Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 235 giösen Fortschritt der Menschheit“, die er 1910 auf dem Weltkongreß für religiösen Fortschritt vor einer Versammlung christlicher Theologen zu vertreten sich berufen fühlte, mit denen er sich in den religiösen Grundlagen der Kultur eins fühlte, von denen ihn die schroffe Ablehnung des Christentums schied. Es erschien ihn in seiner Theologie mythologisch, und wenn er selbst den Gottesbegriff abstrakt ganz auf den Menschen bezog, ja ihm der hohe Wert der europäischen Kultur auf der Vermenschlichung Gottes begründet schien, so stellte er sich wieder entschieden gegen jeden Mittlergedanken, gegen jede Annäherung des göttlichen und menschlichen Wesens. Aus dem gleichen Grunde freilich lehnte er auch alle mystischen Züge im Judentum nicht nur ab, sie waren ihm schon instinktiv völlig fremd. Ganz konsequent, wenn auch von Temperament und Kampfgeist stark bewegt, erscheint die Art, wie Cohen von stark exponierter Stelle aus zur deutschen Judenfrage in der Form des geistigen Antisemitismus und erst in hohem Alter — zum jüdischen Nationalismus Stellung nimmt. Heinrich von Treitschke hatte 1879 als erster dem aufkommenden deutschnationalen Antisemitismus eine kulturhafte Legitimation geben wollen, indem er das Judentum als die „Nationalreligion eines fremden Stammes“ bezeichnete, die „dem deutschen Christen auf seinem Wege zu einer neuen, reineren Form des Christentums nichts zu geben habe“. Cohen fühlte sich persönlich getroffen, als Jude und als Lehrer deutscher Philosophie und Ethik, und gab seiner Entrüstung, aber auch seiner positiven Stellungnahme zur deutschen Kultur, die ihn von Lazarus und Grätz trennte, entschiedenen Ausdruck in seinem „Bekenntnis in der Judenfrage“, von dem er später sagte, daß er sich seither als Baal-Teschuwa Empfand. Von da ab stand er viel unmittelbarer in den jüdischen Geistes- und Tagesfragen, und als ihm sein wiederholtes offenes Auftreten, die Äußerungen seiner geistigen Unabhängigkeit, die Stellung in Marburg, das durch seine Wirksamkeit berühmt geworden war, unmöglich machten, ging er wenige Jahre vor Ausbruch des Krieges nach Berlin, um durch Vorträge an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums mit seinen Ideen direkt in jüdischen Lebenskreisen wirken zu können. Und wie das symbolhafte Bekennen einer ernsteren Rückkehr auch zum jüdischen Volkstum nimmt sich die russische Vortragsreise aus, die er im Frühjahr 1914 unternahm, verbunden mit dem Plane der Organisation eines eigenen Schulwerks für das bedrängte russische Judentum. Ja, Cohen, der früher mit einer gewissen Betonung immer „wir Deutsche“ zu sagen pflegte, entdeckte seelisch sogar die Ostjuden wieder, die er als Kind in seiner schlesischen Heimat häufig in seinem Elternhause als Sabbatgäste ob ihrer Gelehrsamkeit bewundert hatte und an denen er jetzt die soziale Energie ganz besonders rühmte. Und zugleich vertiefte sich Cohen immer mehr in die Geisteswelt des Judentums, in Bibel und Religionsphilosophien. Der religiöse Geist wurde, ihm immer lebendiger, und er faßte ihn insbesondere in seiner nachgelassenen Schrift: „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ zusammen, was sich ihm aus der Verschiebung seiner zentralen Einstellung auf das Religiöse ergeben hatte. Man muß Cohens Ehrlichkeit immer anerkennen, auch wo sie hier und da ins Starre oder Absonderliche sich verirrte und auch dort, wo er den jüdischen Nationalismus bekämpfte. Zu wenig ^^Dernausbijdung AlineSanden I Kammersängerin ■ an der Münchener ^aatsoper ■ Ausbildung bis zur Bühnenreife Für verbildete Stimmen besonderen Privatunterricht Anmeldung, Prospekt, Clemensstr. 92 Villa „Carmen“, München, Tel. 360218 war ja Cohen mit dessen geistigen Grundlegungen bekannt und zu viel mit der extremen und oberflächlichen Art seines Auftretens in Weltanschauungsfragen, mit der raschen Ableugnung der tiefen Zusammenhänge,. die gerade für ihn, aber nicht nur für ihn, zwischen Judentum und deutscher Kultur bestanden. Dies sowie die allgemeine Psychose des Augenblicks veranlaßten die Kriegsschrift Cohens (Kriegsschrift in doppeltem Sinne): „Deutschtum und Judentum“ betitelt. In schroffer Weise sucht er hier die beiden kulturellen Lebensmächte fast bis ins Politische hinein zu identifizieren, wobei er z. B. auch von den nicht deutschen Juden voraussetzt, daß Deutschland ihnen das Mutterland der Seele der Seele sei, den Begriff der Nation vom Staate herleitet und Eigenregungen des jüdischen Nationalismus die Existenzberechtigung abspricht, das Hebräische z. B. nur als Gebetsprache und als Sprache der jüdischen Geistesüberlieferung kennen will. So schroff der Angriff, so entschieden war die Abwehr oder vielmehr auf gleichem geistigen Niveau, aber aus tieferen Zusammenhängen mit der jüdischen Geistlebendigkeit erfolgende Berichtigung Martin Bubers in seinem Aufsatz: „Begriffe und Wirklichkeit.“ Und dennoch ist es kein Zufall, daß verständnisvollste Schüler und Interpreten Hermann Cohens, wie Klatzkin und Franz Rosenzweig, letzterer gerade Buber besonders nahestehend, mit größter Lebendigkeit ins nationale Judentum Probleme weitertragen, die durch die in ihrer Art doch monumentale Denkergestalt des in seinem Gedankenschicksal so intensiv mit dem Judentum zusammenhängenden Hermann Cohen angeregt oder wenigstens befruchtet sind. Hermann Cohens „Jüdische Schriften“ sind in 3 Bänden gesammelt mit einem Geleitwort von Franz Rosenzweig im Akademie-Verlag Berlin, erschienen, der nun auch „Hermann Cohjens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte“ in 2 Bänden herausgebracht hat. Beri ehtig un g In unserer letzten Nummer sind leider in dem Artikel „Neue Prosa jüdischer Dichter“ mehrere sinnstörende Druckfehler enthalten. Der besprochene Roman Arnold Zweigs heißt richtig: „Der Streit um den Sergeanten G r i s c h a“, der Verlag Gustav Kiepenheuer. Von dem Geschick des russischen Kriegsgefangenen wird Europas Geschick abgeleitet und dem Erdteil ist geschehen, was diesem G r i s c h a geschah.