Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-04-27 · 17 (27.4.1928) · p. Seite 268

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
Seite 268 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156879--08428-9081163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

268 Das Jüdische Echo Nr 17 und bemühte mich, in seinem Gesicht jüdische Züge zu entdecken, irgendein Zeichen der Rasse. Nichts mehr vorhanden. Alles weggewischt. „Wie kamen Ihre Vorfahren nach China?“ fragte ich endlich. „Mein Großvater wußte es, vielleicht auch noch mein Vater, ^ber ich nicht.“ Und der alte chinesische Musiker ergriff seine Geige und begann ein anderes dieser unheimlichen Lieder, die ich weder im Wort noch im Fühlen verstehen konnte. * # # Die arabischen Juden spielen in China eine wichtige Rolle, ganz besonders in Shanghai. Sie sind die Alteingesessenen und haben auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens bedeutend mehr Einfluß als die Engländer. Aber diese arabischen Juden haben in ihrem Äußeren gar nichts Jüdisches. Rein religiös fühlen sie sich als Juden. Ihre Synagoge in Shanghai ist groß und schön. An Festtagen ist die Synagoge überfüllt. Wenn man diese Chinesen sieht, wie sich sich mit den Ellenbogen ihren Weg in die Synagoge bahnen, chinesisch gekleidet und mit gut chinesischer Haartracht, wird man schwerlich annehmen, daß sie Juden sind. Es ist sozusagen öffentliches Geheimnis, daß sie wenig vom Judentum wissen. Es ist für sie eine Zeremonie wie eine andere, die sie rein äußerlich lediglich durch Kleidung und Tradition halten, wenn sie zur Synagoge gehen, während ihnen der Inhalt völlig fremd ist. Selbst die hebräische Sprache haben sie vergessen. Die Gebete lesen sie also in einer Im Vertrauen auf unsere jahrzehntelange Facherfahrung, die jedem Interessenten eines guten und dauerhaften Instrumentes die Wahl erleichtern hilft, kauft ein grober zufriedener Kundenkreis Flügel / Pianos Harmoniums nur in unserem, als leistungsfähig bekannten Fachgeschäft. Das individuelle Eingehen auf alle Sonderwünsche wird uns als alleinige Niederlage bekannter führender Firmen des Klavier- und Harmoniumbaues besonders leicht. Den heutigen Zeitverhältnissen entsprechend liefern wir jedes Instrument zu sehr angenehmen Bedingungen. Pianohaus Hirsch am Sendlingeriorplaiz MÜNCHEN / Lindwurmstrabe 1 Sprache, die selbst die sephardischen Juden nicht verstehen. Sie enthält gewisse hebräische Elemente, hier und da einen familiären Ausdruck, aber als Ganzes ist sie unverständlich. Ein europäischer und ein arabischer Jude verhandeln englisch miteinander. Die arabischen Juden verstehen alle ein wenig englisch und haben großen Respekt vor der englischen Kultur. In Shanghai gibt es einen jüdischen Klub „Achauth“. Er zählt zu seinen Mitgliedern auch mehrere arabische Juden. Ich lernte hier einen wohlhabenden Kaufmann kennen, einen geachteten Bürger, Philanthrop; bei manchen öffentlichen Hilfswerken, dessen Rat oft eingeholt wird, mag es sich um geschäftliche Angelegenheiten handeln oder um schwierige Fragen auf geistigem Gebiet. Zuerst, ehe ich mit ihm gesprochen hatte, hielt ich ihn für einen kenntnisreichen und bewußten Juden. Ich fragte ihn, wie es ihm ginge. „Nicht gut,“ antwortete er, „ich werde alt und -grau.“ Traurig wies er auf sein Haar. Ich tröstete ihn: „Graues Haar bedeutet nicht immer, daß man schon ein Greis ist. Bekam Abraham nicht noch mit hundert Jahren einen Sohn?“ „Nicht möglich“, bemerkte er. „Ich würde es nicht glauben. Wer sagt so etwas? Verspotten Sie mich auch nicht?“ „Woher kann ich das wohl wissen? Aus der Thora natürlich.“ „Thora?“, der alte Mann wiederholte es ganz überrascht. „Wo erscheint diese Zeitung? Und in welcher Sprache ist sie geschrieben?...“ Ein Gegensatz bis zum Widersinn mag es scheinen, daß die Gemeinde Shanghai einen gelehrten Rabbiner hat, mit Namen Hirsch. Er ist sehr geachtet bei Juden und Nichtjuden. Ich erzählte ihm von der erstaunlichen Unterredung mit dem Kaufmann. „Das überrascht mich ni9ht“, erwiderte er traurig. „Ich habe vielerlei Versuche gemacht, die Mitglieder meiner Gemeinde für jüdische Geschichte und jüdische Fragen zu interessieren. Vergebliche Mühe. Ich lese ihnen Abschnitte der Bibel vor. Wenn sie zu Ende sind, warten sie noch auf die Pointe oder die Moral. Sie sind meine Brüder. Aber wie verschieden sind wir voneinander!“ Und der Rabbi hatte Tränen in den Augen. Ich begegnete in Shanghai noch einem anderen Judentyp. Er hat alle Ozeane befahren, spricht wenigstens zehn Sprachen, ohne eine gründlich zu kennen. Der Vertreter dieses Typs ist ein internationaler Jude, geboren in der Ukraine, verheiratet in Bukarest, Bürger Brasiliens, machte bankerott in Zansibar, hatte eine Geschichte in Argentinien ausgefressen und war gemeldet aus Kairo. Er kam nach China über Kalkutta und Transvaal. Ein Mann ohne Alter, ich wußte nicht, war er alt oder jung, begabt oder nur unverschämt, liebte er krumme Wege oder war er redlich, schwer zu sagen. Ich kannte mich nicht in ihm aus. Er hat alle Fehler des internationnalen Globetrotters, der sich als ewiger Wanderer fühlt. Sein Judentum. Überreste einer jüdischen Kindheit, war weggewaschen durch all die vielen Ozeane, die er gekreuzt hatte, überlagert von dem Leben, das er gelebt hatte. Der Mann hoffte in Shanghai gute Geschäfte zu machen; niemand wußte, Geschäfte welcher Art. Wenn er in China bleibt, was werden dann seine Nachkommen sein? Werden sie wissen, daß die Thora keine Zeitung ist?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.