Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- Seite 580 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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580 Nr 36 Das Jüdische Echo Reihen. Ihre Banner sind im Kampfe zerfetzt und verbrannt, aber immer stolzer und höher erheben sie sich nach jedem Sieg oder nach jeder schmerzlichen Niederlage und tragen weiter den heiligen Ruf der nationalen Wiedergeburt. Groß ist die Tragödie des russischen Judentums! Aber noch größer ist seine Einsamkeit. Die gesamte zionistische und jüdische Öffentlichkeit schweigt. Es schweigt die Zionistische Organisation, und sie sieht untätig zu, wie der rote Wahnsinn den lebendigen Körper des russischen Judentums verhöhnt und mordet. Es soll von der Tribüne des Baseler Kongresses die mächtige Stimme des Protestes und der Empörung erschallen. Es muß eine politische Weltprotestaktion gegen die rote Inquisition der Sowjetregierung und ihrer dienstfertigen Lakaien, der Jewsekzia, unternommen werden. Es muß eine Weltaktion zur Schaffung eines Hilfsfonds für die gefangenen und verbannten Zionisten Sowjetrußlands vorbereitet und durchgeführt werden. Feuilleton Eine historische Sitzung des Zionistenkongresses Die Gedenkfeier an den 1. Zionistenkongreß im Baseler Stadtkasino Mag sein, daß die große Vorliebe der Kongreßteilnehmer für die festliche Eröffnungssitzung — viele kommen nur ihretwegen — der begreiflichen, verzeihlichen Sehnsucht nach Augenblicksbefreiung von den zionistischen Alltagssorgen entspringt. Der glanzvolle Festakt, das Einströmen von Juden, bedeutenden Menschen, markanten Köpfen aus allen fünf Weltteilen, die drei Hammerschläge, der Einzug der zionistischen Exekutive bei aufflammender Festbeleuchtung und die Kundgebung, die er auslöst, die Eröffnungsrede, die Begrüßung der Regierungsvertreter fast aller Staaten Europas —- diese Mischung von Festgepränge und „Weihe der Stunde“ ergibt ein berauschendes Narkotikum nach zwei Jahren zermürbender, von unsäglichen Anstrengungen erfüllter, von Enttäuschungen und Schicksalsschlägen gehemmter Aufbauarbeit in Palästina und dem politischen, propagandistischen, wirtschaftlichen Zionswerke in der Diaspora gewiß verstattet, ja nötig. Aber ein Narkotikum. Anders zu werten ist der Gedenkakt, der heute die Verhandlungen des Kongresses mitten in der heißen, leidenschaftlichen Generaldebatte unterbrach, die Kongreßteilnehmer aus dem vortrefflich angelegten, aber nüchternen Zweckbau der Baseler Mustermesse in den alten adeligen Saal des Kasinos, aus dem Industrieviertel in die wunderschöne Altstadt Basel an die historische Stätte rief, in welcher der Kongreßzionismus geboren wurde. Es war — ich muß es so niederschreiben, wie ich’s fühle, und man verzeihe dem Berichterstat¬ WASCHANSTALT THALKIRCHEN Telephon 72718 Emil-Geis-Straße 22 73583 Spezialität: Kragen Manschetten Oberhemden Blütenweiß durch Rasenbleiche FI LI RLE N: Herrnstr. 48, Lindwurmstr. 46, Bergmannstr. 66 ter die Überschwenglichkeit — ein gesegneter Vormittag. Er wird allen, diean ihm teilnehmen durften, unvergeßlich bleiben, wie die Eröffnung des ersten Zionistenkongresses den Zeugen unvergeßlich blieb. Der Genius loci hat einigen Rednern dieser Gedenksitzung Gelegenheit gegeben, zu sagen, was die Arbeitsfreude neu beflügelt, die Zuversicht stärkt, die Seele von aller Bangigkeit befreit. Ich weiß, sie wird Früchte tragen, diese herzinnige Feier im Baseler Kasinosaal. Auf dem Wege über die alte Rheinbrücke, an dem herrlichen Rathaus vorüber, quer über den lebensvollen Markt- und unvergleichlich schönen Barfüßerplatz zum Kasino sah ich zum ersten Male das Antlitz von Basel. Wir waren ja alle bisher durch unsere Arbeit an den engen Bezirk rings um die Mustermesse gebunden. Ein Neupalästinenser — seine Jugend verlebte er in Galizien — verweilte mit mir einen Augenblick am Rheinufer, dem man nicht mehr anmerkt, daß es einst stromabwärts mit jüdischem Blut getränkt war. „Damals zogen sie vom Rhein nach Polen, nahmen von hier das Idiom mit und haben deutsches Sprachgut von damals in der Abgeschlossenheit der ,Gasse4 bis zum heutigen Tage im Jiddischen aufbewahrt. Merken Sie, wie sich die Ostjuden weit besser mit der Bevölkerung verständigen als die westlichen Zionisten? Als ich einen Schaffner — ohne Absicht, durch seinen Tonfall veranlaßt — fragte? ,Wieviel is der Seiger?4, zog er die Uhr und ich kriegte prompt Bescheid.“ Und eine kleine Begebenheit, geschehen eine Stunde vor dieser Gedenksitzung am Barfüßerplatz, wert, festgehalten zu werden. Drei Freunde traten zu einem Marktstand, um Obst zu kaufen. Die alte Frau sah die zionistischen Knopfabzeichen und fragte, während sie Trauben zuwog, ob der schöne Mann mit dem schwarzen Bart auch wieder gekommen ist... Man hat ihn auch in Basel nicht vergessen. Wir, die wir Basel unendlich viel zu danken haben, freuen uns, daß unsere Bewegung ein wenig von der unverjährbaren Schuld des jüdischen Volkes an die alte Rheinstadt abtrug, indem sie ihren Ruhm als gastlichen Kongreßort gründete, und betreten den Saal, zu welchem damals die Fahnen der vorüberziehenden Baseler Bürger emporwinkten. Die neue jüdische Jugend — tatsächlich: Triarier, wie sie Herzl meinte — heften uns das offizielle Abzeichen des ersten Zionistenkongresses an, hergestellt mittels der Originalstanze vom Jahre 1897, und verteilen eine