Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 315 Feuilleton Schicksal auf dem Montmartre Erzählung von Herbert Friedenthal Eigentlich ist es eine seltsame Geschichte, die von Elizar B., wohnhaft in einer der schmalen Gassen um die Sacre Coeur, auf dem Montmartre. Hausten nicht alle Juden im Stadtinnern, in der Nähe des Hotel de Ville, in dem großen Quartier bei der St. Paul, wo die Synagogen waren und die Schulen? Nein, es galt als durchaus nicht in der Ordnung, auf dem Montmartre zu leben, inmitten von schlechten Frauen und bösen Menschen, Gott soll uns schützen. Aber das war es ja, hier lag ein ganz bestimmter Verdacht. Wissen doch die zu erzählen, die noch seinen Vater — Gott hab’ ihn selig — kannten, daß Elizar schon als kleiner Junge mit Pinsel oder Stift wunderliche Figuren auf das Papier malte, daß seine Eltern ihn darum schalten und die Malereien schnell und heimlich verbrannten. Denn heißt es nicht, , du sollst dir kein Abbild machen. ...“? Hatte der Böse über das Kind Gewalt? Die Eltern waren in Sorge und schickten es eifrig zum Lernen, und wirklich war Elizar nicht der Letzte wenn es hieß, die Traktate des Talmuds zu übersetzen und auszulegen. Sein Vater war Schammes und ein geachteter Mann, und seinetwegen übersah man das sonderliche Gebaren seines Sohnes, der, still und in sich gekehrt, manchmal den Lehrer durch sündhafte Fragen erschreckte, etwa: daß Gott doch der Urheber alles Bösen sei, da er doch auch das Böse geschaffen, und warum er es geschaffen, da er es doch bestrafe? Man munkelte auch, daß er insgeheim das verbotene Malen weitertreibe, aber die Eltern wollten davon nichts wissen und so ließ man das auf sich beruhen. Als aber der Vater, der ehrenwerte Schammes, früh starb, gab man dem nunmehr Siebzehnjährigen unverhohlen zu erkennen, daß er als Außenseiter nur geduldet war, und ließ alle Rücksicht gegen ihn fallen. Er ging in die Fremde, niemand wußte wohin und was er eigentlich beginnen wollte. Seine Mutter, die seit einiger Zeit kränkelte, gab vor, selbst nichts Bestimmtes zu wissen oder rückte mit der Sprache nicht heraus. Fest steht, daß ihn Baruch S., einer seiner Mitschüler, jetzt in der väterlichen Metzgerei tätig, in einem der Künstlercafes auf dem Montparnasse gesehen hatte, eine Zeichenmappe unter dem Arm, in Gesellschaft mehrerer Herren, anscheinend Maler. Das Gerücht bewahrheitete sich also: Elizar war, Gottes und der EL tern Verbot zum Trotz, Maler geworden. Das wurde von Gasse zu Gasse laut, bald wußte es die ganze Gemeinde, man zuckte die Achseln, teils mit Bedauern, teils mit Abscheu. Später traf man ihn einmal in Begleitung eines lüderlichen Mädchens, dem Aussehen nach eine Künstlerin, und kurz darauf noch einmal in derselben Begleitung. Das bestätigte nur, daß Elizar ein Verlorener war, man gab ihn endgültig auf und vergaß ihn. Seine Mutter starb, ohne daß er zur Beerdigung gekommen wäre, niemand nahm an, daß er noch lebte. Paris ist groß. 18 Jahre sind darüber vergangen. Soweit das Gerede der Leute. # * # Die Sonne blieb von den abgegriffenen Plüschvorhängen des Fensters stehen und ließ das Zimmer im gedämpften Licht einer Krankenstube, als die Holztreppe unter Schritten knarrte und ein Mann eintrat. Er schien ein Greis, ohne alt zu' sein, der Körper war zusammengefallen, der