtes Gebet gesprochen hatte, wurde sie um 8.30 Uhr von Montefiore mit Worten der Begrüßung eröffnet. Begrüßungsansprachen hielten ferner Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Präsident der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, der u. a. die Ehrenurkunde der Ernennung Montefiores zum Ehrenmitglied der liberalen Vereinigung verlas; Legationsrat Graf Tattenbach im Namen des Reiches und preußischen Staatsregierung, Rabbiner Dr. Seligmann, der sich besonders an Montefiore wandte und ihm in feierlicher Form eine Festschrift überreichte, in der zahlreiche Führer des Liberalismus Montefiore ihre Verehrung beweisen. Namens der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände Deutschlands, des Preußischen Landesverbandes und der Berliner Jüdischen Gemeinde begrüßt Kammergerichtsrat Wolff die Weltkonferenz. Darauf dankt Montefiore tiefbewegt für die ihm zuteil gewordenen Ehrungen; Lily Montague und George Götz verlesen Begrüßungsschreiben aus verschiedenen Ländern; schließlich folgen die Berichte über die jüdisch-liberale Bewegung in den verschiedenen Ländern. Am Sonntag vormittag begann die Sitzung um 11.30 Uhr mit einem kurzen Gebet. Den Vorsitz führt A. Leo Weil (Pittsburg), der in einer kurzen Ansprache betont, daß der Weltverband für das liberale Judentum in der Frage des Zionismus Neutralität wahre und daß darum diese Frage nicht zur Erörterung kommen werde; das Präsidium ist aber damit einverstanden, daß die Sondernummer der „Jüdischen Rundschau“, die der liberalen Weltkonferenz gewidmet ist, draußen unter den Delegierten verteilt wird. Von lebhaftem Beifall begrüßt, beginnt Dr. Leo Baeck das Generalreferat der Tagung, das den Titel trägt; „Die Botschaft des liberalen Judentums an die Juden von heute!“ In meisterhafter, tief eindringlicher Form, die die große Zuhörerschaft in Atem hält und zum Schluß einen außerordentlich warmen und langandauernden Beifall auslöst, entwickelt Baeck die Idee des jüdischen Liberalismus. Der Jude ist ein Bekenner und ein Zeuge, er darf die Bequemlichkeiten nicht lieben, er muß den Willen zum Drama haben, zur Tragödie. Liberalismus bedeutet nicht ein Minimum, sondern ein Maximum an Judentum. Liberales