Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 30 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- Seite 477 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9156894--08650-9081368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Nr. 30 Das Jüdische Echo 477 »I|II!|«1||»|I» ii in 11 niiiiii iiiiii in hi i IUI Feuilleton | || 11111II 111 II1111 111 111111 Ult Huf der Farm Notizen aus einem Tagebuch Von Aron Propes (Riga) 20 Jungens und 5 Mädels arbeiten auf der Farm. Hätte man einem, der sie in Riga in den Zug steigen sah, gesagt, das seien Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen — er würde erstaunt gefragt haben: „Diese Jungen, die vielleicht erst gestern ihre Schulbücher weggelegt haben, die Mädchen, die vor ein paar Stunden wahrscheinlich noch ihre Hände bei der Maniküre haben schön machen lassen, sie alle sollen auf einer Farm arbeiten, Kartoffel schälen, den Acker pflügen, Kühe melken?“ Für einen Fremden ist es 'wenig glaubhaft. Aber für dich genügt es, eine Stunde mit ihnen im Waggon zu sitzen, der durch die fliehende Landschaft führt, die Lieder zu hören, die sie singen, das heilige Feuer zu sehen, das in ihren Augen leuchtet: Dann weißt du es, daß ein Wille, ein fester Wille, da ist. Was die Wirklichkeit lehren wird, ist eine Frage der nächsten Zukunft ... Auch die Bauern lächeln, die im Umkreis der Farm leben. Sie sind gewohnt, Juden als Händler, Juden als Ärzte, Juden als Kaufleute zu sehen. Aber jüdische Jungen sollen Erde bearbeiten? Kinder reicher Eltern, die drüben in der großen Stadt Geschäfte haben, und bei denen die Bauern einkaufen? Das können sie nicht glauben. Die ersten Sonntage gehen sie in den Feldern spazieren, sehen von weitem erst, kommen dann näher. Juden arbeiten! Sie lachen. Aber später werden sie ernst und beginnen die Jungens zu unterweisen, ihnen hier einen Griff zu zeigen und da einen. Zwei Monate später lacht keiner mehr über die Juden. Die Jungen auf der Farm stehen im Ruf, gute Arbeiter zu sein. Aber es ist schwer gewesen, sich an das Leben auf der Farm zu gewöhnen. Schwer war es, den jungen Juden, die in allen talmudischen Feinheiten zu Hause waren und viele Bücher gelesen hatten, dieses Einfache begreiflich zu machen, das unser Volk solange schon entbehrt und dem soviel von unserer Sehnsucht gilt: Erde. Und die Arbeit auf ihr. * * * Man spricht auf der Farm hebräisch. Nicht nur untereinander, sondern auch mit Pferden, Kühen und Hunden. Denn sie alle haben hebräische Namen. Am schwersten erlernen die Kühe unsere Sprache, denn sie sind ganz lettisch assimiliert und haben lettische Namen gehabt, ehe die Farm zu arbeiten begann. Schon auf unserer ersten Sichah hat die Frage, wie man die Kühe benennen solle, lange Beratungen erfordert. Endlich wurde ein Beschluß gefaßt. Dann gingen wir in den Stall, stellten uns zu jeder Kuh besonders hin, und schrien ihr in die Ohren: „Von heute an heißt du nicht mehr Myrta, sondern Tamar.“ Und so ging es weiter ... Viel schlimmer ist es aber mit den Jungen, die auf die Farm kommen und kein Wort hebräisch verstehen. Von den ersten 25 war es ein Chawer und eine Chawerah, die nicht hebräisch verstanden. Ihre ganze Kenntnis der Sprache bestand darin, daß sie sagen konnten: Ich will essen! Dann wußten sie wohl noch die Benennung einiger Speisen. In den ersten Wochen haben sie mit keinem auf der Farm ein Wort sprechen können, weil die anderen nicht geantwortet haben. Aber der Rosch der Farm hat ihnen erlaubt, jeden Tag um 3 Stunden weniger zu arbeiten als die übrigen und in dieser Zeit hebräisch zu erlernen. Im Verlauf von wenigen Wochen haben sie hebräisch geplappert. — Aber der Name „Gojim“ ist ihnen schon geblieben, für ewig. — * * * Die Farm liegt in der Nacht. Weiß heben sich die Mauern der Gebäude von den Schleiern der Dunkelheit. Der Schomer, der über die Farm wacht, schreitet auf und ab. Plötzlich, weit draußen am Rande des Waldes, sieht er etwas Weißes sich bewegen und ein Feuer flackert auf. Er geht auf den Wald zu. Sechs weiße Gestalten bewegen sich um den flammenden Feuerschein. Er ruft sie an. Droht zu schießen, wenn sie nicht antworten. Sie verschwinden in der Dunkelheit, Wie er sich zum Gehen wendet, sind sie wieder da. Er ruft nochmals, das Spiel wiederholt sich. Sie verschwinden und kommen wieder. Da stößt der Schomer in sein Horn: Alarm! In 10 Minuten ist die ganze Farm auf den Beinen. Man durchsucht den ganzen Wald. Nichts ist zu finden, nicht einmal eine Spur. Am nächsten Morgen erfährt man, daß es lettische Bauern waren, die sich in Leinen gehüllt haben, um die Juden zu erschrecken. Denn man erzählt von ihnen, daß sie ängstlich seien. Sonntag. Am Abend ruft der Agronom alle Jungen der Farm zusammen. Er teilt ihnen mit, daß morgen mit dem Heuschnitt begonnen werde. Die ganze Kwuzah begrüßt diese Eröffnung mit lautem Hedad. Man macht Spässe während des Abendbrotes, bis einer der Chawerim — wir wollen schon schlafen gehen — daran erinnert, daß man nach altem jüdischen Brauche nicht an einem Montag mit einer neuen Arbeit beginne, sondern Sonntag, Dienstag oder Freitag. Deshalb soll man den ersten Schnitt mit der Sense noch heute tun. — Sechs Menschen nehmen ihre Sensen und gehen ins Feld. In die Stille der Nacht klingt der scharfe Stahl. Die anderen stehen um die Mäher. Und in diesem Augenblick scheint es, als wären sie alle weit weg von diesem Stück Feld, weggegangen von diesem Stückchen fremder Erde, auf der die Chawerim heute eine Arbeit begonnen haben, die sie morgen fortsetzen werden. Sie hören das Klingen der Sensen, aber nicht hier, sondern in den Feldern Erez Israels. In diesem Augenblick sehen sie, wie die jüdische Jugend, und mit ihr auch sie selbst, die zwischen Galuth und Erez Israel stehen, unten, in unserem Lande, die Erde bearbeitet, und sie hören das Klingen der Sensen, wie es über die Ufer des Jordans tönt. „Anu nihijhe harischonim!“ Wir werden die ersten sein! Mit diesem Lied, mit diesen Worten beginnt die erste Heumahd auf der Farm des Brith Trumpeldor in Riga. * * * Der 20. Thamus. Herzls Todestag. In die Stadt können die Jungen nicht, um an der Trauerversammlung teilzunehmen, die die zionistische Or-