Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103081-9156861--08165-9080900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das Jüdische Echo Nummer 2 13. Januar 15. Jahrgang Doktor Wieners kritische Reise durch Palästina Von Dr. Elias.Straus Der Central verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in seiner gegenwärtigen Leitung sieht in dem Aufbau des jüdischen Palästinas eine Gefahr für die Gleichberechtigung der deutschen Juden und hat daher seit Jahren den Kampf gegen die zionistische Idee und gegen das finanzielle Instrument des Palästina-Aufbaus, den Keren Hajessod, in sein Arbeitsprogramm aufgenommen, seine Presse und seine Funktionäre in den Dienst dieser Aufgabe gestellt. — So ist der Centralverein, der immer noch prätendiert, eine Gesamtvertretung aller deutschen Juden zu sein, welcher religiösen und politischen Richtung sie auch angehören mögen, bestimmt zum Sfchutz unserer bürgerlichen Gleichberechtigung und zur Abwehr der Angriffe von außen, leider ganz im Gegensatz zu dieser Behauptung eine innerjüdische Kampforganisation geworden, der gewichtige Teile des deutschen Judentums deshalb fernbleiben oder den Rücken gekehrt haben. Für den Centralverein steht neben dem Kampf gegen den Antisemitismus als zweite gleichwertige Aufgabe die Bekämpfung des Zionismus, d. h. seiner jüdischen Anhänger in Deutschland — gegen den englischen und amerikanischen Zionisten hat man, wie auch die Wienersche Schrift zeigt, wenig einzuwenden; man sagt ihnen sogar freundliche Worte —. Nicht alle Mitglieder — selbst nicht alle führenden Personen — im Centralverein sind mit dieser Politik einverstanden, und wir möchten unserseits die Hoffnung nicht aufgeben, daß im Centralverein künftig auch einmal die andere Richtung zur Herrschaft gelangt, die weniger ängstlich als die gegenwärtige, die Verteidigung unseres guten Rechtes als Bürger unseres deutschen Heimatlandes nicht erkaufen zu müssen glaubt durch einen Verzicht auf die ideelle und materielle Mitarbeit an dem großen jüdischen Palästinawerke. Vielleicht wird dieser Umschwung erleichtert durch die Wirksamkeit des deutschen Pro-Pälästina-Komitees, an dessen Spitze führende Männer der deutschen Politik und Wirtschaft stehen, Nichtjuden, aber Freunde und Förderer der jüdischen Palästina-Arbeit, von denen man doch annehmen sollte, daß ihr Herz fürs deutsche Vaterland ebenso warm schlägt, wie das der Herren vom Centralverein, und die nicht den mindesten Anstoß daran nehmen, mit den Zionisten zusammen für die Verwirklichung des Palästina-Aufbaus zu arbeiten. Aber das sind Zukunftsträume! Vorerst will der Centralverein den Kampf und nötigt darum auch denjenigen in unseren Reihen die Waffen zu ergreifen, der es vorzöge, die jüdischen Kräfte zu gemeinsamer fruchtbarer Arbeit im Innern und nach außen zusammenzuschließen. Als ein Mittel in diesem seinem Kampf gegen den jüdischen Palästina-Aufbau ist die in der Überschrift genannte Broschüre anzusehen, die von dem Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener, als Ergebnis einer im Frühjahr 1926 unternommenen Reise und eines fünfwöchigen Aufenthaltes in Palästina herausgegeben wurde. Dr. Wiener stellte vor Antritt seiner Reise fest, daß die vorhandene Palästinaliteratur „tendenziös“ sei —, „ ..., so daß wir uns ein objektives Bild vom Aufbau Palästinas ... nicht machen können“ und er verspricht in seinem Bericht nunmehr die fehlende objektive Schilderung zu geben. Ist dies Versprechen ehrlich gegeben? Und wird es gehalten? — Wir können diese Frage nicht anders als mit einem klaren „Nein“ beantworten. Die Wienersche Schrift ist eine geradezu typische Tendenzschrift. Ihre Tendenz ist die Rechtfertigung der antizionistischen und Keren Hajessod feindlichen Stellung des Centralvereins. Schon die „E i n f ü h r u n g“ bringt die antizionistische Resolution des Centralvereins- Hauptvorstandes im vollen Wortlaut und die sie billigende Beschlußfassung der Hauptversammlung mit genauem Datum und Abstimmungsergebnis, und Wiener schließt seine Arbeit mit einem Abschnitt, der überschrieben ist; „Und warum sind wir jüdische Deutsche gegen den zionistischen Palästina-Aufbau?“ Hier wird festgestellt, daß „die Haltung des Centralvereins gegen die Beteiligung am Keren Hajessod und seine Beschlüsse durchaus zutreffend waren“. In einer pathetischen Beteuerung unserer Zugehörigkeit zum Deutschtum — „Reißen wir uns aus unserem deutschen Volke heraus, so geht uns unser Judentum zugrunde!“ — klingt die Arbeit aus. Der Ton ist nicht ganz fremd und nicht ganz neu. Was aber soll diese Musik in der „objektiven“ Schilderung des Palästina-Aufbauwerks? Nun, Herr Wiener kann das Instrument, das er ständig zu spielen pflegt, eben nicht aus der Hand gebem — Um seine patriotische Geste zu rechtfertigen, unterschiebt er dem Zionismus, er habe sich „das Ziel gesteckt, aus der Heimstätte den künftigen jüdischen Nationalstaat allmählich zu formen“; er habe „alles darauf angelegt, in die nationale Heimstätte alle Juden der Welt politisch und ' hebräisch-kultürell einzubeziehen“, oder er „erhebe von sich aus den Anspruch, den neuen jüdischen Staat verbindlich für alle Juden der Welt darzustellen“. — Was sollen diese vieldeutigen verschwommenen Ausdrücke? Weiß Herr Wiener nicht, daß schon der erste Baseler Kongreß in sein Programm den „Judenstaat“ nicht aufgenommen hat und die „Heimstätte“ nur denen bieten will, „die sich in ihren Heimatländern nicht assimilieren können oder wollen“? Nicht überall in der Schrift tritt die „Tendenz“, die durch Einleitung und Schluß ganz eindeutig festgelegt ist, so unverhüllt zutage. Der Verfasser hat eine ihm eigene, geradezu raffinierte Art, sich den Anschein des unparteiischen Beobachters zu geben, indem er in seine „Kritik“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.