Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 21 24. Mai 15. Jahrgang Zum Delegiertentag Der XXII. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der am 27. Mai in Breslau beginnt, ist mehr als eine aus organisatorischen Gründen erforderliche Tagung; seine Beratungen umfassen den ganzen Umkreis zionistischer Tätigkeit und damit des jüdischen Lebens; sie dienen so der Klärung der zionistischen Situation in Deutschland, der Ausrichtung der zionistischen Einzel- und Kleinarbeit nach dem zionistischen Ideal, der Entwicklung neuer Richtlinien auf allen diesen Gebieten, und nicht zuletzt haben sie die Aufgabe, der jüdischen Welt wiederum vor Augen zu führen, in welchem Maße der Zionismus heute zu einem ihrer beherrschenden Faktoren geworden ist, den Zionisten selbst in Tagen der Abrechnung und Besinnung, der Sammlung und Aussprache neuen Mut und neue Kraft zu geben. Selbstverständlich bleibt dabei, daß auch eine ganze Reihe von organisatorischen Fragen, u. a. die Wahl einer neuen Leitung, ihre Erledigung finden müssen. * Besonders interessiert ist die jüdische Öffentlichkeit naturgemäß an der Entscheidung in Fragen der Gemeinde- und der Verbandsarbeit, die zweifellos vom Delegiertentag getroffen werden muß. Es wird sich darum handeln, die Stellung der zionistischen Repräsentanten- und Vorstandsmitglieder in vieler Beziehung zu vereinheitlichen, so zwar, daß nicht gegenüber den anderen jüdischen Organisationen die verschiedensten Taktiken aus den verschiedensten, nur lokal oder persönlich bedingten Gründen angewandt werden. Notwendig wird vor allen Dingen die Formulierung eines ganz konkreten und unmittelbar in der Arbeit des nächsten Jahres zu verwirklichenden Programmes sein; man wird u. a. von den Gemeinden und Verbänden fordern müssen, daß sie in ihren Etat-Summen für den Keren Hajessod aussetzen, daß sie die Jugendorganisationen, über die noch zu sprechen sein wird, in jeder Hinsicht unterstützen, daß sie den Aufbau eines jüdischen Schulwesens in Deutschland als ihre Pflicht betrachten, und man wird endlich wieder einmal ein energisches Wort in Sachen des auch heute noch auf seine Verwirklichung wartenden Reichsverbandes zu sprechen haben. Auch wird man nicht an den Tendenzen vorübergehen dürfen, die sich neuerdings wieder stärker fühlbar gemacht haben und die darauf abzielen, entweder den Ostjuden in den Gemeinden ihre elementaren, ihnen als Angehörigen des Judentums zustehenden Rechte vorzuenthalten, zu beschneiden, oder gar wieder zu rauben; das Vorgehen der assimilatorischen Juden in Gotha, die sich erst jetzt von der thüringischen Regierung als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts haben bestätigen lassen, im deren Gemeinde aber dem einzelnen Angehörigen nur ganz geringe Rechte zustehen und aus der die Ostjuden prinzipiell ausgeschlossen sind, ist dafür symptomatisch. Der Delegiertentag wird es an der richtigen Kennzeichnung dieses Verhaltens und an einer zielbewußten Aktion gegen solche Bestrebungen nicht fehlen lassen. * Die jüdische Jugend bietet heute ein interessantes, dafür aber auch um so unklarerers Bild. Kein Zweifel, daß die spezifisch zionistische Jugendbewegung seit dem Ende des Blau-Weiß nicht mehr so stark das Feld beherrscht, wie das früher der Fall war, kein Zweifel aber auch, daß die nichtzionistischen Jugendverbände heute viel jüdischer geworden sind als früher, daß sie nicht nur nach Art und Betätigung in vielem einem zionistischen Bund ähnlich sehen, auch ihre Forderungen programmatischer Natur sind zum großen Teil der zionistischen Anschauungswelt entnommen. Die Bildung, die heute der Kameradenbund etwa oder ein neutraler Jugendverein seinen Angehörigen vermitteln will, die Begriffe, die sich dort vom jüdischen Leben und von jüdischer Wirklichkeit formen, die Aufgaben, die man sich stellt, sind, man kann das ohne Überheblichkeit sagen, zionistisch geprägt. Aber es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn man sich nun auf zionistischer Seite mit solchen Teilerfolgen zufriedengeben wollte. Der Zionismus hat der Jugend neue Impulse zu geben, sie zu immer größeren und reineren Leistungen aufzufordern, er hat ihr immer klarzumachen, daß die größte, die innere Gefahr, in der Zufriedenheit mit dem Galuthleben liegt, die sich in jenen Bünden, sicher auch teilweise im „Kadimah“ und im KJV., äußert. Zionistische Jugendarbeit muß neue Wege zeigen und neue Wege gehen; die Leitung der Zionistischen Vereinigung wird es sich angelegen sein lassen müssen, wenn sie schon die Entwicklung einer spezifisch zionistischen Jugendbewegung nicht hervorrufen kann, so doch jeder Aktivität in der Jugend Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen; besonders muß sie dafür sorgen, daß die Kulturarbeit in der Jugend durch geeignete Kräfte unterstützt wird, die Kulturarbeit, als deren Ziel die Herstellung einer lebendigen Verbindung mit Palästina zu gelten hat. * Über die Notwendigkeit einer solchen systematischen Kulturarbeit braucht wohl kaum etwas gesagt zu werden; viel schwieriger ist es schon, die geeigneten und den heutigen Umständen angepaßten Methoden zu finden. Die Popularisierung des Hebräischen, die Erweiterung des hebräischen Sprachkreises, die Schaffung eines Publikums für hebräische Bücher und Zeitungen, das sind die Aufgaben, die hier in erster Linie zu erfüllen sind, was mit anderen Worten bedeutet: Errichtung eines Netzes von hebräischen Sprachkursen, evtl, unter Inanspruchnahme der jüdischen Öffentlichkeit, Untersuchung über die Möglichkeiten hebräischer Arbeit in kleineren Gemeinden, evtl, unter Mobilisierung der Rabbiner und Lehrer, die sich solchen Forderungen nicht werden entziehen können, wie überhaupt die Ausbreitung der jüdischen Schule und ihre Durchdringung mit dem hebräischen Sprach- und Kulturgut nicht eindringlich genug verlangt werden kann. Es gilt dabei die fortschreitende Differenzierung des Judentums in deutsche, französische, englische, amerikanische, palästinische Judentümer nach Möglichkeit hintanzuhalten und zu überbrücken und dem Ge-