Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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f s Das Jüdische Echo Nummer 15 13. April 15. Jahrgang Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ und Der Judenstaat in Palästina“ 11M Nicht jeder, der eine Palästinareise gemacht hat, ist deshalb auch schon fähig, ein richtiges Urteil über die Lage und Aussichten des jüdischen Aufbauwerkes abzugeben. Das hat sich bereits in vielen Fällen gezeigt; daß es nicht nur eine Spezialität jüdischer Palästinareisender ist, zeigt Herr Pater Erhard' Schlund, der in zwei großen Aufsätzen in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 4. und 5. April mit der sensationellen Überschrift „Der Judenstaat in Palästina“, wie er sagt auf Bitten der Schriftleitung, einige Eindrücke wiedergegeben hat, die er „von der Stellung der Juden und den Aussichten ihres Staates in Palästina“ bei seinem Aufenthalt im Heiligen Land gewonnen habe. Er gibt dabei selbst zu, daß die dortigen Verhältnisse sehr schwer ganz zu durchschauen seien und daß er sich in Einzelheiten geirrt haben könne; man braucht auch gar nicht daran zu zweifeln, daß er möglichste Objektivität angestrebt hat; nichtsdestoweniger muß man betonen, daß das Bild, das Herr Schlund entwirft, nicht nur in Einzelheiten unzutreffend ist. Es ist Herrn Schlund anscheinend unmöglich gewesen, mit jüdischen Kreisen Fühlung zu nehmen, jüdische Siedlungen hat er offenbar mit der Ausnahme von Rischonle-Zion nicht gesehen, und seine wesentlichsten Informationen scheint er dem Bürgermeister einer Templerkolonie zu verdanken. So ist seine Darstellung geradezu mit Fehlern und groben Irrtümern gespickt, was freilich nicht weiter Wunder nehmen kann, wenn man bedenkt, daß Schlund als Autorität Herrn Dr Alfred Wiener anführt, dessen „Kritische Reise durch Palästina“ in diesen Blättern in ihrer ganzen Haltlosigkeit als tendenziöses Machwerk bereits gebührend gewürdigt wurde. Im allgemeinen richtig und wenigstens faktisch zutreffend ist Schlunds Darstellung der politischen Verhältnisse Palästinas, obwohl auch sie keineswegs frei von Tendenz ist. Schlund führt die Balfour-Deklaration an, sowie die Agency-Bestimmung (§ 4) des Palästina-Mandats und meint dann, daß die englische Regierung sich mit keiner dieser Erklärungen irgendwie festgebunden habe. Gewiß: beide Erklärungen enthalten Klauseln, die man in verschiedenem Sinn auslegen kann; aber niemand kann doch leugnen, daß in beiden Fällen im Prinzip außerordentlich klare Verpflichtungen eingegangen worden sind, von denen sich die englische Regierung nur dann lösen kann, wenn sie ihre vor der ganzen Welt gegebenen feierlichen Zusagen bricht. Man darf * doch nicht vergessen, daß es im § 2 des vom Völkerbund genehmigten Mandatstextes heißt: „Der Mandatar soll dafür verantwortlich sein, daß das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen gestellt wird, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte, wie in der Einleitung niedergelegt und die Entwicklung von Selbstverwaltungsinstitutionen, sowie die Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner von Palästina, ohne Unterschied der Rasse und Religion sicher n.“ Die Bevölkerungsverhältnisse sind ebenfalls im wesentlichen richtig angegeben, wenngleich auch hier Herr Schlund einige Tatsachen in solcher Gruppierung wiedergibt, daß ihre wahre Bedeutung nicht erkenntlich ist. Denn bereits heute leben in Palästina prozentual mehr Juden als in irgendeinem anderen Lande und wenn auch im letzten Jahre die Auswanderung die Einwanderung überstieg, so ist dies eine vorübergehende Erscheinung, die in Bälde ihr Ende erreicht haben dürfte, um, wie man zuversichtlich hoffen darf, von einer neuen Einwanderung abgelöst zu werden. Im übrigen ist eine solche Rückwanderung nicht etwa nur in Palästina zu beobachten; sie macht sich in jedem Koloniallande geltend und erreicht in Amerika im Durchschnitt der letzten 20 Jahre sogar 34 Prozent der Einwanderung gegenüber 28 Prozent, die Palästina im Durchschnitt der letzten 6 Jahre aufweist. Daß im Augenblick der Teil des pälästinischen Bodens, der sich in jüdischen Händen befindet, noch gering, zu gering ist, trifft zu; die Form der von Schlund gewählten Gegenüberstellung ist wiederum teilweise irreführend: ausschlaggebend ist ja nicht allein die Tatsache des Bodenbesitzes, sondern auch die Verwendung des Bodens. Hier wäre wohl auch zum mindesten ein Hinweis auf die Institution am Platze gewesen, die andauernd den jüdischen Bodenbesitz vergrößert, den Keren-Kajemeth-Lejisrael. Wenn Schlund nun weiter versucht, eine Darstellung der Schwierigkeiten zu geben, die sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Palästina geltend machen, sei es durch ihre kulturelle und religiöse Differenzierung, durch die gegensätzliche Einstellung der verschiedenen Gruppen in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, durch eine allzu radikale sozialistische Einstellung der Arbeiterschaft, so kann man auf die zahlreichen Irrtümer, die ihm dabei unterlaufen, tatsächlich im einzelnen nicht mehr eingehen. Man müßte jeden Satz hernehmen und kommentieren, zeigen, daß die von Wiener, den er zitiert, so hübsch aufgezählten kulturellen Unterschiede zwar sicherlich — wie übrigens ähnlich auch in jedem anderen Lande, z. B. in Deutschland — bestehen, daß sie aber gar nicht von Belang sind gegenüber der hier verschwiegenen, aber geradezu ungeheueren Tatsache, daß die junge Generation fast ohne Ausnahme hebräisch spricht und damit die Basis einer zukünftigen Einheit gewonnen hat; man müßte zeigen, daß die Zionisten keine nach religiösen Grundsätzen bestimmbare Gruppe sind, daß die von Schlund angeführten Gruppen der gemäßigten Juden der Sektenjuden, der Aschkenasim, Sephardim entweder so überhaupt nicht existieren, oder sich nach ganz anderen Kriterien