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Das jüdische Echo · 1928-03-30 · 13/14 (30.3.1928) · p. Seite 199

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
13/14 (30.3.1928)
Date
1928-03-30
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 13/14 30. März 15. Jahrgang Die nächste Nummer des „Jüdischen Echos“ erscheint wegen der Pessachfeiertage erst Freitag, den 13. April. Die heutige Nummer erscheint in bedeutend verstärktem Umfang, Prognose für die Heute, wo der deutsche Staat, das deutsche Sein allmählich wieder eine gewisse Stabilität erlangen, wo die Hast und das stürmische Tempo der Nachkriegsjahre einer stetigen Entwicklung gewichen sind, tritt naturnotwendig wieder an die Stelle von Direktiven für den Augenblick die Politik auf lange Sicht. Erst hier, wenn statt sprunghafter Tendenzen eine deutliche Kontinuität den Ablauf des Geschehens regiert, ist es wieder möglich und wertvoll, Prognosen für die Zukunft aufzustellen. Diesen Versuch, die Entwicklungslinien des deutschen Staates und Volkes und der ihnen eingeordneten Gruppen zu deuten, hat unlängst in einer weit über sonstige Tagespublizistik hinausreichenden Schrift „Politische Prognose für Deutschland“ Professor H e 11 p a c h , ehemaliger badischer Staatspräsident, unternommen. Es ist an dieser Stelle nicht der Raum, das Buch in seiner Totalität, das eine Fülle von Anregungen enthält, einer eingehenden Besprechung zu unterziehen, vielmehr interessiert uns hier nur das Kapitel über die Judenfrage, weil sie von einem Mann analysiert wird, der heute als Repräsentant einer jüngeren Politikergeneration angesehen werden darf, einer Persönlichkeit, deren politische Laufbahn noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Judenfrage ist für Hellpach im wesentlichen eine gesellschaftliche Erscheinung. Nicht das Operieren mit fragwürdigen Begriffen wie dem der Rasse und der damit von der völkischen Mentalität verbundenen Minderwertigkeit des jüdischen Volkes, nicht Unterschiede des äußeren Habitus zwischen Juden und Nichtjuden, sondern das Prävalieren der Juden beispielsweise in Theater und Konzert, in Bädern und Sommerfrischen, sei der Anlaß für die deutsch-jüdische Spannung. „Abwehrregungen werden dadurch versteift.“ Hellpach erkennt selbst an, daß gewisse einseitige Berufs- und Kulturschichtungen der Juden historisch bedingt sind. Aber war es, fragen wir, mit dem antisemitischen Phänomen in deutschen Landen besser bestellt, als der Jude, abgeschlossen von seiner nichtjüdischen Umwelt, im Ghetto lebte? Wer also so wie Hellpach in mehr äußerlichen Momenten die Entstehungs- und Triebkräfte des Antisemitismus zu erblicken glaubt, wird dem ganzen Problem nicht gerecht werden, das, wie jüngst besonders Bernstein richtig gezeigt hat, in der exzeptionellen, ganz besonders gelagerten Situation der jüdischen Gemeinschaft als Gruppe seine innere, eigentliche Wurzel hat: der Antisemitismus ist eine besonders prägnante Art der menschlichen Gruppenleidenschaften. Der Vorwurf übertriebener Sippenhilfe und Erwerbssinnes bei Juden — ob richtig mag ganz dahingestellt bleiben —ist nur der letzte aktuelle Ausläufer dieser soziologischen Spannungen. In diesem Zusammenhang mag auch die Hellpachsche geistige Analyse des jüdischen Menschen richtiggestellt werden. Der geistige Habitus der deutschen Juden Juden ist nicht extrem auf dem Primat des Intellekts fundiert. Die rationale Intellektualität ist nur die eine, sozusagen die offizielle, nach außen in die Erscheinung tretende Seite der jüdischen Mentalität. Auch uns ist — wir brauchen nur an zwei große Bewegungen unserer Geschichte: Chassidismus und Chaluziuth zu denken — „ein Begreifen des Konstruktionslosen, Unaussprechlichen, wesenhaft Unbewußten“ eigen, mit der Einschränkung allenfalls, daß innerhalb des jüdischen Seelenbereichs die Gegensätze zuweilen besonders markant hervortreten. Was' Hellpach über die Bedeutung des Ostj u d e n t u m s für das deutsche Judentum schreibt, verdient unsere vollste Anerkennung (bezeichnend genug, daß Holländer in der C.-V.-Zeitung in seiner Aussprache mit Hellpach diese außerordentlich wichtige Frage geflissentlich übergeht!). Wenn wir daran denken, daß sich selbst Juden nicht gescheut haben, einer völligen Sperre der ostjüdischen Ein- und Durchwanderung nachdrücklich das Wort zu reden, so müssen demgegenüber Worte wie diese: „Unter den Einwanderern aber nur die jüdischen fernzuhalten, liegt für uns kein Anlaß vor. Wir haben auch keinen, das gesättigte Judentum unter uns, von dem ein Teil vor zwei Generationen selber noch ,ostjüdisch4 war, vor der Auffrischung durch jungen Nachstrom zu schützen.“ und folgende Charakterisierung: „Der Ostjude bringt zunächst Fremdartiges und Kulturminderes mit, gewiß, aber er bringt auch eine unerhörte, ungebrochene Vitalität, eine geistige Regsamkeit und Bemühtheit und dazu eine unblasierte, unsnobistische Schlichtheit der Sitten und Lebensansprüche, die ihn vorteilhaft vom wohllebigen saturierten Altjuden unterscheiden“, festgehalten werden. Hier hat einmal ein unvoreingenommener, national gewiß unverdächtiger Nichtjude die nationaldeutschen Belange der Herren Naumann und Genossen mit wünschenswerter Deutlichkeit ins richtige Licht gerückt. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich zur Aufgabe gemacht hat, neben der Bekämpfung des Antisemitismus und Zionismus das Deutschtum seiner Mitglieder vor der nichtjüdischen Welt immer wieder zu beteuern, scheint auch die deutlich an seine Adresse gerichteten Worte Hellpachs: „Die Juden sollten nicht die Torheit begehen, zu bestreiten, daß sie^ eine ethnisch besondere Gruppe sind, ein ,Stamm4 sagen wir einmal, den mancherlei, Psychisches und Physisches, von den deutschen Stämmen unterscheidet. Was tut denn das?“ ignorieren zu wollen* da Herr Holländer in seiner „Aussprache“ mit Hellpach diesen Gesichtspunkt mit keinem Wort erwähnt. Nun ja, es muß diesem Kreis, der mit dem Begriff der Andersartigkeit immer den des Staatsbürgertums minderen Grades verbindet, merkwürdig in die Ohren klingen, wenn ihm seine ethnisch-psychische Sonderart von einer* auch

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