Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 20 18. Mai 15. Jahrgang Zum Wahltag Wenn die Wahlparolen aufeinanderplatzen, . wenn die Parteien sich in Schimpftiraden gegenüber ihren politischen Gegnern, in Liebenswürdigkeiten für noch unsichere Wählergruppen und in Versprechungen für die große Masse des dummen Stimmviehs überbieten, dann ist es schwer, sich nüchtern und klar die Dinge zu überlegen, die schließlich doch als Grundlage der zu fällenden politischen Entscheidung zu gelten haben. Der Wahltag stellt den deutschen Juden vor ein besonders schwieriges Problem; er hat in seine politischen Überlegungen noch eine Komponente einzubeziehen, die jedem anderen Staatsbürger erspart bleibt, nämlich über alle seine sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen hinaus die Überlegung: wie steht die Partei, die ich wählen will, zu den Juden? Und dabei macht der Jude, wenn er sich nicht mit ganz oberflächlichen Betrachtungen begnügt, eine merkwürdige Entdeckung: auch die verfassungstreuen Parteien, die Juden in ihren Reihen haben, die in großen Wahlkundgebungen des C.-V. (allerdings wahrscheinlich auch nur dem C.-V., nicht etwa auf Plakaten usw. der deutschen Öffentlichkeit) versichern, daß ihnen der Antisemitismus fern liege, daß sie in jeder Hinsicht für Gleichberechtigung seien, auch diese Parteien haben nicht eigentlich eine klare Stellung den Juden und der jüdischen Gemeinschaft gegenüber. Dabei muß man ganz davon absehen, daß in mancher dieser Parteien, nämlich in der Deutschen Volkspartei, vielleicht aber auch im Zentrum sich gelegentlich antisemitische Einflüsse geltend machen; für die deutsche Volkspartei z. B. kandidiert ein ausgesprochener Antisemit, der Admiral von Brüninghaus zum Reichstag und Graf Kanitz, der frühere deutschnationale Reichsernährungsminister, der heute ebenfalls für die Deutsche Volkspartei kandidiert, versichert seinen Wählern treu und bieder, daß er keine großen Unterschiede zwischen Volkspartei und Deutschnationalen kenne. Man möchte hoffen, daß seine Fraktionskollegen ihm in bezug auf den Antisemitismus wenigstens solche Unterschiede, wenn er sie wirklich noch nicht kennen sollte, plausibel machen. Was nun das Zentrum anlangt, das offiziell gewiß mit Recht den Antisemitismus weit von sich weist, so läßt es sich doch leider nicht leugnen,, daß z. B. jetzt in Berlin große antisemitische Kundgebungen katholischer Kreise stattgefunden haben, die dem Zentrum sonst recht nahe stehen dürften. Nun, man ist es gewöhnt, daß sich ausnahmsweise auch in sonst nicht judenfeindlichen Kreisen einmal ein Antisemit befindet, und man wird deshalb diesen Parteien doch glauben dürfen, daß sie den Antisemitismus ablehnen. Wie wenig aber dieses Bekenntnis positiv im Grunde doch zu bedeuten hat, sieht man am besten vielleicht bei der deutsch - demokratischen Partei, die in ihrer Stellung zum Antisemitismus wirklich über allen Zweifel erhaben ist. Auch bei ihr bemerkt man nämlich die augenfällige Tatsache, daß Juden nur in seltenen Fällen, nur da, wo ihre großen Verdienste für Partei und Staat unbedingt Anerkennung verlangen, herausgestellt werden, um ihre Gruppe vor der Öffentlichkeit zu vertreten. Man ist sich in jüdischen Kreisen darüber auch klar, ja mehr als dies, man ist mit dieser Taktik einverstanden und wünscht sie selbst. Ob dabei die Furcht vor der Bezeichnung der demokratischen Partei als einer Judenpartei und ihre daraus folgenden herabsetzenden Schädigungen eine Rolle spielen, ob die Juden am Ende aus inneren Gründen der Meinung sind, sie müßten sich im politischen Leben eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, gleichviel die Tatsache steht für den Kenner der Verhältnisse fest, obwohl man sie sicher bestreiten wird und darauf hinweisen wird, daß ja viele Juden für die demokratische Partei aufgestellt seien. Sie haben eben nur wenige sichere Stellen der Listen inne und sind gewiß nicht in dem Maße berücksichtigt, das zu der Tätigkeit und dem Einfluß der Juden in dieser Partei in einem richtigen Verhältnis stünde. Und damit ist auch gesagt, daß nicht einmal in der deutsch-demokratischen Partei die Juden ihre Gleichberechtigung, die ihnen in diesen Kreisen sicher theoretisch niemand bestreiten wird, voll in Anspruch zu nehmen wagen. Denn es ist ja nicht, wie das schon oft ausgeführt wurde, ein Beweis für die Gleichberechtigung, wenn hervorragend begabte und außerordentlich fähige Juden etwas erreichen, erst dann, wenn von Juden nur das Gleiche, im Durchschnitt der Fälle also das Durchschnittliche verlangt wird, wäre ihre Gleichberechtigung eine vollständige. Aber selbst wenn diese ganze Überlegung falsch sein sollte, so läßt sich doch die Behauptung, daß die Stellung auch der deutsch-demokratischen Partei zu den jüdischen Fragen eine unsichere und unklare sei, noch an anderen Dingen nachweisen. Symptomatisch dafür dürfte etwa das Buch Hellpachs, des früheren badischen Staatspräsidenten und Führers der deutsch-demokratischen Partei „Politische Prognose für Deutschland“ sein, in dem Hellpach den Juden u. a. zur Lösung der vorhandenen Spannung die christlichjüdische Mischehe empfiehlt; ein Vorschlag, der wie selbst Ludwig Holländer betont, für das Judentum praktisch nichts anderes bedeutet, als die Herbeiführung seines Endes. Es kann auf diese Dinge hier nicht näher eingegangen werden und es soll keineswegs Hellpach aus seiner Haltung ein Vorwurf gemacht werden. Im Gegenteil, es ist zu begrüßen, daß er diese Frage angeschnitten hat, denn nur dadurch, daß man sich nicht scheut, sie öffentlich zu behandeln, auch in den dem Judentum freundschaftlich zugewandten Kreisen wird man, wenn nicht die jüdische Frage lösen, so doch ein besseres Verständnis erreichen können. Aber immerhin beweisen die Hellpachschen Anschauungen das, worauf es hier ankommt, nämlich daß die Haltung auch der sogenannten „Juden“partei zu dem jüdischen Fragenkom-