Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 27 6. Juli 15. Jahrgang Zur Erkenntnis der Juden Von Arnold Zweig In Heft 25 der „Weltbühne", bespricht Arnold Zweig den ersten Band der im Verlag Eschkol (Berlin) erschienenen „Encyclopaedia Judaica", die er als ein taugliches Werkzeug bezeichnet, „um sowohl den Völkern zu sagen, wie es um die Juden wirklich steht... als auch den Juden beizubringen, daß Kenntnis über jüdische Dinge ein gutes Mittel ist, um sich selbst in einer widerstrebenden Welt durchzusetzen und nicht schweigen zu müssen, wenn andere beliebten Unsinn auskramen." Diese Besprechung wird Zweig jedoch auch zum Anlaß, einmal grundsätzlich seine Stellung zu Nationaljudentum und Zionismus zu betrachten und zu zeigen, wie sie sich mit der lebendigen Anteilnahme an allen Menschheitsaufgaben vertragen. Wir möchten nicht versäumen, unseren Lesern einige wichtige Stellen aus dem überaus interessanten Aufsatz zur Kenntnis zu bringen: Ich habe immer die Leute bedauert und zu gleicherzeit auch niedrig eingeschätzt, die sich, während in ihren häuslichen Umständen alles in Unordnung verfiel, mit Genuß und ausführlich der Regelung öffentlicher Angelegenheiten widmeten. Es war mir — und jedem durchschnittlichen und normalen Menschen sollte es so sein — näherliegend, erst einmal das Näherliegende zu ordnen, bevor ich mich mit dem Breitem und Weitern äbgab, und nicht über einen schrecklich ungeordneten, mit neurotischen Ängsten, Vor- und Abwürfen bepflasterten Innenraum hinwegsehend, auf die Straße zu laufen, um dort Kosmos machen zu helfen. Ganz einfach darum, weil das mir Zunächstliegende von niemandem so gut eingeschätzt und gepflegt werden konnte als von mir, hielt ich darauf, erst einmal klare und übersichtliche Natürlichkeit in mein Verhältnis zum Jüdischen zu bringen, bevor ich mich in allgemeinere Verbindung und Verbindlichkeiten einließ, als Student also unter sozialistischen und Freistudenten mitarbeitete, und so weiter mein bescheidenes Teil an einer sinnvollem Gestaltung des öffentlichen Lebens nahm. Dann setzte mich immer die Heftigkeit in Verwunderung — bis ich die Gedankengänge konzipierte und schließlich niederschrieb, die zu dem Buche „Caliban" führten — wie sehr sich gegen die einfache und vernünftige Einsicht, daß Juden sich zunächst mit jüdischen Angelegenheiten erschöpfend befassen müßten, Scharen von Zeitgenossen und Blutgenossen stemmten. Ich brauche nur, heute noch, hinzuhören, wenn einer von ihnen, auch zum Beispiel in der „Weltbühne" losschreibt und losschreit, um an dem-überanstrengten und aufgeregten Timbre der Stimme und an der verächtlichmachenden Wortwahl in ihren haarscharf neben das Ziel treffenden Gedankengängen jene Unordnung zu hören, die wahrscheinlich aus frühem Leid stammt, die mir aber alst Zeichen geistiger Wirrnisse und einer ungenügenden Gelassenheit in jüdischen Dingen nicht'sehr sympathisch ist. Ich sage daher einmal in aller Ruhe, was nationales Judentum und Zionismus eigentlich ist, und wieso es sich mit allen linken Aufgaben und Anstrengungen der Menschheit verträgt. Nationales Judentum stellt die Einsicht an den Anfang, daß die Juden ebensoviel wert sind wie irgendein andres auf der Erde vorkommendes Menschengeschlecht — was zum Beispiel noch Maximilian Harden und seine Generation aufs Entschiedenste bestritt, und zwar nicht nur dem Worte nach, sondern durch die Tat und Taufe — und daß ihre geistige Besonderheit dieselbe Erhaltung verdient wie etwa die tschechische, deutsche oder japanische. Während snun alle andern Völker und Stämme durch die Art ihres geschlossenen Siedeins an irgendeinem Punkte der Erde diese Garantie ihrer Seinsart genießen, und daher sicher sind, daß die Begabungen, die sie als Besonderheit tragen, und die einen japanischen Dichter von einem chinesischen oder deutschen unterscheiden, auch erhalten, gesteigert und zum Wohl der Menschenkultur auf der Erde fortgeführt werden können, sind die Juden einer beständigen, nach biologischen Gesetzen vorgehenden Vermischung, Entjudung und Eineuropäisierung oder Amerikanisierung ausgesetzt. Diese macht sie früher oder später verloren gehen, nämlich für jedes produktive Eigenleben, wenn nicht die Abstoßungstendenz der Nichtjuden, die ich eine Abart des Differenzaffekts nenne, diesen Vorgang verlangsamte und erschwerte, und wenn nicht immer wieder aus dem Judentum selber wie aus jedem gesunden und noch lebenskräftigen Organismus Kräfte der Selbstbewahrung und Selbstgestaltung aufstünden, die eine lebhafte Parteiung, damit neues innerpolitisches Leben und eine Zusammenfassung derjenigen Kräfte im Gefolge haben, die sich gern mit ihren Kindern und Enkeln als Juden in die Zukunft getragen sehen möchten. Dies ist der ganze jüdische Nationalismus. Seine zionistische Abart behauptet und ist überzeugt, daß man bei der Entwicklung der Dinge im jüdischen Osten und in Amerika einen solchen Naturschutzpark für jüdisches Sein nur in Palästina errichten könne, wo sich die Gruppenaffekte der Juden auf natürliche Art mit ihrer mediterranen Ur-Anlage und der Natur des Landes zu einer beglückenden, wenn auch keineswegs lebensbequemen Einheit zusammenschlössen. Durch diese Arbeit für ein palästinisches Judenzentrum, so behauptet der Zionismus ferner und beweist dies aus Erfahrung, seien eine Fülle von einzelnen Juden wieder auf erlebnismäßige Weise mit ihrer Abstammung und dem Schicksal ihres Stammes verknüpft worden, und sei aller Welt sichtbar geworden, welcher Heroismus in den Kindern der jüdischen Massen und des jüdischen Bürgertums — wie in denen aller Massen und jedes Bürgertums — stecke, und während sonst in Frieden, Krieg und Revolution der jü-