Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 46 18. November 14. Jahrgang Welzmann - Die jüdische Welt — soweit sie für die Zukunft des Judentums und seine Fortentwicklung zu einem höheren und freieren Dasein zu empfinden vermag —■, hat in den letzten Tagen die zehnjährige Wiederkehr des Erlasses der Balfour- Deklaration gefeiert, oder wenn sie es vielleicht auch bisher noch an der Feier fehlen ließ, so hat sie doch die Bedeutung dieses Ereignisses, die wir immer noch nicht ganz erfassen können, da wir ihm noch zu nahe stehen, zu würdigen versucht. Über die Vorgeschichte der Balfour-Deklaration ist schon manches erzählt worden, und gerade in diesen letzten Tagen sind auch Dinge berichtet worden, die bisher unbekannt waren; man muß aber annehmen, daß doch vieles Entscheidende und Wesentliche noch ungesagt blieb. Und man weiß, daß nur einer es sagen könnte, daß. nur einer imstande wäre, den ungeheuren Kampf und Sieg einer Idee, die damals überhaupt nicht über reale Macht in irgendwelcher Beziehung verfügte, darzustellen — nur der Mann, dessen Anstrengung und Einsatz die Balfour-Deklaration zum größten Teile zu verdanken ist — Chaim W e i z m a n n , der Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Wie man sich auch zu Weizmann stellen mag, ob man Zionist ist oder Nichtzionist, ob man seine politische Einstellung in zionistischen Dingen teilt oder nicht, ja sogar, wenn man ihn bekämpft, immer wird man zugeben und anerkennen müssen, daß Weizmann schon um dieser historischen Leistung willen die bedeutendste Persönlichkeit des modernen Judentums ist. Wollte man den Versuch unternehmen, all das zu schildern, was Weizmann in den letzten zwölf Jahren für das jüdische Volk und seine Wiedergeburt getan hat, wollte man beschreiben, wie er zunächst mit einem kleinen Kreis Getreuer sich für die Erlangung der Balfour-Deklaration, dann um ihre Anerkennung und Bekräftigung durch ähnliche Deklarationen anderer Mächte, um das Palästinamandat und seine Bestätigung in San Rerno eingesetzt hat, wie er von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Verhandlung zu Verhandlung und von Versammlung zu Versammlung reiste und noch reist, um überall die Juden zur Mitarbeit an dem großen Werke aufzurufen, wie er bald hier, bald dort, bald mit Amery, bald mit Mussolini politische Unterhandlungen führt, den Zionismus nach außen und innen repräsentiert, für die Jewish Agency, den Keren Hajessod wirbt, in Palästina als Schiedsrichter zwischen Arbeiterparteien und der Verwaltung auftritt — wollte man all das auch nur näherungsweise chronologisch darstellen, ein Buch würde kaum genügen. Auch Weizmann ist nicht alles geglückt, was er sich durchzuführen vorgenommen hatte — er hat so manche Hoffnung begraben müssen und manche Enttäuschung erlebt, aber seine starke, unvergleichliche Wirkung, das Geheimnis seiner der Führer großen Erfolge und seiner Führerschaft besteht eben darin, daß er sich durch nichts entmutigen läßt, durch keine Ablehnung, durch kein technisches Hindernis, wie es ihrer leider so viele gibt —■ auch nicht durch die augenblickliche Krise in Palästina, die ja selbst vielleicht nichts anderes ist als ein technisches Hindernis. Die schwierige Lage der jüdischen Aufbauarbeit, hervorgerufen durch eine überstürzte, plan- und ziellose Einwanderung, verstärkt durch die plötzlich einsetzende Krise in Polen und durch eine vielfach verfehlte Politik der englischen Mandatsverwaltung — die nun hoffentlich bald und gründlich revidiert wird, — erforderte natürlich die besondere Aufmerksamkeit Weizmanns. Nach dem 15. Kongreß begab er sich denn auch gleich nach Palästina, um dort die Durchführung des in Basel beschlossenen Konsolidierungsprogramms einzuleiten und die Übernahme der Geschäfte durch die neue Palästina-Exekutive vorzubereiten. Allein durch seine Anwesenheit konnten manche komplizierten Angelegenheiten, wie etwa die der Arbeitslosenfürsorge geregelt und für andere, wie das Schulwesen eine Lösung wenigstens angebahnt werden. Wenn Weizmann sich nun heute wiederum auf eine große Reise begibt, die ihn von England, wo er gerade an dem großen Balfour-Bankett teilgenommen hat, nach Deutschland, Österreich und Rumänien führt, so gilt auch hierbei seine erste Sorge Palästina. Die Kolonisationsarbeit bedarf zu ihrer endgültigen Fundierung und zu einer gedeihlichen Entwicklung andauernd einströmender Kapitalien, deren größter Teil durch das finanzielle Instrument der kolonisatorischen Arbeit, den Keren Hajessod bereitgestellt werden muß. Alle Juden, die erkannt haben, daß die Aufgabe des Palästina-Aufbaues das große und zukunftsgestaltende Werk des gegenwärtigen Judentums ist, an ihre Pflicht diesem Werk gegenüber zu erinnern, alle jene, die das noch nicht wissen, zu positiver Mitarbeit aufzufordern und in großen Kundgebungen den jüdischen Willen zur Aufbauarbeit neu zu organisieren, diese dadurch auf eine neue Grundlage zu stellen, das ist das Ziel, das sich Weizmann mit seiner Reise gesetzt hat. Und er wird es, wie wir zuversichtlich hoffen, erreichen. Denn unerschütterlich ist sein Optimismus und seine Begeisterung, unbeirrbar sein Glaube an die Wahrheit und Größe der zionistischen Idee, an die Kraft der zionistischen Hingabe — aber auch unerreicht die treue Pflichterfüllung, mit der er seit Jahren unermüdlich sein Leben dem Dienste dieser Idee und ihrer Verwirklichung weiht. Und so ist dieser „Jude aus Pinsk“ ein leuchtendes Beispiel für alle Juden und obwohl, vielleicht aber auch, weil er nur mit geistigen Waffen kämpfen kann, der von der ganzen Kulturwelt anerkannte jüdische Staatsmann und Führer. Chaim Weizmann kommt, nachdem er Hamburg, Berlin und Leipzig besucht hat. am nächsten