Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 11 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9156872--08322-9081057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 11 16. März 15. Jahrgang Ungesühnte Im Landtagsausschuß zur Untersuchung des Hochverrats von 1923 wurden am Dienstag, dem 13. März, nach fast dreimonatiger Unterbrechung, die Vorgänge vom 9. November 1923 erneut einer Untersuchung unterzogen, und zwar erstattete der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Hoegner auf Grund neuen Aktenmaterialseinen Bericht, der unter anderem auch das Schicksal der, im wesentlichen jüdischen Geiseln, behandelt. Die „Münchener Post“ berichtet darüber in ihrer Nr. 62 vom 14. März: ..Der erste Jude, der den Nationalsozialisten in die Hände fiel, war der Fabrikbesitzer D r. Ludwig Wassermann, der auf eine Einladung des Bayerischen Industriellenverbandes hin zu der Kahrversammlung im Bürgerbräukeller gekommen war. Er wurde am Schluß der Versammlung auf besonderen Befehl der neuen Begierung verhaftet, in ein besonderes Zimmer verbracht und darauf aufmerksam gemacht, daß er beim geringsten Fluchtversuch erschossen würde. Später erklärten ihm zwei Nationalsozialisten, daß er am nächsten Tage am Marienplatz aufgeh ängtwerde. In das Zimmer dieses Verhafteten wurde später der Schwiegersohn des Landtagsabgeordneten Genossen Erhard Auer verbracht. Früh 5 Uhr wurden diese beiden Geiseln ohne besondere Begründung entlassen. Im Laufe des nächsten Vormittags (9. November) wurde auf Befehl des Hauptmanns Oesterreicher, der sich darüber beschwerte, daß nichts getan würde und alles so schlapp sei, eine Beihe von Geiseln in ihren Wohnungen zum Teil unter Gewaltandrohungen, Ab feuern von Schüssen im Schlafzi m m e r usw. festgenommen und in den Bürgerbräukeller geführt. Die Verhaftungen dienten teils der Befriedigung persönlicher Rachegefühle, teils wurden sie ganz wahllos durch geführt. Das Reiterkorps Wrede hatte im Auftrag seines Führers, Fürst Wrede, im Kleidergeschäft Bach 76 Breecheshosen im Werte von über 1000 Mark beschlagnahmt und im Hutgeschäft Breiter die Requirierung von Sturmmülzen angeordnet. Auch in diesem Falle wurde kein Strafverfahren durchgeführt, Schadenersatz nicht geleistet. Ein Verhaftungskommando vom Bund Oberland schwärmte am Vormittag des 9. November nach Bogenhausen zwecks Ergreifung jüdischer Mitbürger als Geiseln aus. Einem der Trupps gehörte auch der Sohn des früheren Justizministers Dr. Roth an, weil er mit den Verhältnissen in Bogenhausen besonders vertraut war. Die Geiseln wurden teils aus dem Adreßbuch, teils durch Ablesen jüdisch klingender Namen von den Hausschildern zusammengesucht. Auf diese Weise fielen auch gute Arier, z. B. ein Graf Brusselia, ein Fabrikbesitzer Cap, ein Direktor Schulz und sogar ein Mitglied der Bayerischen Volkspartei in Verbrechen die Hände der Bewaffneten. Die jungen Herren Roth und Baron Weitzenbeck bemächtigten sich dann in Bogenhausen mit Gewalt eines Kraftwagens, zwangen den Führer, sie in der Stadt herumzufahren und dehnten ihre Verhaftungen bis zu den jüdischen Trödlern in der Dachauer Straße aus. Die Polizei verhielt sich neutral! Im Falle Stein, in dessen Schlafzimmer die Nationalsozialisten scharf schossen und mit Handgranaten drohten, zogen die herbeigerufenen Schutzleute wieder ab, „weil sie sich in diese politische Sache nicht einmisch e n wollte n“. Nach den vorliegenden Akten, die aber nicht vollständig sind, sind nicht ganz zwei Dutzend jüdischer Staatsbürger, darunter ein 74jähriger Greis, in den Bürgerbräukeller als Geiseln geschleppt worden. Dort untersuchte der frühere Justizminister Dr. Roth eine Geiselgruppe eigenhändig nach Waffen. Den Geiseln wurde verboten, zu rauchen und zu sprechen. Einer der Wachtposten nahm ständig eine sehr drohende Haltung ein, die Schlimmes befürchten ließ. Als die Befreiung schon herannahte, erhob ein Nationalsozialist vor den in einem Raum zusammengepferchten Juden sein Gewehr, kommandierte: „S t i 11 g e s t a n d e n!“ und legte auf die Gefangenen an. Auch in diesem Falle wurde die Eröffnung des Haupt Verfahrens abgelehnt. Vergeblich hat der Staatsanwalt gegen die Nichteröff- Friedhofschändungen ohne Ende Die 53. Grabschändung — Diesmal der Friedhof in Gleicherwiesen Berlin, 11. März. (JTA.) Aus Weimar wird telegraphiert: Auf dem Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde in Gleicherwiesen (Landkreis Hildburghausen) sind nachts zwölf Grabdenkmäler umgestürzt worden. Gemeindevorstand und Kultusgemeinde haben für die Ergreifung der unbekannten Täter eine Belohnung von 200 Mark ausgesetzt. Der Landkreis Hildburghausen ist schon seit Jahren bekannt als ein Hauptsitz rechtsradikaler Elemente, die mit ihren Gesinnungsgenossen im benachbarten Koburg in enger Verbindung stehen. Die 54. Friedhofschändung Berlin, 13. März. (JTA.) Aus Elberfeld wird telegraphiert: Auf dem jüdischen Friedhof in Velbert haben unbekannte Täter in der Nacht zum Sonntag eine Anzahl Grabsteine umgeworfen, nachdem sie die Eingangstür zum Friedhof gewaltsam erbrochen hatten.