Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · p. Seite 534

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
Seite 534 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103079-9156826--07945-9080681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

534 Das Jüdische Echo Nr. 33 faßte er den Strick an und ließ ihn nicht mehr los, bis sie fortging. Und er ging hinter ihr und so zog sie ihn immer weiter, bis sie zu einer Höhle kam. Die Ziege ging in die Höhle und er, der Bursche, hielt den Strick und ging der Ziege nach. So waren sie ein oder zwei Stunden, vielleicht ein oder zwei Tage gegangen, denn da ihm alles ganz neu war, merkte er nicht, wieviel Zeit verstrichen sein mochte. Da wedelte die Ziege mit dem Schwanz meckerte laut und die Höhle war zu Ende. Sobald sie aus der Höhle draußen waren, sah er hohe Berge und Hügel mit edlen Früchten, einen Brunnen mit frischem Wasser, das von den Bergen kam, und der Wind verbreitete Balsamgerüche aller Art, und die Ziege richtete sich an einem Baume auf, faßte seine Zweige und schon fiel honigschweres Johannisbrod herab, und sie aß von den Früchten und trank von der Quelle des Gartens. Der Bursche erhob sich und rief den Vorübergehenden zu: Ich beschwöre euch, gute Leute, saget mir, wo ich bin und welchen Namen dieser Ort hat. Man antwortete ihm: In Erez Israel bist du, in der Nähe von Saphet. Da wurde sein Herz von übergroßer Liebe zu der Stätte erfüllt, und er hätte nicht wieder von dort weg mögen. Er hob seine Augen zur Höhe und sprach: Gepriesen sei Gott, gepriesen sei Er, der mich nach Erez Israel gebracht hat. Er küßte den Boden und setzte sich unter den Baum. Er sprach: Bis der Tag verhaucht und die Schatten fliehen, will ich so sitzen auf dem Berge, unter dem Baum, dann werde ich nach Hause gehen und meinen Vater nach Erez Israel bringen. Aber es war gerade der Vortag des Sabbath. Und während er so dasaß, seine Augen sich an der Heiligkeit des Landes Israel weideten, und seine Seele sich an der Fülle des Landes sättigte, hörte er ein Rufen: Kommet, lasset uns der Königin Sabbath entgegen gehen! Und er sah Menschen wie himmlische Boten, in weiße Gewänder gehüllt, Palmenzweige in den Händen, und alle Häuser von vielen Lichtern erhellt. Da erst wurde er dessen inne, daß der Vorabend des Sabbath herandämmere, und daß er nicht mehr zurückkehren könne. Er riß ein Rohr aus dem Boden, tauchte es in Galläpfel, aus denen man die Tinte zum Schreiben der Thorarollen macht, nahm ein Blatt und schrieb einen Brief an seinen Vater: Vom Ende der Erde lasse ich meine Lieder vernehmen, daß ich in Frieden in Erez Israel angelangt bin, und in der Nähe der heiligen Stadt Saphet weile und ihre Heiligkeit atme. Frage mich nicht wie ich hiehergekommen bin, sondern ergreife den Strick, der an den Schwanz der Ziege gebunden ist und gehe hinter ihr her, so wirst du sicher deines Weges ziehen und nach Erez Israel kommen! Der Bursche rollte den Zettel ein und steckte ihn ins Ohr der Ziege. Er dachte bei sich: Wenn sie zu meinem Vater kommt, streichelt er ihren Kopf, sie bewegt die Ohren und so fällt der Zettel heraus. Der Vater hebt ihn auf und liest, was darauf geschrieben ist, er faßt den Strick und geht mit ihr nach Erez Israel. Die Ziege kehrte ins Haus des Alten zurück, aber sie bewegte nicht die Ohren und der Zettel fiel nicht heraus. Als nun der Alte die Ziege zurückkehren sah und der Sohn nicht da war, begann er an sein Haupt zu schlagen und schrie und weinte und jammerte: Mein Sohn, mein Sohn, wo bist du? Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, mein Sohn, mein Sohn! Und er weinte weiter und trauerte um seinen Sohn, denn er sprach: Ein wildes Tier hat ihn gefressen, zerrissen, zerrissen, den Sohn. Er trauerte um seinen Sohn viele Tage, wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Trauernd werde ich zu meinem Sohn in die Gruft fahren. Und so oft er die Ziege sah, sagte er: Wehe dem Vater, der seinen Sohn verjagt hat und wehe ihr, die ihn aus der Welt geschafft hat. Der Sinn des Alten fand keine Ruhe, bis er den Schächter rufen ließ, um die Ziege zu schlachten. Da kam der Schächter und schlachtete sie. Er zog ihr Fell ab und der Zettel fiel aus dem Ohre. Der Alte nahm ihn und sprach: Ein Schreiben meines Sohnes! Der Alte las den Zettel, las alles, was ihm der Sohn geschrieben hatte. Er begann an sein Haupt zu schlagen und rief: Weh! Weh! Weh dem Manne, der mit den eigenen Händen sein Glück vernichtet hat und Weh dem Manne, der Gutes mit Bösen vergilt! Er trauerte um die Ziege viele Tage, wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Weh mir! Mit einem Sprung hätte ich nach Erez Israel kommen können und nun verkümmern meine Tage in dieser Fremde. Seit damals ist der Eingang der Höhle unsichtbar und einen kurzen Weg nach Erez Israel gibt es nicht mehr. Jener Bursche aber? Wenn er nicht gestorben ist, so „sproßt er noch heute im Greisenalter, gesättigt und frisch, in den Bezirken des Lebens, ruhig und sorglos“. KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Jüdischer Nationalfonds Postscheck- Konto München 10442 Nürnberg 24 565 Fernsprecher München 297 449 N ürnberg 92 26 Zentrale für Deutschland Berlin W 15 Meinekestraße Nr. i o Das Münchener Büro des Nationalfonds befindet sich jetzt Herzog-Rudolf-Straße 1; auch die Telephonnummer hat sich geändert. Die neue Nummer ist 29 74 49. Spendenausweis des Nürnberger Büros vom 12. August 1927 Allgemeine Spenden: Durch Fritz Fraenkel aus Würzburg 200.—, Herr Dir. Alfred Löwi 25.—, Wertzeichen: Frau Albert Ellern für 2 N.- F.-Telegramme 1.—. Imi-Tasche: Isaak Weißenberg (Fürth) 4.25, Nathan Radoschitsky 1.70, N. N. —.39. Bäume: Für Rüben Jehuda Blum s. A.-Garten: Frau Rahel Blum 1 B. 6.—. Summe: 238.34. Seit 1. Oktober 1926 aufgebracht: 18 135.92.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.