Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 29 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9156893--08623-9081341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 29 20. Juli 15. Jahrgang Eine wichtige Tagung Es ist fraglos, daß man der Tagung des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation, die am 19. Juli in Berlin begonnen hat, besondere Aufmerksamkeit schenken muß. Und zwar auch dann, wenn man selbst der Zionistischen Organisation nicht angehört, jedoch in den Bestrebungen und Wirkungen dieser Organisation eine der hervorstechendsten Erscheinungsformen zeitgenössischer alljüdischer Betätigung erblickt. Es ist nur bedauerlich, daß diese Tagung, ungleich dem Zionistenkongresse, hinter verschlossenen Türen stattfindet und daß man zur Beurteilung der Vorgänge auf dieser Tagung auf die spärlichen offiziellen Verlautbarungen angewiesen ist. So wird man eigentlich nur das Ergebnis der Verhandlungen in Form der gefaßten Beschlüsse kennenlernen, wobei man sich darüber klar sein muß, daß die wesentlichsten Dinge sehr oft nicht in formellen Resolutionen ihren Niederschlag finden. Unter normalen Verhältnissen wäre die Tagung des Zionistischen Aktionskomitees eine vorwiegend geschäftsmäßige Angelegenheit geworden. Die Vertreter der einzelnen zionistischen Landesorganisationen und Sonderfraktionen hätten festzustellen gehabt, wie sich die Beschlüsse des letzten Zionistenkongresses in Basel im Leben ausgewirkt haben, bis zu welchem Grade die in Basel gewählte Exekutive die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt hat, wie der Stand der unternommenen Konsolidierung der zionistischen Finanzen ist und in welchem Maße die Krise im Aufbauwerk liquidiert ist, um von neuer konstruktiver Arbeit abgelöst zu werden. Alles in allem: die Tagung des Aktionskomitees, die im kongreßlosen Jahre die Agenden des Kongresses zu. erledigen hat, ließ noch vor wenigen Wochen kaum erwarten, daß auf ihr Fragen der zionistischen Politik und Meinungskämpfe der einzelnen Richtungen eine besondere Rolle spielen werden. Das ist nun anders geworden. Der Bericht der Jewish-Agency-Kommission hat die Situation von Grund aus anders gestaltet. Dieser Bericht stellt fest, daß nach Meinung der unparteiischen Mitglieder der Kommission die Errichtung des jüdischen Nationalheims in Palästina Sache der Gesamtjudenheit ist. Ferner fordert er im Namen der Juden in der ganzen Welt, daß die Mitglieder der Kommission nachdrücklich von der Mandatarmacht aktive Förderung der Aufbauarbeit in Palästina verlangt haben, weil nur eine derartige Haltung der vor der öffentlichen Meinung, dem jüdischen Volk und dem Völkerbund im Palästinamandat wörtlich und dem Sinne nach übernommenen Verpflichtungen entspricht. Außer diesen Teilen des Berichtes,, die der communis opinis der Juden und der wahrhaft fortschrittlichen und gesitteten Welt entsprechen, enthält aber der Bericht einzelne Partien, die sich ausschließlich an die Hauptträgerin der Aufbauarbeit in Palästina, an die Zionistische Weltorganisation, wenden und in weiten Teilen dieser Organisation Kritik, Ablehnung und leidenschaftliche Verurteilung finden. Zusammengefaßt ist das Hauptargument dieser Stellungnahme, daß die Kommission der nationalen und sozialen Seite des Palästinaaufbaus nicht genügendes Verständnis entgegengebracht hat. Sie faßte ihre Aufgabe vielmehr in der Richtung auf, ein fachmännisches Urteil über die Kolonisationsaufgabe des Judentums in Palästina abzugeben. Nun ist ja der Palästinaaufbau, volkswirtschaftlich betrachtet, ein Kolonisationsunternehmen. Darüber ist kein Zweifel. Es ist nur fraglich, ob man dem Gesamtproblem dieses Aufbaus gerecht wird, wenn man es ausschließlich vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet. Es liegt gerade in diesem Falle die Vermutung nahe, daß es sich bei der ganzen Sache um etwas handelt, für das in der bisherigen Kolonisationsgeschichte kein Analogon zu finden ist. Aus diesem Grunde ist es verständlich, daß das Aktionskomitee mit Hintansetzung anderer Punkte seiner Tagung sich leidenschaftlich mit dem Berichte der Jewish-Agency-Kommission beschäftigen wird, weil dieser Bericht ja eine längst fällige Voraussetzung für die Erweiterung der Jewish Agency darstellt. Soll nun diese tatsächlich vor sich gehen, so müßte der Bericht die Billigung des Aktionskomitees finden. Wohl oder übel wird sich also die Berliner Tagung mit der Materie beschäftigen müssen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern geradezu ihre Pflicht. Fragt sich nur, wie der voraussichtliche Verlauf der Debatte aussehen wird. Wenn Besonnenheit und höchstes Verantwortungsbewußtsein auf der Tagung herrschen werden — und nichts berechtigt zu der Annahme, daß das nicht der Fall sein wird —, so kann das Zionistische Aktionskomitee zu keiner entscheidenden Beschlußfassung gelangen. Es gibt im Leben und in der Politik Situationen, auf die man nicht mit einem glatten „J a“ oder mit einem kategorischen „N e i n“ anworten kann. Das scheint uns in der gegenwärtigen Situation der Fall zu sein. Der Bericht der Kommission enthält viel Positives und von jedem Standpunkte aus Brauchbares. In änderen Hinsichten ist er unzulänglich — besonders in den Fragen der Finanzierung des Aufbaues — und wird den Tatsachen und den Notwendigkeiten nicht gerecht. Nichts berechtigt jedoch zu sagen, daß die Kommissionsmitglieder bei der Abfassung des Berichtes nicht vom besten Willen beseelt waren. Dieser gute Wille ist eine Basis, auf der man bauen kann. Darum sollte, unserer Ansicht nach, das Aktionskomitee den Bericht der Kommission als Grundlage weiterer Verhandlungen betrachten, die in Anbetracht des guten Willens auf beiden Seiten einmal doch zu einem Einverständnis führen werden. Schließlich ist man sich überall darüber klar, daß derartige Abmachungen nicht im Kampfwege erzielt werden .können. Politik ist die Kunst des Möglichen. Gegen den consensus der Beteiligten — und die nichtzionistischen Palästinafreunde sind