Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 19 11. Mai 15. Jahrgang Was geht in Amerika vor? In der zionistischen Organisation Amerikas vollzieht sich augenblicklich eine Auseinandersetzung, deren Tragweite jetzt noch gar nicht abgeschätzt werden kann, die aber sicherlich nicht ohne wichtige Folgen bleiben wird. Es ist außerordentlich schwer, von Europa aus die an sich verwickelten amerikanischen Verhältnisse zu beurteilen, zumal da man nicht weiß, wie weit es prinzipielle Meinungsverschiedenheiten, wie weit es nur persönliche Mißhelligkeiten sind, die den tiefgehenden Konflikt verursacht haben. Ganz besonders schwankend und unklar bleibt in dieser Beziehung die Haltung der großen zionistischen Frauenorganisation Amerikas, der Hadassah, die unlängst in einer Deklaration sehr scharf gegen Louis Lipsky, den jetzigen Präsidenten der amerikanischen zionistischen Organisation aufgetreten ist. Dieser ist bekanntlich ein unbedingter Anhänger der Weizmannschen Politik. Wollte man nun aus der Tatsache, daß die Hadassah gegen Lipsky sich entschieden hat, schließen, daß sie auch gegen’Weizmann sei, so wäre dies nicht richtig, denn wenn auch Frau Henrietta Szold, die heute in der Palästinaexekutive einen bestimmenden Einfluß ausübt, formell ihre Beziehungen zur Hadassah gelöst hat, so kann man doch nicht annehmen, daß die Organisation, die sie selbst geschaffen hat, ihre Führerin desavouieren wird und daß noch starke Bindungen zwischen ihr und der Hadassah bestehen. Frau Szold ihrerseits hat aber bisher noch keinen Anlaß gehabt, sich gegen die Politik Weizmanns zu wenden, ja, die letzten Nachrichten aus Palästina besagen, daß sie sich heute stärker wie je für diese einsetzt. Wenn man also von der Hadassah absieht, von der vorläufig eben nur bekannt ist, daß sie der Leitung der amerikanischen Organisation durch Louis Lipsky kein Vertrauen entgegenbringt, sich aber nach wie vor als einen integrierenden Bestandteil der amerikanischen Organisation betrachtet, scheinen drei Gruppierungen innerhalb des amerikanischen Zionismus zu bestehen: die Lipskys, die unbedingten Anhänger Weizmanns, die Anhänger von Stephen Wise, der die Politik Weizmanns scharf bekämpft und aus dem Administrativ- und Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation ausgetreten ist, nicht aber, wie man vielfach meint, den Ehrenvorsitz in United Palestine Appeal niedergelegt hat, schließlich die Gruppe um Brandeis, als deren Wortführer Jakob de Haas die Parole „Zurück zu Herzl“ ausgegeben hat. Auf der Konferenz der Opposition, die am Sonntag, dem 29., und Montag, dem 30. April, in Washington stattfand, wurde beschlossen, die Beseitigung der Lipsky-Administrative durchzusetzen, gleichzeitig hat man aber die Fragen der Führerschaft Weizmanns und der Erweiterung der Jewish Agency prinzipiell von der Erörterung auf der Tagung ausgeschlossen. Das scheint also immerhin darauf hinzudeuten, daß die Opposition sich nicht so sehr deshalb gegen Lipsky wendet, weil dieser ein unbedingter Anhänger der Weizmannschen Politik ist, sondern aus spezifisch amerikanischen Gründen, die vor allem mit der unzulänglichen Verwaltung der großen amerikanischen Palästinaunternehmung, des American Zion Commenwealth Zusammenhängen dürften. Stephen Wise nennt in seiner Erklärung vom 15. April im wesentlichen politische Motive; er kritisiert den politischen Kurs und die Methoden der Londoner Exekutive, wie er das ja auch schon auf und seit dem Kongreß in Basel getan hat. Den Hintergrund all dieser Ereignisse bildet aber anscheinend cloch der große Kampf, der einerseits durch Weizmann und anderseits durch Brandeis vertretenen Anschauungen über die Grundlagen des Systems unsefer kolonisatorischen Arbeiten in Palästina, der zwar 1920 und 1921 in London und Karlsbad, wie sich aber jetzt zeigt, doch nur vorläufig zugunsten Weizmanns entschieden wurde. Ob dieser Kampf, der außerordentlich wertvolle Kräfte seit dem Jahre 1921 lahmgelegt hat und seinem Wesen nach auf die verschiedene Grundeinstellung der westlichen und östlichen Zionisten zurückzuführen ist, heute in seinem ganzen Umfang wieder aufgenommen wird, muß die nächste Zukunft zeigen. Die Entscheidung darüber fällt auf einer im Juni tagenden Konvention der amerikanischen Zionisten. Für das Aufbauwerk in Palästina ist diese Entscheidung von außerordentlicher Wichtigkeit: bleibt der Konflikt eine interne amerikanische Angelegenheit, ein Streit darüber, wer die Führung der Zionistischen Organisation Amerikas innehaben soll, so würde dies die Geldaufbringung des United Palestine Appeal vermutlich nicht weiter stören; ja, man könnte nach der Beilegung dieser Streitigkeiten auf wesentlich verstärkte Leistungen aus Amerika hoffen — die der Keren Hajessod auch dringend braucht. Ist doch im laufenden Budgetjahr Amerika wesentlich mit seinen Leistungen im Rückstand geblieben und das einzige Land, das seinen Verpflichtungen nicht nachkam! Sollte sich aber dieser Konflikt nicht lokalisieren lassen, sollten in seinem Verlauf alle allgemein zionistischen Probleme wieder aufgerollt werden, dann wird man auf Amerika in der nächsten Zeit nicht oder nur wenig rechnen können. Der Augenblick ist schwierig. Die Agency-Politik Weizmanns geht ihrer letzten und schwersten Prüfung entgegen; am 9. Juni soll in London eine für längere Dauer berechnete Tagung der Jewish-Agency-Kommission beginnen, an der Louis Marshall, Felix M. Warburg, Dr. Lee K. Frankel, Sir Alfred Mond, Direktor Oskar Wassermann und Weizmann teilnehmen sollen. Auf dieser Tagung wird sich zeigen, ob es den Nichtzionisten ernst ist mit der Übernahme einer Verpflichtung gegenüber dem Palästinaaufbau, ob sie gewillt sind, die Mittel zur Verfügung zu stellen, die den Fortschritt des Palästinawerks verbürgen und seine Zukunft sichern. Dabei wird es hauptsächlich auf die amerikanischen Nichtzionisten ankommen. Zweifellos hat gerade die letzte Zeit dazu beigetragen, eine gewisse Skepsis in dieser Be-