Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- Seite 234 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Das Jüdische Echo Nr. 15 Feuilleton Hermann Cohen Zu seinem 10. Todestage (4. April 1918) Von Dr. Ernst Müller Wie entrückt in starrer Größe, in strenger Abstraktheit und doch durch den Ernst seines Idealismus wie durch das Gewicht der Problematik immer noch nahegerückt, erscheint uns heute die Gestalt Hermann Cohens, der vor zehn Jahren in hohem Alter gestorben ist. „Mehr Rasse als Philosophie“, mit dieser hochmütigen Wortgebärde lehnte Kuno Fischer das temperamenthaft stark 'jüdische Wesen dieses Denkers ab, während andere, zum Teile führende Männer der deutschen Philosophie, wie Pau^Notorp, ihn als Führer verehrten. Es wurde oft versucht, genügt aber nicht, Cohen bloß als den Repräsentanten der liberalen Epoche hinzustellen, als das personifizierte Paradoxon: Judentum und Deutschland bis zur Einheit verschmelzen zu wollen. Vielmehr lag eine persönliche Tragik darin, daß Cohen eine solche Synthese in gewissem Sinne in sich auch zustande brachte, ohne sie jedoch in objektive Gültigkeit verwandeln zu können. Und als jüdischer Theologe, der er ursprünglich war, an einer hervorragenden philosophischen Lehrkanzel wirkend, blieb er, obwohl mit Leidenschaft um die Lösung des Problems ringend, das er in dieser Doppelstellung persönlich auslebte, trotz seiner großen Anerkennung, im Wesen einsam. Nur in der abstrakten Höhe des Begriffslebens — das ja bei ihm überaus lebendig war — konnte die Synthese gelingen, im System, an dem Cohen, fast wie Goethe an dem „Faust“, sein ganzes Leben arbeitete, um den echten Theologen und den ebenso echten Kantianer zur Verschmelzung zu bringen. Aber über eine Lebensarbeit, die mit einem steten Kommentieren von Kulturgeist und eigenem Gedankenweben sich vermessen wollte, dem tiefs'ten und lebendigsten Völkerzwiespalt eine starre Einheit aufzuzwingen, brauste die Zeit, unsere Zeit erbarmungslos hinweg. Für den repräsentativen Philosophen freilich, der mit einem ethischen Sozialismus begonnen hatte, wodurch er Friedrich Albert Lange nahekam, trat frühzeitig die Beziehung zu Kant derart in den Vordergrund, daß er nicht bloß Kantianer, sondern Führer einer Richtung wurde, welche Kant in Freiheit erneuern wollte und zu einer weitverzweigten Philosophenschule sich aus¬ Pianino Steingräber neues, von größter Halt¬ Pianino überspielt, tadellos, für barkeit u. Klangschönheit, RM. 900.— zu verkaufen, nur RM. 975.—, auch auch gegen kleine gegen kleine Monatsraten Monatsraten Planohaus Alfred Schmid Pianohaus Alfred Schmid Nachfolger Nachfolger München / Residenzstr. 7 München / Residenzstr. 7 gegenüber der Hauptpost gegenüber der Hauptpost wuchs. Nicht mehr als Kommentare, sondern als selbständige Weiterbildungen der drei Kantischen „Kritiken“ geben sich die drei Hauptwerke Cohens, betitelt: „Logik der reinen Erkenntnis“, „Ethik des reinen Willens“, „Ästhetik des reinen Gefühls“. Wie Kant, versuchte er die erkenntnistheoretische „Grundlegung“ zu schaffen, von der aus aber auch real die Kultur in ihren Grundlagen philosophisch erlebt werden sollte, und er vermeinte dieselbe durch den Begriff des „Ursprungs“ zu vertiefen, indem er das letzte Erkenntniskriterium in die im Menschen schöpferische Idee verlegte. So ging er auch über die im Systeme Kants offene Antinomie zwischen Logik und Ethik, zwischen der Welt des Seins und der Welt des Sollens hinaus, womit denn auch der Punkt gegeben war, wo der jüdische E t h i k e r , sich eins fühlend mit den Grundlagen der deutschen philosophischen Kultur, zu Worte kam. Wie der Logik der Primat der Erkenntnis, so gebührt der Ethik der Primat des Seins — ein Gedanke übrigens, der fast genau so und gewiß unabhängig von Otto Weininger ausgesprochen wurde. Der ethische Gesichtspunkt blieb denn dauernd für Cohen derart zentral, daß er eigentlich alles andere verschlang, ja den Sinn des Religiösen selbst, um den Cohen, weil er ihm nicht ursprünglich gegeben war, in heißem Bemühen rang. „Gott kann keine Bedeutung haben außerhalb der Sittlichkeit.“ Und wenn man nach dem Sinn eines Gottesbegriffes fragt, dessen Inhalt nicht in sich selbst gegründet ist, sondern lediglich in der Bezeichnung zum Menschen, zu dessen sittlicher Natur, so liegt derselbe in der Garantie der Verwirklichung, in der Überbrückung der Kluft zwischen naturhafter Wirklichkeit und Ideal, in der wesentlichen Einheit der Menschheit. Die vom Judentum gelehrte Einzigkeit Gottes jedoch bedeutet nicht nur Einheit, sondern Ausschließlichkeit des einen Gottesseins — zu dem doch eigentlich kein Weg führt —, dem gegenüber alles Sein der Natur und Menschenwelt nur Schein und Schatten ist. Freilich: Bei aller Konsequenz, bei dem großartigen Ernste, mit denen so eine Grundlegung der Religion versucht wird, haftet dieser doch sehr stark der Charakter der Konstruktion und Abstraktion an. Noch mehr, wo Cohen auf einzelne religiöse Begriffe eingeht, wie auf den Messiasgedanken, der nun einerseits in genialer Weise als der Leitbegriff der Geschichte erkannt wird, als das eigentliche Wesen der Menschheitszukunft, als der Ausdruck einer von allem Affekt ins Geistige erhobenen Hoffnung, in seiner eigenen Substanz jedoch auf dem Höhepunkte der Entwicklung sich ihm lediglich als „die sittliche Menschheit der geschichtlichen Zukunft“ darstellt. Wie kindlich durchdrungen Cohen aber persönlich von der Erwartung war, daß der Sieg des reinen Monotheismus in historischer Gewißheit bevorstehe, bezeugt eine Bemerkung, die Franz Rosenzweig berichtet, dem der Siebzigjährige einmal erklärte, er hoffe noch selber die messianische Zeit zu erleben. In solchen Ideen nun, die in ihm eine ungeheure Festigkeit angenommen hatten, erblickte Cohen die „Mission des Judentums für den reli-