Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Das Jüdische Echo Nr. 21 lii.i.l:;i.i' | | 11 | Feuilleton ||| 11 min ii iiiiim iiii Das Buch Ruth (Zu Schabuoth.) Ein liebliches Idyll, eine Polemik gegen das Gebot der Entlassung der fremden Frauen, das Esra erließ, eine Genealogie Davids, ein Beispiel für die Verwandten-Ehe, nun hat man eine Auswahl unter den verschiedenartigen Anschauungen, die über Inhalt, Zweck, Abfassungszeit dieser anmutigen Dorfgeschichte ausgesprochen wurden, die nach altem Brauche das Ritual des Wochenfestes schmückt. Aus den Gefilden Moabs kehrten Noomi und Ruth nach Beth-Lechem zurück. Und es war zur Zeit der Gerstenernte. Da wurde von Israel das Fest der Erstlinge gefeiert und daher hat sich die Überlieferung bis auf unsere Tage fortgepflanzt, obgleich für uns, die wir in anderen Breiten und Ländern leben, das Fest der Erstlinge seine ursprüngliche Bedeutung verlor, dieses Büchlein, das zu den „5 Rollen“ zählt, an diesen Festtagen zu lesen. Für Talmud und Midrasch ist Ruth, deren Name etymologisch aus Reuth, Liebe, Treue, abgeleitet wird, ein Symbol für Israel, das Liebe und Treue seiner Thora bewahrte in guten und schlechten Tagen, wie Ruth der Noomi. „Dein Volk, mein Volk“, wie ein Gelöbnis klingt’s, das Israel seiner Lehre leistet, „dein Gott, mein Gott“. — Nach den verschiedenen Ansichten über den Zweck des Buches, richten sich auch die über dessen Abfassungszeit, die diametral auseinander gehen. Die Erzählung schließt sich enge an das Richterbuch an, daher wird es auch von Josephus Flavius mit diesem verbunden, wie die Klagelieder des Jeremia mit des Propheten Buche. Für Josephus besteht die Bibel deshalb nur aus 22 Büchern, gemäß der Zahl der Buchstaben des hebräischen Alphabets. Nach dem Talmud (Baba bathra, 14) hat es Samuel zum Verfasser. Offenbar stammt diese Ansicht daher, Ruth sei ein genealogisches, die Abstammung Davids schilderndes Werk. Der Midrasch zu Ruth (1. Kap.) verlegt die Zeit der in ihm erzählten Ereignisse bald in die Tage Baraks und Deborahs, bald in die Ehuds und Samgars, wieder anderen ist Ibzan, der Richter, gleich Boas. Alle diese Angaben können vor der geschichtlichen Kritik nicht bestehen. Die Massora weist dem Buche seine Stellung hinter dem „Hohen Liede“ an, der Talmud gibt ihm seinen Platz vor den Psalmen (Baba bathra, 14 b). Wenn wir nun die verschiedenartigsten Ansichten über die Abfassungszeit des Buches vergleichen, sehen wir, daß die einen sie in die Frühlingszeit des jüdischen Volkslebens, die anderen in das bereits beginnende Greisenalter unseres Volkes verlegen, in die priesterlich-gesetzgeberische Zeit Esras, da das Prophetentum ausgestorben war und man an den Erinnerungen der Vergangenheit zehrte. Esra und Nehemia wandten sich gegen die Ehen, die Juden mit den fremden Weibern geschlossen hatten, und so wäre denn das Buch Ruth ein Protest gegen den Befehl, diese fremden Frauen! zu entlassen. Ruth ist ja auch eine Fremde, die I. MÜNCHENER PLISS5E-BRENNEREI FRANZ QRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, Kostdmstlckereien Burastraßel6/3 Knopflöcher Telephon 29975 sich in den Schutz des Gottes Israel geflüchtet hat, und gerade sie wurde gewürdigt, die Ahne des Königs David zu werden. Die Anschauung von der späten Entstehung des Buches sprach zuerst Ewald aus, er verlegt sie in die Zeit Serubabels, Meier (Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Juden, S. 502) ins Jahr 500, Grätz in Esras Zeit. Gegen die späte Entstehung des Buches sprechen freilich gewichtige Momente. Die Darstellung und Komposition der Erzählung sind so einfach und anschaulich, der Ton ein so rein epischer, daß dies auf eine frühere Abfassungszeit hindeutet. Halten wir uns an die freie, dichterische Gestaltung des Buches, lassen wir diese in ihrer reinen Naivität auf uns einwirken, dann werden wir schließen müssen, wir haben es hier mit einer althebräischen Dorfgeschichte zu tun, einem lieblichen Familienidyll, an dessen geschichtlicher Wahrheit zu zweifeln kaum ein Grund vorliegt. Natur ist die Mutter dieser Erzählung, und deren Züge sind nicht zu verkennen. Ihre Seele ist das Gefühl des tiefsten Familienzusammenhangs, seliger Frieden durchzieht sie und dieser teilt sich dem Leser mit. Hier wird uns ein tiefer Einblick in den Frieden und in die Ehrbarkeit des jüdischen Familienlebens gewährt. Keine Glut wie im „Hohen Liede“, keine üppige Farbenpracht wie im Buche „Esther“, stilles Leben, sinnig frommes Wesen ziehen uns reich und mächtig an, wenn wir uns in das Lesen dieser Idylle vertiefen. Im Mittelpunkte der Erzählung Ruth, die Fremde, ein Zeugnis für den erfreulich freien Sinn für alle Andersgläubigen, der in jener Zeit im Volke und Lande geherrscht haben muß. Vier Kapitel enthält das Buch, und wie viel des Anregenden, des Belehrenden bieten sie uns! Der künstlerisch schönste Teil ist allerdings der erste: „Wie Ruth mit ihrer Schwiegermutter nach Beth-Lechem zieht.“ Das Ende der Erzählung ist der geschichtliche Untergrund, wegen dessen sie wohl in die Reihe der heiligen Schriften aufgenommen wurde, und ihm haben wir es zu danken, daß wir diesen glänzenden Edelstein althebräischer Erzählungskunst besitzen. Ruth wird die Urgroßmutter des Königs David und ihr Stammbaum wird im ältesten Evangelium (Matthäus, I, 1—16) auf den Stifter der christlichen Religion fortgeführt. Auch die Charaktere Noomis und Boas sind künstlerisch gezeichnet. Wir begreifen es, daß die Synagoge gerade dieses Buch zum Lesen am Offenbarungsfeste empfahl. Es atmet Liebe und Treue. Der Geist religiöser Duldsamkeit spricht aus ihm, der immer mehr und mehr sich verbreiten sollte. Zwischen dem Donnerworte des Sinai, der ekstatischen Vision Jecheskels, der schwungvoll aufsteigenden Hymne des Habakuk, die wir am Schabuothfeste lesen, liegt die Erzählung von Ruth wie eine liebliche, anmutige Oase eingebettet, voll stillen Friedens, heiterer Ruhe. Wir hören den Klang der Sicheln auf den gesegneten Feldern Judas, lauschen des Boas freundlichen Worten mit denen er seine Arbeiter und Ruth, die Fremde, begrüßt. Tief ist die Wirkung dieses Buches, daß wir weiter nach seiner Tendenz, Abfassungszeit und dem Verfasser nicht fragen, Frieden verkündet es, es ist selbst eine Offenbarung. G. M.