Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Nr. 20 Das Jüdische Echo ein Schleier über den Dingen, ein Ahnen, eine Möglichkeit. Mirjam und Elizar gingen zu keinem Rabbi, Elizar wollte das nicht, aber vor Gott bildeten sie eine Ehe. Und nun kam das, was so unwahrscheinlich klingt und schrecklich: je mehr die beiden ineinander verschmolzen, desto leerer wurde seine Bilder, flache Farbenkleckse, ohne Seele. Die Schaffenskraft verließ ihn, er konnte nicht mehr malen. Seine Seele ging nicht mehr in die Bilder, sondern zu Mirjam: sein Lebenswunsch, der ihn zu all seinen Werken getrieben hatte, war erfüllt. Sein Künstlertum war tot. Nie erfuhr Mirjam, daß sie die Ursache dieses Todes war, eine Krankheit, hieß es, und sie liebte ihn mit doppelter Sorgfalt. Vom Montparnasse zogen sie in dieses stille Gäßchen herauf und mieteten Laden und Haus. Ein Husten im Nebenzimmer riß ihn aus den Gedanken. Er stand auf, goß einen Löffel Medizin in ihren trockenen Mund. Als er die Tür wieder hinter sich schloß, durchfuhr es ihn: Wenn sie stirbt? Wird er dann wieder malen können? Er schleifte sich, so schnell er konnte, zum Spiegel, sah vor sich ein verhutzeltes Männchen, einen welken, frühen Greis. Er wußte, daß seine Schaffenskraft erloschen war — für immer. Er war sehr müde. Es klang in ihm wieder: aber wenn sie stirbt? Sterben, dann bleibt er allein, allein, Mirjam nimmt seine Seele mit, dann bleibt ein Greis, ohne Seele, ohne Menschen, ein Einsamer. Er schrie auf — Angst schnürte ihm die Kehle — Angst vor der Vereinsamung!! „Mirjam, nicht sterben, hörst du, nicht sterben!“ Er weinte vor Hilflosigkeit. Wenn er beten könnte! Ja, beten! „Schma Jisroel-—.“ Das einzige, was er nicht vergessen hatte von den Gebeten seiner Kindheit. Er sprach es mehrere Male laut vor sich hin. Aber es schenkte ihm keinen Trost. „Laß sie nicht sterben, Gott, ich habe sie mehr geliebt als man einen Menschen lieben darf, laß mich nicht allein, Gott!“ Er hörte plötzlich auf. Was ist das: Beten? Beten, ist Wunsch, Befehl ist: Wille, der in die Gottheit eingeht. Eine Verbindung zwischen Mensch und Gott, fein wie ein elektrischer Draht, die die kleinste Willensschwingung des Menschen Gott und Gottes dem Menschen fühlbar macht. Er fand nicht den Kontakt. Er hatte ins Leere gesprochen. Er hatte das Beten verlernt. ❖ * * Den nächsten Tag saß Elizar bei einem alten Rabbi; es war der Rabbi, der ihn an seiner Barmizwo eingesegnet hatte, und er erkannte Elizar nicht. Niemand erkannte ihn, auch auf der Straße nicht und keiner der Nachbarn. Und Elizar sagte, er wolle das Beten lernen. Der Rabbi sah seinem einstigen Schüler in die Augen und sprach: „Sich in Demut vor Gott, dem Herrn neigen, ist Gebet. Sei demütig, und der Herr wird dich aufnehmen in seinen Bund.“ Dann sprach er hebräische Worte, die Elizar nicht verstand. Und Elizar verlangte heftig, hebräisch zu lernen, vielleicht würde ihn Gott dann schneller erhören. So saß er wieder vor seyiem Lehrer wie als Junge und lernte die heilige Sprache, und in den Nächten flehte er inständig zu Gott, ihm seine Mirjam zu erhalten. Aber merkwürdig, seit dem Tage, an dem Elizar den Rabbi aufgesucht hatte, siechte sie schneller dahin, und es war noch kein Monat vergangen, da starb sie. Mit erloschenem Blick hockte Elizar in der Synagoge, jeden Tag ging er dorthin, sagte das Kaddisch. Er konnte alles auswendig, auch die Schemone Esre, er stand über die steilen Buchstaben der heiligen Schrift gebeugt, aber sein gelähmter Geist blieb an den Buchstaben hängen und gelangte nicht zu dem Sinn, der über den Büchern schwebt. Als er einmal wieder vor dem Rabbi saß, sagte er: „Ich habe Gott gesucht mein Leben lang. Er erschien mir in der Kunst, ich betete ihn an, und er erhörte mich. Er erschien mir in meiner Frau, ihr gab ich meine Seele, und er erhörte mich. An dem Tag, als ich den Glauben an die Frau verlor, als ich Gott anderswo, irgendwo draußen suchte, starb sie mir und er verließ mich.“ Der Rabbi erkannte seinen einstigen Schüler, seine kleinen Augen wurden feucht, er legte die Hand auf das Haupt des anderen und sagte: „Hauduh la Adaunaii, ki tauw ki le aulom-chasdau.“ Und freudig ließ er in der Gemeinde verlauten, Elizar B., der verlorene Sohn, habe heimgefunden zum alten Gott, zum Glauben seiner Väter. Der Rabbi ist ein kluger Mann und ich wage ihm nicht zu widersprechen. Heinrich Schalit Das Programm des IV. Abends der vom Münchner Tonkünstlerverein veranstalteten Bayerischen Tonkünstlerwoche enthielt erfreulicherweise auch vier Gesänge für Bariton auf Worte von Jehuda Halevi („Der Wahre“ und „Es war die Braut gegangen“) und Heine („Brich aus in lauten Klagen“ und „Hallelujah“), vertont von Heinrich Schalit. — Die gewählte Tonsprache des Komponisten, der sich mit Liebe in die Gedanken und Stimmungen der von ihm vertonten Dichtungen zu versenken weiß, im Verein mit ihrer zwar „modernen“ aber immer in den Grenzen des Tonalen bleibenden, manchmal vielleicht bewußt archaisierenden Harmonisierung, bewirken, daß man wirklich von einer musikalischen Nachdichtung sprechen kann. Die Lieder — am meisten wohl das Hallelujah — hinterließen bei dem vorwiegend aus Fachmusikern bestehenden Auditorium wirklich tiefen Eindruck. Der Komponist, der selbst am Flügel saß, konnte mehreren Hervorrufen Folge leisten im Verein mit Erik Wildhagen (Staatsoper München), der wohl durch ausgereiftesten Vortrag wie auch vermöge seiner herrlichen Stimmittel den Liedern ein ausgezeichneter Interpret war. B. * * * In einem Synagogenkonzert in Frankfurt a. M., unter der vorzüglichen musikalischen Leitung von Herrn Studienrat Frank Rotschild, kamen neben Werken von de Rossi, Lewandowsky, Mendelssohn-Bartholdy, Kirschner, Frescobaldi und Reger auch zwei moderne Werke zum Vortrag: Kompositionen von Ernst Bloch und Heinrich Schalit (München). S c h a 1 i t s Hymnus für fünfstimmigen Chor, Orgel, Violine und Harfe packt durch Kraft der Empfindung und Erfindung und zeugt von großer Könnerschaft. Trotz modernsten Stilwillens hat sich der Komponist nicht in der Atonalität verloren. Das Werk hatte einen großen Erfolg. J- Zionisten, kauft und verbreitet den Schekel!