Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 1 6. Januar 15. Jahrgang Kurt Hiller und Chafmke Von Felix W e 11 s c h In der letzten „Weltbühne“ schreibt in einem Artikel „Despotie am Njemen“ Kurt Hiller über Litauen. Der Schluß dieses Artikels ist der Judenfrage gewidmet, freilich in einer etwas subjektiven, aber leider doch sehr typischen Form. Wir lesen: Als Deutscher judäischen Geblüts muß ich der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß Juden in Litauen mich auf das schändlichste und roheste begaunert haben, während alle Litauer, mit denen ich in geschäftliche Berührung kam, sich korrekt benahmen. Ich will nur den Fall Chaimke erwähnen. Chaimke, Besitzer eines Autobusses, teilte mir mit: Fahrt von Kowno nach Mariampol und zurück fünf Lits pro Person und Strecke; Fahrtdauer je anderthalb Stunden; um 2 Uhr von Kowno ab, um 6 Uhr ab Mariampol zurück Ich bezahlte ihm in Kowno die Hinfahrt voraus; zehn Lits für mich und meinen Begleiter. Schon unterwegs ermeckerte Chaimke, ein schwerer Schlächtertyp, Trinkgeld; er bekam einen Lit, in Mariampol ein Weinglas voll Wodka, ein zweites für seinen angeblichen Bruder, der dort plötzlich aufgetaucht war und sich anhing. Um 6 Uhr, als wir den Bus wieder besteigen wollten, forderte Chaimke statt der vereinbarten zehn Lits dreißig Lits; „für zehn Lits soll ich Sie fahren nachts von Mariampol nach Kowno?!“ Alles Verhandeln nutzte nichts; wie uns, so suchte er auch eine litauische Dame, einen Soldaten, einen jungen Offizier zu erpressen. Da wir alle ablehnten, den phantastischen Preis zu entrichten, befahl er dem Lenker, den Wagen statt nach Kowno in die Garage von Mariampol zu fahren. Da standen wir nun abends in eisiger Kälte auf dem Marktplatz des fremden Städtchens, ohne Übernachtungszeug, Seife und Zahnbürste; eine Autodroschke nach Kowno wäre unerschwinglich gewesen; Züge verkehrten nicht mehr; ein litauischer Bursche gab uns den Rat, den um 7 Uhr abfahrenden Autobus nach Wilkowischki zu benutzen; entgegengesetzte Richtung, ungeheuerer Umweg; aber dort würden wir gerade noch den Berlin-Riga-Expreß erreichen und um Mitternacht in Kowno sein. So geschahs; es kostete nicht ganz soviel, wie Chaimke gefordert hatte; dafür erlebten wir in Wilkowischki einen neuen Chaimke, der den alten schlug; einen jüdischen Kutscher, der uns, als wirs eilig hatten, im Kreise herumfuhr und fünfmal hielt, nur um einen höheren Preis zu erpressen als den vereinbarten; in finsterer, finsterer Nacht. Zweierlei weiß ich: Erstens: Wenn übermorgen in Litauen doch ein Pogrom ausbricht, wird Chaimke daran schuld sein. Gebrandschatzt, erschlagen werden natürlich Unschuldige. Zweitens: Nichts ist so blödsinnig wie der panjüdische Nationalismus. Ich leugne jede völkische Gemeinschaft oder Verwandtschaft zwischen diesem ludenhaften Feldwebel-Jobber Chaimke und mir. Mein Begleiter — ein arischer Deutscher — und ich: wir waren ein Herz, eine Seele, eine Wut und eine Rasse gegen diesen Mistfinken, dessen ich mich nicht einmal schämte — so blutfremd war er mir. Er war dem korruptesten, rohesten russischen Juchtentyp aus der Zarenzeit assimiliert — wenn er auch jiddisch sprach; feitle Synthese. Die verschiedenen Splitter der Judenheit sind seit fünfzig und mehr Generationen durch Welten getrennt und haben miteinander unendlich viel weniger gemein (trotz Erblehre) als jeder von ihnen mit dem Volk, Stamm oder Typ, mit dem er in Symbiose lebt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Gegenüber den Litauern in Litauen habe ich mich als Kon-Europäer, gegenüber den Juden in Litauen als Deutscher gefühlt. Und dies war ein Erlebnis; und die Erhärtung einer schon älteren Erkenntnis. Sie läßt sich, meine Herren Zionisten, nicht erweichen. Kurt Hiller ist aktivistischer Rationalist; ein gescheiter und mutiger Mensch; ein Mann, dessen Aufsätze man mit wirklich geistiger Freude liest; Typus eines Schriftstellers, dessen Wirken jeder gute Europäer und jeder gute Jude anerkennen und werthalten muß; die Ratio, die reine Vernunft ist seine Liebe, und die Tat aus Vernunft ist seine Leidenschaft. Kurt Hiller ist Antizionist. Hier, in diesem Falle aber, hat er sich offenbar von seiner Abneigung gegen den Zionismus in eine Sackgasse führen lassen, in der wir ihn nicht gesucht hätten. Dieses ärgerliche Erlebnis mit einem jüdischen Gauner als Kriterium dafür zu benützen, wie wenig man doch zu dieser jüdischen Volksgemeinschaft gehört — das ist ein arges Stück. Nein, lieber Kurt Hiller, dieses Kriterium ist unbrauchbar. Es könnte Ihnen sonst passieren, daß Sie der nächste deutsche Raubmörder veranlaßt, auch dem Deutschtume den Rücken zu kehren, oder daß Sie sich, da es doch so viele — von Ihnen mit Recht gehaßte — Kriegshetzer unter den Menschen gibt, aus der Menschheit überhaupt ausschließen. Die Bösen gehören zu uns, zu uns Menschen, und unsere jüdischen Spitzbuben zu uns Juden, und es ist eine lächerliche Art, Vogel- Strauß-Politik, um ihretwillen sich von irgendeinem Wir-Bewußtsein befreien zu wollen. Einem anständigen Menschen sind alle Spitzbuben fremd, das ist aber keine nationale Kategorie; und wird einem so übel mitgespielt, wie Kurt Hiller von Chaimke, so darf man auf ein solches Subjekt eine richtige Wut bekommen; aber es ist kein Anlaß, der Nation zu kündigen und aus dem Volke auszutreten. Sie haben, lieber Kurt Hiller, gemeint, daß Ihnen dieser jüdische Chaimke und die besondere widerliche Art seiner Schurkerei ein neues, willkommenes Kriterium für Ihre Nicht-Zugehörigkeit