Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 3 20. Januar 15. Jahrgang Eine „Jubiläumsfeier66 Nach Adam Riese liegt zwischen 1903 und 1928 ein Zeitraum von 25 Jahren. Wenn im Jahre 1903 irgendein Ereignis stattgefunden hat, so kann im laufenden Jahre rückschauende Erinnerung feststellen, daß bereits ein Vierteljahrhundert seit jenkm Ereignis verstrichen ist. Wenn jenes Ereignis solcher Art ist, daß man sich daran mit Genugtuung erinnert, oder wenn das betreffende Vorkommnis etwas prinzipiell Neues bedeutete, das einen besonderen Zeitabschnitt eröffnete, so erscheint es selbstverständlich, daß man zur Erinnerung an jenes Geschehnis irgendeine Feier veranstaltet, Reden hält und dem Bewußtsein der Mitlebenden vorhält, was vor zweieinhalb Jahrzehnten geschehen ist. Wenn aber jenes Geschehnis ein regelmäßig wiederkehrendes ist und überdies geeignet erscheint, nur traurige Erinnerungen wachzurufen, so übergeht man stillschweigend, daß seit jener Zeit eine Anzahl von Jahren vorübergegangen ist, die sonst zum Anlaß genommen wird, einen Gedenktag anzuberaumen oder ein Jubiläum zu feiern. Vor 25 Jahren fand in Kischenew der erste größere Judenpogrom im zwanzigsten Jahrhundert statt. Dieser Kischinewer Pogrom war nicht der erste im zaristischen Rußland; er hatte blutige Vorgänger in den achtziger Jahren: er war auch nicht der letzte, denn er hatte schreckliche Nachfolger in den Jahren 1905 und 1906 und später in der Schreckensepoche von 1919 und 1920. Somit stellte er für die Juden leider nichts AußergeT wohnliches dar. Nur dank dem Umstande, daß im Jahre 1903 der allgemeine Nachrichtendienst der Weltpresse bereits ganz zeitgemäß organisiert war, gelangte die Kunde von den Vorkommnissen in Kischinew in raschester Zeit in die ganze Welt und erregte Aufsehen. Auch war bereits ein Jahrzehnt der modernen jüdischen Nationalbewegung verstrichen, und diese sorgte dafür, daß das öffentliche Bewußtsein, soweit es auf derartige Schreckenserreignisse zu reagieren gewillt ist, aufgerüttelt werde. Im übrigen jedoch ist der Kischinewer Pogrom nur einer von den zahlreichen Pogromen in Osteuropa gewesen, und es ist darum begreiflich, daß jetzt nach 25 Jahren in der jüdischen Öffentlichkeit keine besonderen Veranstaltungen getroffen werden, um den Gedenktag des Pogroms von Kischinew in besonderer Art zu begehen. Dieses Verhalten der Judenheit scheint die rumänischen Studenten irritiert zu haben. Als intelligente Menschen, die in höheren Schulen Geschichte gelernt haben und Sinn für historische Ereignisse besitzen, fühlten sie sich verpflichtet, das Gedächtnis der Juden aufzufrischen. Und so veranstalteten sie vor einigen Tagen in Kischinew einen regelrechten Pogrom, der sich in seiner Durchführung keineswegs vor dem Pogrom im Jahre 1903 zu verstecken braucht. War die Mehrheit der Pogromveranstalter im Jahre 1903 zum größten Teile aus dem Abschaum der Reaktion zusammengesetzt und Kruschewan, der geistige Führer jener Pogrombewegung, kein akademisch graduierter Intellektueller, so ist das jetzt anders. Die Pogromisten von 1928 sind Akademiker und verzichten bei der Durchführung von Pogromen auf die Unterstützung des Straßenpöbels. Sie pogromieren in eigener Regie und mit eigenen Kräften. Darin unterscheidet sich die Judenhatz von 1928 von der im Jahre 1903. Im übrigen aber hat sich für die Betroffenen, nämlich die Juden, seit jener Zeit prinzipiell gar nichts geändert. Und trotzdem hätte man meinen müssen, daß die ungeheuren Vorkommnisse, die sich in den letzten Dezennien abgespielt haben, doch die Situation der Juden hätten wandeln müssen. Was drängte sich nicht alles in dem Ablauf der letzten Jahre zusammen! Starke soziale Bewegungen, der Gedanke der nationalen Autonomie, der größte aller bisher vorgekommenen Kriege, der Sturz der drei mächtigsten Dynastien in Europa, die Promulgierung der nationalen Minderheitsrechte, die Proklamation des Selbstbestimmungsrechtes, die 14 Punkte Wilsons, der Völkerbund in Genf, ein mächtiger bolschewistischer Staat, eine ungeheure Fülle von technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, das Bild der ganzen Welt und besonders Europas hat sich in den letzten Jahren in einem Maße geändert, wie in früherer Zeit nicht im Verlaufe von vielen Jahrzehnten. Nur eines ist gleichgeblieben: das Verhältnis der Völker zu den jüdischen Minderheiten, die in den einzelnen Ländern leben. An diesem Gegensatz und seinen Auswirkungen scheint die letzte Zeit spurlos vorübergegangen zu sein. Was schert die rumänischen Studenten der Völkerbund in Genf, was kümmern sie die schönen Worte von Menschlichkeit und Gleichberechtigung für jede Kreatur, was interessieren sie die feierlich geschworenen Friedensverträge und Verfassungen? Das alles war gut genug, um Rechte für sich zu beanspruchen, nicht aber verbindend, um gleiches Recht auch den jüdischen Mitmenschen zuzuerkennen. Der vorwöchige Pogrom in Kischinew ist eine traurige Jubiläumsfeier. Die Juden der ganzen Welt sollten dieses Vorkommnis zum Gegenstand ernster Betrachtungen machen. Denn er beweist, daß das Judenproblem geradezu unabhängig ist von geschichtlicher Entwicklung und von geistigen und moralischen Errungenschaften der europäischen Menschheit. Bis zum Überdruß muß man es immer wiederholen, daß diese Judenkrankheit ein Leiden ganz eigener Art ist und nur mit Mitteln behandelt werden kann, die spezifisch auf diese Krankheit zugeschnitten sind. Täglich lehren uns Vorkommnisse in Ost und West, daß die bisherigen Methoden und Hoffnungen, der Judenfrage Herr zu werden, völlig versagt haben. Es ist höchste Zeit, daß die Juden der ganzen Welt erkennen, daß es auf dem