Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 36 9. September 14. Jahrgang Der Zionistenkongreß Im Mittelpunkt aller jüdischen Interessen der Welt steht in diesen Tagen der Zionistenkongreß in Basel. Der Zionismus ist der Versuch, die jahrtausendalte Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Rückkehr in sein Heimatland zu erfüllen. Dieser Versuch befindet sich im Stadium der Verwirklichung und die Zionisten haben mit allen Schwierigkeiten dieses Stadiums zu kämpfen, welche die Realisierung eines in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Unternehmens aufweist. Doch muß das Bemühen auf den Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina mit allen Kräften fortgeführt werden, denn es gibt für das jüdische Volk, das in unseren Tagen in einer so schwierigen Lage ist wie je seit der Zerstörung des jüdischen Reichs, keine andere Möglichkeit und keine andere Hoffnung. So ist es selbstverständlich, daß die Augen aller, deren Herz am Fortbestand des Judentums hängt, nach Basel gerichtet sind und daß sie alle begierig den Fortgang der Kongreßverhandlungen verfolgen. Unseren Lesern ist es sicherlich erwünscht, wenn wir unser Blatt während dieser Wochen in der Hauptsiche den Berichten vom Kongreß widmen. Der Kongreß spiegelt die ganzen ungeheuren Schwierigkeiten wider, mit denen das jüdische Volk in der Palästinaarbeit zu kämpfen hat. Die Juden sind mit Recht unzufrieden und machen ebenfalls mit Recht zum Teil England, das unsere Arbeit nicht genügend unterstützt und ermutigt, für den zu langsamen Fortschritt verantwortlich. Die Wortführer der Unzufriedenen wenden sich mit scharfer Kritik gegen Weizmann, dessen Führung sie Mangel an Energie vorwerfen. Leider hat aber die Opposition ihrer Kritik keine klaren positiven Vorschläge an die Seite zu stellen und die große Mehrheit des Kongresses glaubt mit Weizmann, daß uns zäh und stetig fortgesetzte Arbeit sowohl wirtschaftlich als politisch (und beides ist nicht voneinander zu trennen) vorwärtsbringen wird. Die Opposition hat auf diesem Kongreß keinen Erfolg, dies ist jetzt schon festzustellen, obwohl Jabotinsky die Aufmerksamkeit des Kongresses besonders genießt und obwohl seine Rede dank seiner außerordentlichen Redekunst zu den Höhepunkten des Kongresses zählt. Wie der Kongreß die wesentlichen, besonders die finanziellen Schwierigkeiten für die nächste Kongreßperiode regeln wird, ist im Augenblick noch nicht abzusehen, wenngleich im Jahr 1928 mit der Konstituierung der Jewish Agency gerechnet wird, so können wesentliche finanzielle Leistungen von dieser Seite zumindest vor Ende des nächsten Jahres nicht erwartet werden und mit weniger als mit 300 000 Pfund, sind die dringendsten Erfordernisse kaum zu decken, auch wenn es keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten gibt. Es ist aber deutlich, daß das Bemühen sowohl der „Regierungsparteien“ wie auch der Opposition auf Behebung der Krise gerichtet ist, unter deren Druck die Opposition sich viel gemäßigter gibt, wie etwa auf dem Wiener Kongreß. Die Entscheidung werden wie gewöhnlich die letzten Tage des Kongresses bringen, über welche wir unseren Lesern erst nächste Woche berichten können. R. Weizmanns H nt wort an die Opposition Herr Guedalla hat schon auf den Unterschied zwischen politischer Kleinarbeit und einer großzügigen politischen Tat hingewiesen. Ich kann mir jedoch nicht helfen. Wenn Herr Grünbaum gesagt hätte, was er unter einer politischen Tat versteht, so wäre ich imstande, ihm zu antworten, ob sie nach meiner Meinung möglich ist oder nicht.. Scheinbar als Antithese wurde von der Kleinarbeit gesprochen. Die Hauptsache ist, daß die Summe dieser kleinen Dinge einen Fortschritt bedeutet. Große politische Taten geschehen einmal in 20 oder 50 oder noch mehr Jahren Sollte es sich so wenden, daß vielleicht eine große politische Konjunktur entsteht, dann wird wahrscheinlich der politische Leiter, der dann die Geschicke der Bewegung leiten wird, eine große politische Tat vollbringen. Nach dem Beschluß von San Remo — ich weiß nicht, ob er zu den großen oder kleinen Taten gehört — sagte einer der führenden englischen Staatsmänner zu mir: „Die Welt wird jetzt einfrieren. Es wird nach dieser ungeheueren Aufrührung, die Ihnen eine besondere Konjunktur gebracht hat, eine Ermüdung eintreten, und Ihre Sache wird eine schwere Zeit durchzumachen haben. Die Welt sieht so aus, wie das baltische Meer vor einem Frost.“ Palästina und die Krim-Kolonisation Grünbaum machte einen Hinweis darauf, was eine Regierung tut, wenn sie wirklich helfen will. Er spielte da offenbar auf die Sowjet-Regierung an, die der jüdischen Kolonisation in Rußland Hilfe bringt. Ich ziehe die langatmige HilfederEngländer der raschen Hilfe der Sowjet-Regierung vor. Die Sowjet- Regierung pflanzt einerseits die Juden auf die Erde und anderseits hält sie dieselben unter der Erde in den sibirischen Kerkern. (Applaus.) Die Rolle des Leiters der Bewegung gegenüber der Mandatarmacht Niemand ist mit dem politischen Kurs zufrieden. Warum decken sie diesen politischen Kurs? Die Rolle des politischen Leiters der Zionistischen Organisation — und es ist gleichgültig, wer immer es sein wird — wird immer zum großen Teil darin bestehen, die zionistischen Wünsche gegenüber der Mandatarmacht zu interpretieren und umgekehrt, die Wünsche und Antworten der Mandatarmacht gegenüber der Zionistischen Organisation zu interpretieren. Und das ist eine unge-