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Das jüdische Echo · 1928-06-08 · 23 (8.6.1928) · p. Seite 65

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
23 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
Seite 65 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 365 und aus. Allein sie konnten nicht helfen. Man ließ auch Ärzte aus der Großstadt kommen; aber sie tappten im Dunkeln. Fürwahr, der Fluch eines heiligen Zaddiks schwebte über diesem Haus. Und in der Tat, Elischa hatte ein schweres Vergehen auf seinem Gewissen. Er kaufte immerzu Forderungen auf, ließ sie durch seinen Anwalt einklagen, und dem Schuldner entstanden auf diese Weise ungeheuere Kosten. Seinem Anwalt erstattete er nur ein Drittel der vom Gericht bestätigten Kosten. Elischa richtete viele Menschen zugrunde, da sie fast alle nicht schriftkundig waren. Und nicht nur gewöhnliche Juden plünderte Elischa aus, sondern auch gelehrte und gottesfürchtige Juden. Man mied ihn deshalb im Städtchen wie einen mit der Pest behafteten Menschen. Eines Tages kaufte Elischa eine Forderung an Morderchai Klee in Höhe von dreihundert Gulden auf. Er strengte sofort gegen Morderchai Klee einen Prozeß an. Zuletzt machte Elischas Anwalt eine Rechnung von achthundert Gulden. Da Morderchai Klee außerstande war, diesen Betrag sofort zu bezahlen, so ließ Elischa dessen Haus versteigern. Elischa selbst kaufte es. Als Morderchai einmal die Miete nicht bezahlen konnte, forderte ihn Elischa auf, die Wohnung zu räumen. Morderchai kam zu Elischa und bat ihn, ihn im Hause weiter wohnen zu lassen, flehte ihn so an, wie man einen Räuber um sein Leben anfleht. Aber es half nicht. Alsdann kam Klees Ehefrau, warf sich vor Elischa auf die Erde, weinte und flehte. Aber Elischa blieb hart. Vernichtet schlichen Morderchai und sein Weib von Elischa und taumelten zerbrochen^ und zertreten nach Hause.. Noch am nämlichen Tage ließ Elischa Morderchai und seine Familie aus dem Haus entfernen. Im Städtchen wurde es rege. Die Juden waren empört und entrüstet über solche Freveltat. Als einst die Juden noch in ihrem Lande waren, da wurde jeder Bösewicht vom jüdischen Gericht verurteilt und bestraft. Heute in der Zerstreuung haben Juden keine öffentliche Gewalt mehr. Jedoch Zaddikim haben sie, die ihnen in der Not helfen. Die Juden im Städtchen liefen zum Zaddik und führten Klage über diesen Frevler in Israel. Der Zaddik ließ Elischa rufen. Aber Elischa erschien nicht vor ihm. Als aber Elischa der zweiten Aufforderung des Zaddiks, vor ihm zu erscheinen, nicht gehorchte und noch von ihm mit Hohn sprach, da verfluchte ihn der Zaddik im Zorn. Und kaum waren einige Tage verstrichen, da entstieg der Hölle eine böse Teufelsschar und flog in das Haus Elischas. Unter den bösen Geistern befanden sich alle vier Todesengel mit ihren Mordmessern. Alsbald erkrankte Rojsele, Elischas ein=" zige Tochter, und starb nach einigen Tagen. In uller Stille und ohne Begleitung fand ihr Be- Ueberkinger Sprudel Süddeutschlands führendes Tafelwasser Generaldepot Eduard Kühles, München RASPSTRASSE 6 TELEPHON 92200 ^Jpemausbildung AlineSanden I Kammersängerin ■ an der Münchener Staatsoper ■ Ausbildung bis zur Bühnenreife Für verbildete Stimmen besonderen Privatunterricht Anmeldung, Prospekt, Clemensstr. 92 Villa ,,Carmen“, München, Tel. 360 218 gräbnis statt, wie bei einem Selbstmörder. Und gleich darauf erkrankten sein Weib und sein einziger Sohn, der Kaddisch. Und nun lagen sie da, fiebernd und mit dem Tode ringend. Alle Mittel der Ärzte versagten. Die bösen Plageengel krochen im Hause umher und warteten auf ihre Beute. Elischa senkte den Kopf schuldbewußt. Dann raffte er sich auf, küßte dreimal den heiligen Namen am Türpfosten und verließ das Haus, um zum Zaddik zu gehen. Gramgebeugt und wie ein geschlagener, armer Mann, wankte er durch die Straßen. Er humpelte wie an Krücken. Beim Zaddik angelangt, sprach er demütig und unterwürfig: „Ich will den Rabbi um Verzeihung bitten.“ Sein Blick war scheu, Vergebung heischend. Seine Stimme klang so müde und traurig, wie die eines Bettlers, der um Almosen bittet. Und dann brach er in ein Schluchzen aus und rief: „Rabbi, helft mir!“ Elischa fiel zu Boden und schluchzte, bis ihn der Rabbi mahnte, aufzustehen. Noch am Nachmittag desselben Tages ging der Diener des Zaddiks durch alle Gassen und rief laut aus: „In Schul herein!“ Alle Chassidim und Anhänger des Zaddiks schlossen hurtig ihre Läden, legten die Alltagskleider ab, ordneten die Schläfenlocken und gingen sofort in die Klaus. Eine große Gemeinde war versammelt. Das Bethaus war bald mit Chassidim gefüllt. Es wurden Lichter angezündet wie zum Beten. Der Zaddik stand auf dem Almemor und hielt ein heiliges Buch in seiner Hand. Elischa, in Socken — er war den ganzen Weg bis zur Klaus ohne Schuh gegangen —, in den Händen zwei brennende schwarze Kerzen, bestieg den Almemor, stellte sich im Abstand von einer Elle vom Rabbi auf und sprach ganz laut: „Ich bitte den Zaddik vor allen Menschen um Vergebung!“ Diese Worte wiederholte Elischa mehrmals. In jener Nacht schlief der heilige Zaddik nicht ein. Er hatte einen schweren Kampf mit den Todesengeln. Mehrere Stunden rang und focht er mit ihnen. Sie forderten Genugtuung, andere Opfer. Endlich vertrieb sie der Zaddik aus dem Hause Elischas. Gleich am nächsten Tage besserte sich der Zustand von Mirele und Jojnele. Noch in der nämlichen Woche genaßen sie. Aber auch in derselben Woche starben zwei ändere Sünder, God Kuppermann und sein Weib. Er war ein böser Angeber und sie eine freche Frau. Und siehe! Von nun ab kaufte Elischa keine Forderungen mehr auf. Er wurde ein eifriger Anhänger des Zaddiks, betete seither immerzu in dessen Klaus; verfehlte auch kein einzigesmal, bei der Tafel des Rabbi zugegen zu sein und von ihr Überreste zu haschen.

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