Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 41 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo % Nummer 41 14. Oktober 14. Jahrgang Der Schwarzbart-Prozeß Vor einigen Tagen hat der Nestor der jüdischen Historiker, Prof. Simon Dubnow, in einem erschütternden Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit — den wir in dieser Nummer veröffentlichen — gegen die Interesselosigkeit geschrieben, die sich in bezug auf den in einigen Tagen, am 18. Oktober, in Paris beginnenden Prozeß gegen Schalom Schwarzbart gezeigt hat. Professor Dubnow erinnerte an den Beilis-Prozeß, der in jener Zeit bei der Judenheit der gesamten Welt allerstärkste Teilnahme fand, obwohl die jüdische Öffentlichkeit gerade um jene Zeit an Ritualmord-Prozesse leider gewöhnt war. In Paris, im Herzen der Weltkultur, aber soll zum ersten Male vor dem Forum der gesitteten Welt nicht den Juden, sondern den Veranstaltern der scheußlichsten Pogrome aller Zeiten der Prozeß gemacht werden. In diesem Sinne unterscheidet sich das Drama, das in einigen Tagen in Paris abrollen soll, grundsätzlich von den berühmten Judenprozessen in den letzten Jahrzehnten. Der Hilsner-Prozeß in Polna, der Prozeß in Damaskus, der Prozeß in Tisza Eszlar in Ungarn, der Beilis-Prozeß und schließlich der Steiger-Prozeß in Lemberg waren Prozesse zur Verteidigung der jüdischen Gesamtheit, die in einzelnen jüdischen Angeklagten getroffen werden sollte. Es handelte sich in allen diesen Fällen um Abwehr, und es ist erstaunlich, daß die jüdische Öffentlichkeit geschlossen oder nahezu geschlossen auftrat, als sie sich verteidigen sollte. Die Juden haben eben in achtzehnhundertjährigem Golus ein passives Heldentum gelernt und dieses betätigte sich im Leiden und in der Abwehr. Der Pariser Prozeß ist seinem Wesen nach kein Abwehrprozeß, und es handelt sich in Paris nicht darum, Schalom Schwarzbarts Tat als solche zu entschuldigen oder gar darum, von dem Haupte Schwarzbarts jede Strafe abzuwenden. In Paris sitzt nicht das gesamte Judentum in der Person Schalom Schwarzbarts auf der Anklagebank, wiewohl Schwarzbart der Angeklagte ist. In Paris handelt es sich darum, Verbrecher schlimmster Art, die Arrangeure der blutigsten Metzeleien, die jemals in Europa gegen friedliche unschuldige Menschen verübt wurden, den Urteilsspruch der gesitteten Menschheit zu überantworten. In Paris sollen die Juden nicht in der Rolle der sich Verteidigenden, sondern in der Rolle der Ankläger auftreten. Und da ist es merkwürdig, daß die berühmte jüdische Einheitsfront, die sich leider nur immer dann herausbildet, wo es gilt sich zu entschuldigen, so schwer herzustellen ist. Diese Beobachtung, die Dubnow zwischen den Zeilen in seinem Aufrufe macht, ist betrüblich. Das jüdische Volk hat in den letzten Jahren, wie wir immer geglaubt haben, innerlich eine ungeheure Umwandlung erfahren. Aus Entrechteten und Versklavten haben sich die Juden in formale Gleichberechtigte gewandelt. Wir haben nun angenommen, daß die formale Gleichberechtigung, die die Juden in fast allen Ländern der Welt genießen, schließlich den Effekt haben wird, daß die Juden auch innerlich frei werden und sich nicht mehr ewig mit der Rolle von Demütigen und sozusagen dafür um Entschuldigung Bittenden begnügen werden, daß sie überhaupt leben. Wir haben geglaubt, daß die Juden dank der Einwirkung der jüdischen Renaissance schon soweit gekommen sind, daß sie die ihnen gewährte Gleichberechtigung nicht als Geschenk betrachten, sondern als freie Menschen gleiches Recht fordern und aufhören, sich nur zu verteidigen, sondern einmal auch den Spieß umkehren und ihre Bedrücker frei und stolz anklagen. Es scheint, daß diese Meinung voreilig war. Nur allmählich ist ein Volk imstande sich innerlich zu wandeln. Der Prozeß in Paris sollte geradezu ein Prüfstein sein dafür, ob die Juden schon' soweit herangereift sind, nicht nur ewig Objekte des Geschehens zu sein, sondern als freie Menschen ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und stolz als innerlich Gleichberechtigte Genugtuung für erlittenes scheußliches Unrecht zu verlangen. Anstatt dessen muß man leider feststellen, daß es in der ganzen jüdischen Welt in bezug auf diese Angelegenheit viel zu viele gibt, die zögernd und zaudernd ihr Wenn und Aber vorzubringen wissen. All diesen Leuten sei nachdrücklich gesagt: man muß in dem Schwarzbart- Prozeß die Dinge ganz scharf auseinanderhalten. Kein Jude, gerade der innerlich freieste nicht, kann die Tat Schwarzbarts billigen. Und wenn Schwarzbart vor dem Attentat sich bei irgendeinem Juden, gehöre er welcher Partei immer an, Rat geholt hätte, so hätte der um Rat Gefragte die Möglichkeit eines Attentats weit von sich gewiesen. Im Denken und Fühlen aller Juden ist Gewalt, Totschlag und' Mord kein Argument. Darüber sind sich alle einig. Die Tat als solche ist nun aber geschehen, und es wird keinem Juden einfallen, für Schwarzbart eine andere Beurteilung zu verlangen als Attentäter in der ganzen Welt für ihre Attentate finden. Der Kampf der Verteidigung Schwarzbarts in Paris ist also keineswegs darauf gerichtet, den Mord an Petljura zu entschuldigen. Der Zweck der Verteidigung ist, diese Tat begreiflich zu machen und der Welt die Augen zu öffnen, daß sie in ihrer Mitte Leute duldet, die noch in weit höherem Maße schuldig sind, als es Petljura gewesen ist. Noch heute genießen in den Weststaaten Europas Menschen, wie Denikin, Wrangel, Machno und die vielen anderen unbehelligt Asylrecht, und keinem Verbände für Kultur, Menschlichkeit, keiner Liga für Menschenrechte ist es bis heute eingefallen, die Namen dieser Verbrecher öffentlich zu brandmarken und diese Menschen zu ächten. Der Prozeß in Paris soll die öffentliche Meinung der Welt auf diese Unterlassungssünde aufmerksam machen. In Paris soll nicht Schwarzbart, sofern er Strafe verdient, der Strafe entzogen werden. Es soll auch nicht das Andenken Petljuras mehr als gerecht und notwendig ist, geschmäht werden. Vor den Pariser Assisen soll weder das ukrainische noch das rus-