Kopf hing über der Brust, das Gesicht war von Falten zerrissen. Er schlürfte zu einem Stuhl, eine Mappe unter dem Arm, und ließ sich dort fallen. Durch eine Lupe untersuchte er die Signatur auf verblaßten Kupferstichen. Dazu trat er ans Fenster, schob den Vorhang zurück, so daß die Aussicht frei war auf die kleine Gasse des Montmartre. Ja, da stand das Haus mit dem verstaubten Laden, über dem in verwaschener Schrift „Kunst- und Antiquitätenhandlung“ stand. Seltsame Menschen stellten dort aus, Menschen, die die Zeit vergessen hatte. Montparnasse, dort spielte sich heute Leben und Arbeit und Freude der Künstler ab. Der Mann am Fenster blickte auf die verwitterten Gassen des Montmartre, Romantik hing ihnen an, Erinnerung an eine Boheme, Historie. Ein lichtscheues Volk hatte Besitz von den Häusern ge nommen, Huren und Zuhälter und Kuppler, und hier und da wohnte noch ein abseitiger Maler. Eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer weckte den Mann aus seinen Betrachtungen. „Elizar!“ Elizar, ja, das war Elizar, er schlürfte ins andere Zimmer, das noch dunkler war als dies, darin lag in einem Bett eine Frau. Durchsichtig und von wunderbar zarter Tönung war ihr Gesicht, mit dem ruhigen Verzicht und der liebevollen Güte eines abgeschlossenen Lebens. Elizar streichelte immer wieder ihre Hand, die feucht von Fieber war, schüttelte das Kissen auf, lächelte hilflos, „Mirjam, hast schön geschlafen, nicht?“ Mirjam antwortete nicht, aus ihren Augen sprach deutlich genug der vergebliche Kampf, den sie seit Wochen gegen Schlaf und Schwäche einer tückischen Krankheit kämpfte. Sie fragte, „hat jemand was gekauft?“ Mit demselben hilflosen Lächeln sah er über sie weg, wann kam ein Käufer in seinen Laden, ein verirrter Fremder manchmal, das war alles; man konnte den Arzt nicht bezahlen, die Miete war seit langem rückständig. Mirjam fing an zu weinen. Die brüchige Stimme des Elizar tröstete, ersann Hoffnungen, erzählte Märchen, bis das kurze, stoßweise regelmäßige Atmen ihm angab, daß Mirjam wieder schlief. Er verließ auf Fußspitzen das Zimmer und sank wieder in seinen Sessel zurück. Ja, das war aus ihm geworden, dem Sohn des Schammes, der, beseelt von der Kunst, eine neue Welt schaffen wollte mit den Farben. Er wußte genau, daß ein Bild kein Abbild ist, sondern etwas unerhört Neues, ein Kind, von der Seele geformt, ein Wunsch,, aus Tränen entstanden, eine Welt für sich, die niemals dagewesen war, kristallisiertes Denken und Gefühl, nie Nachschaffen, sondern ureigenste Schöpfung. Ja, und so hatte er gestaltet, er hatte keine Akademie besucht und keine hohe Schule, aus der engen Judengasse hinaus war er gegangen und hatte gemalt, seine Seele und sein Lebensgefühl, unbeholfen zuerst und ängstlich,, aber dann bemerkte man ihn, feuerte ihn an, lobte und bekämpfte ihn. Kunstausstellungen brachten Seine Bilder, ein Streit entstand um seine Geltung, sein Name wurde bekannt, bei Wettbewerben errang er Preise. Dann traf er sie. Sie sahen sich das erstemal und wußten doch schon alles voneinander. Es schien Elizar, als ob sein ganzes Malen bisher immer nur s i e ausgedrückt hätte, auf hundert Umwegen oft, in einer geometrischen Figur oder in einem Baum. Immer war sie es, was ihm die Bilder schaffen ließ, was ihnen den Wert gab: